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Buch über Monokulturen "Kilometerweite Agrarwüste": Warum die moderne Landwirtschaft schlecht für den Menschen ist

Florian Hurtig
"Eine Diktatur des rechten Winkels und der geraden Linie": Florian Hurtig hat ein Buch über die Entfremdung des Menschen von der Landschaft geschrieben.
© privat (kleines Bild) / Getty Images
Monokulturen in der Landwirtschaft sind nicht nur schlecht für die Natur, sondern auch für die menschliche Gesellschaft, sagt Florian Hurtig. Der Klimaaktivist hat ein Buch über die verheerende Geschichte der Monokultur geschrieben - und erklärt, was sich ändern muss.

Herr Hurtig, raus in die Natur, ein bisschen frische Luft atmen, das ist doch was Schönes. Sie aber schreiben in Ihrem Buch "Paradise Lost": "Wer will heute denn noch raus auf dieses monotonisierte Land? Was gäbe es dort noch zu sehen? Kilometerweite Agrarwüste, ein Quadratmeter wie der nächste, ein Hektar wie der andere – eine Diktatur des rechten Winkels und der geraden Linie." Ist das nicht ein bisschen übertrieben?

Das hängt natürlich davon ab, wo man guckt. Es gibt viele Orte in der Welt, wo es tatsächlich so aussieht, auch in Deutschland. Natürlich gibt es hier auch noch vielfältige Landschaften, aber schauen Sie mal nach Niedersachsen, wie großflächig da alles bewirtschaftet ist. Und das wird immer mehr.

Das Natur-Idyll, was wir so im Kopf haben, das gibt es in Deutschland immer weniger?

Wir haben uns mal Luftaufnahmen von unserer Gegend hier im Rheinland von vor 40 Jahren angesehen. Da gab es noch viel mehr Hecken, kleinteiligere Felder und so weiter. Hier ist es sicher noch nicht so monoton wie anderswo. Aber die Tendenz ist klar.

Florian Hurtig ist Permakulturdesigner, Baumpfleger und Klimaaktivist. Er bewirtschaftet einen Waldgarten bei Bonn und hat das Buch "Paradise Lost: Vom Ende der Vielfalt und dem Siegeszug der Monokultur" geschrieben, was am 8. September im Oekom-Verlag erschienen ist.
Florian Hurtig ist Permakulturdesigner, Baumpfleger und Klimaaktivist. Er bewirtschaftet einen Waldgarten bei Bonn und hat das Buch "Paradise Lost: Vom Ende der Vielfalt und dem Siegeszug der Monokultur" geschrieben, was am 8. September im Oekom-Verlag erschienen ist.

Warum sind Polykulturen überhaupt besser als Monokulturen?

Ökologisch gibt es klare Vorteile: Die Biodiversität ist in Polykulturen höher, was wiederum den Einsatz von Insektiziden überflüssig macht. Wenn Obstbäume zwischen Gemüsereihen stehen, steigt die Population von Marienkäfern und Florfliegen früh im Jahr an, die später die Läuse von den Gemüsepflanzen fressen. Zudem speichern Polykulturen mit hohem Baum- und Humusanteil mehr Kohlenstoff pro Fläche, ein wichtiger Punkt in der Klimaproblematik. Und schließlich können Polykulturen auch sehr flächenproduktiv sein: Eine Walnuss kann einen anderen Raum ausnutzen als eine Kartoffel.

In Ihrem Buch beschreiben Sie die Entwicklung der Monokultur nicht nur als schlecht für die Natur, sondern auch als Sündenfall für die gesellschaftliche Entwicklung des Menschen. Warum das?

Etwas zugespitzt könnte man sagen: Mit der Monokultur hielt auch Herrschaft als institutionalisiertes Machtverhältnis Einzug in die menschliche Gesellschaft. Monokulturen aus Getreide hatten den Vorteil, dass sie sich leichter besteuern ließen, was sich die ersten Stadtstaaten zu Nutze machten. Im Vergleich zu den früheren Kulturen, die sich um Polykulturen drehten, waren diese Staaten extrem autoritäre Gebilde, die auf unfreier Arbeit und ökonomischer Ungleichheit basierten – und die den organisierten Krieg erfanden auf der Jagd nach neuen Sklaven.

