Jobs kontra Umwelt Kohlerevier an der Küste?

Ausgerechnet am Greifwalder Bodden, im Einzugsgebiet der Urlaubsinseln Usedom und Rügen, will der dänische Energieriese Dong Energy ein Steinkohlekraftwerk der Hochleistungsklasse errichten. Jetzt formiert sich die Widerstand der Anwohner.

In Sachen Klimaschutz sieht Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (CDU) sein Land "gut aufgestellt". Durch einen Mix mit hohem Anteil erneuerbarer Energieträgern zähle der Nordosten, insbesondere der ländliche und küstennahe Raum, zu den durch Luftverunreinigungen am wenigsten belasteten Regionen Deutschlands, verkündete er unlängst bei der Vorstellung des neuen Luftgüteberichts.

Elf Schiffe, 50 Lkw und zwei Züge - pro Woche

Dass das auch so bleibt, wird an Vorpommerns Küste zunehmend angezweifelt. Denn ausgerechnet am Greifswalder Bodden, im Einzugsgebiet der Urlauberinseln Usedom und Rügen, will der dänische Energieriese Dong Energy mit massiver Unterstützung aus Schwerin ein Steinkohlekraftwerk der Hochleistungsklasse errichten. Im Zeitalter des Klimawandels sollen für 1,5 Milliarden Euro zwei 800-Megawatt-Blöcke in die Lubminer Heide gesetzt werden, in denen ab 2012 laut Dong jährlich 3,6 Millionen Tonnen Importsteinkohle verfeuert werden - angeliefert mit Hochsee-Massengutfrachtern, deren Ladung über einen schwimmenden Transshipper in der Ostsee auf Schuten umgeschüttet wird, die dann im Tagestakt in den flachen Bodden einlaufen werden.

Das geplante Kraftwerk in Zahlen

Das von dem dänischen Energiekonzern Dong Energy in Lubmin geplante Steinkohlekraftwerk ist die größte private Industrieinvestition seit der Wende in Mecklenburg-Vorpommern. Fördermittel soll es für das 1,5 Milliarden Euro teure Projekt nicht geben. Es entstehen etwa 140 Arbeitsplätze. Geplant sind zwei 800-Megawatt-Blöcke, die 600 Grad heißen Wasserdampf mit einem Druck von 275 Bar bereitstellen. Damit erreicht die Anlage einen Wirkungsgrad von 46 Prozent, etwa 9 Prozent mehr als ein derzeit betriebenes durchschnittliches deutsches Kraftwerk.
Errichtet wird die Anlage auf einem 32 Hektar großen Areal unmittelbar am Lubminer Hafen. Die beiden Kesselhäuser werden 120 Meter groß sein, die Schornsteine erreichen eine Höhe von 150 Metern. Zudem ist ein 500.000 Tonnen fassendes Kohlelager geplant. Eine moderne Rauchgasentschwefelungsanlage und Elektrofilter sollen die Einhaltung gesetzlicher Emissionswerte garantieren.
Jährlich werden 3,6 Millionen Importsteinkohle, 80.000 Tonnen Schweröl sowie 70.000 Tonnen Kalkstein und Kreide benötigt. Es fallen 450.000 Tonnen Flugasche an, die an die Zementindustrie gehen sollen. Darüber hinaus entstehen pro Jahr jeweils 120.000 Tonnen Schlacke und Gips. Für den Transport dieser Mengen werden in der Region pro Woche etwa elf Schiffe mit einer Kapazität von jeweils bis zu 15.000 Tonnen sowie 50 Lkw und zwei Züge im Einsatz sein.

Über derartige Szenarien kann Günther Vater, Biologe und engagierter Gegner des Kohleprojekts, nur fassungslos den Kopf schütteln. Er zeigt ein Plakat der Bürgerinitiative "Zukunft Lubminer Heide" mit dem Greifswalder Dom vor den gigantischen Umrissen des Kraftwerksbaus. "Allein die gigantischen Kesselhäuser würden die Kirchturmspitze um 20 Meter überragen. Da entsteht ein Bau, der unsere Küste weithin prägen wird!"

Zehn Millionen Tonnen CO2 - im Jahr

Der pensionierte Wissenschaftler hat die verfügbaren dänischen Planungsunterlagen genau studiert und ausgerechnet, dass die zwei Blöcke bei 80-prozentiger Auslastung jährlich bis zu zehn Millionen Tonnen Kohlendioxid, 7000 Tonnen Schwefeldioxid, 3600 Tonnen Stickoxide, 700 Tonnen Staub und 900 Kilogramm Quecksilber in die Luft pusten würden. "Zudem würden sich Teile des Greifswalder Boddens durch das eingeleitete Kühlwasser um ein bis zwei Grad aufheizen, was das gesamte Ökosystem verändern könnte. Von den Auswirkungen durch den erhöhten Schiffsverkehr sowie den Lärm- und Licht-Emissionen ganz zu schweigen!"

Seit Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD) zu Jahresbeginn das Projekt vorstellte, wächst vor Ort der Widerstand gegen das Kraftwerk. "Wir sind nicht gegen jede Industrieansiedlung", sagt Michael Drevlak, Sprecher der rund 100 Mitglieder zählenden Lubminer Bürgerinitiative. Doch ein Kohlekraftwerk würde in einer vom Tourismus geprägten Region weitaus mehr Arbeitsplätze gefährden als schaffen. Mittlerweile haben fast 2000 Bewohner in einer Unterschriftenaktion ihren Protest zum Ausdruck gebracht. Gefordert wird eine Bürgerbefragung.

Angst vor Tourismus-Rückgang

Auch auf Usedom, wo sich Gegner zu einer weiteren Bürgerinitiative zusammenschließen wollen, und auf Rügen, wo acht Bürgermeister von Küstenorten einen Protestbrief an den Wirtschaftsminister schrieben, formiert sich der Widerstand. Zum nächsten SPD-Landesparteitag wollen Usedomer Genossen einen Antrag einbringen, der die Streichung des Kraftwerksprojekts aus dem Koalitionsvertrag mit der CDU vorsieht.

Auch Prominente, vom Pommerschen Bischof Hans-Jürgen Abromeit bis zum Träger des alternativen Nobelpreises Michael Succow, äußerten Kritik an den Lubminer Energieplänen. "Notfalls werden wir sämtliche gerichtliche Möglichkeiten ausschöpfen um ein Kohlerevier an der Ostsee zu verhindern", warnt Drevlak.

Ralph Sommer/DDP DDP

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