Die neolithische Revolution – also Sesshaftwerdung, Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht – gilt gemeinhin als große Errungenschaft des Menschen, weil er mehr Nahrung und auch auf Vorrat produzieren konnte. Aber Sie sagen, dass es den Menschen besser ging, als Sie noch Jäger und Sammler waren?

Die Menschen waren ja nicht einfach nur Jäger und Sammler. Die Pflanzenkultivierung war schon lange vor dem Aufkommen des Ackerbaus bekannt. In Japan wurden schon 10.000 Jahre vor der neolithischen Revolution essbare Waldgärten angelegt und dafür zum Beispiel die japanische Esskastanie gezüchtet. Auch im Nahen Osten gab es ähnliche Strategien. Diese Polykultursysteme waren krisensicher und brachten bei vergleichsweise wenig Arbeit viel Nahrung ein.

Daher bezeichnen Sie diese Zeit auch als das "goldene Zeitalter"?

Interessanterweise entwickelte sich in diesen Gesellschaften ein starker Gemeingut-Gedanke. Die Flächen wurden gemeinsam bewirtschaftet und genutzt. Privateigentum spielte keine oder eine untergeordnete Rolle gegenüber dem Gemeingut und der Allmende. Das liegt vermutlich daran, dass die Arbeit nicht hart wie beim Ackerbau, sondern inspirierend und vielfältig war, vor allem wenn sie gemeinsam ausgeübt wurde.

Erklären Sie einmal, wie die Waldgärten dieser Zeit funktionierten?

Der Waldgarten ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein natürliches System mit geringen menschlichen Eingriffen in ein sehr nahrhaftes System überführt werden kann. So wurden zum Beispiel nur die Bäume für die Holzgewinnung gefällt, die keinen Nahrungsertrag brachten, sodass mehr Raum für Nuss- und Obstbäume blieb. Oder es wurden verschiedene Gemüsepflanzen und Beerensträucher gezielt angepflanzt. Bei solchen Systemen stellt der Mensch sich nicht außerhalb der natürlichen Netzwerke – wie in der Monokultur, wo diese verhindert werden – sondern klinkt sich in diese ein, um sie nach seinem Bedarf zu verändern.

Jetzt haben wir ein paar Jahrhunderte technologischen Fortschritt und industrielle Landwirtschaft hinter uns und können das Rad der Zeit nicht einfach zurückdrehen. Wie kommen wir wieder hin zu mehr Nachhaltigkeit und weniger Monokultur?

Man kann zum Beispiel Baumreihen in Abständen von 15 oder 30 Metern durch die Äcker ziehen. So entstehen positive Effekte für das Klima, die Böden und den Ertrag, während die Felder mit der gleichen Maschinerie weiter zu bewirtschaften sind. Diese sogenannten Agroforstsysteme werden etwa in Frankreich gerade stark gefördert.

Und in Deutschland?

In Deutschland tut sich die Politik da leider noch sehr schwer, vielleicht weil das Bundeslandwirtschaftsministerium zu sehr auf die Bedürfnisse der konventionellen Großagrarier schaut.

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Und für die sind Monokulturen immer noch lukrativer.

Die monokulturelle Bewirtschaftung ist gut, um möglichst viel monetär Verwertbares aus der Landschaft zu ziehen, während die Polykultur gut ist, um lokale Communitys gut und vielfältig zu versorgen. Zum Beispiel mit Früchten, die nicht transportfähig und nicht lange lagerbar sind, oder die nicht in genügender Anzahl anfallen, um die dazugehörige Infrastruktur der Vermarktung aufzubauen.

Was müssen wir Ihrer Meinung nach als Gesellschaft ändern?

Wir brauchen Gemeinschaften, bei denen sich Verbraucher und Erzeuger zusammentun und gemeinsam den Anbau und die Nahrungsversorgung organisieren. So wie das beim Modell der solidarischen Landwirtschaft der Fall ist. Über solche Gemeinschaften ist es viel leichter, lokale Warenströme aufzubauen, die nicht dem Druck des Marktes unterworfen sind, sondern nur das Ziel haben, Menschen satt und glücklich zu machen.


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