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Kabinett verabschiedet Mindestlohn "Die Kaufkraft nimmt zu"


Viele Ökonomen malen Horrorszenarien an die Wand, was nach Einführung des Mindestlohns passieren wird. Nicht so der Wirtschaftsweise Peter Bofinger. Im Gegenteil. Ein Gespräch.

Herr Bofinger, heute hat das Kabinett das Mindestlohngesetz verabschiedet. Es soll noch vor der Sommerpause den Bundestag passieren. Ein Jobkiller?
Nein. Bis der Mindestlohn für alle 2017 eingeführt ist, liegt er in einem vernünftigen Bereich. Man muss die 8,50 Euro in Beziehung setzten zum durchschnittlichen Lohn in Deutschland, und der liegt bei etwa 16 Euro. Unser Modell ist international betrachtet kein Ausreißer.

Experten prophezeien dennoch, der Mindestlohn könnte 900.000 Jobs gefährden.


Auch wenn es viele hiesige Ökonomen anders darstellen: Wir machen kein schreckliches Experiment, dass nirgendwo praktiziert worden ist. Der Mindestlohn ist in allen zivilisierten Ländern Standard. In Deutschland wurden seit Mitte der neunziger Jahre mehrere Branchenmindestlöhne eingeführt, und es gingen keine Jobs verloren.

Warum entwerfen Ökonomen des ifo-Instituts und des Sachverständigenrats dann Horrorszenarien?


Der Mindestlohn verstößt gegen einen Katechismus der Ökonomen. Ihnen wird von der ersten Lehrstunde gesagt: Der Markt bestimmt die Preise, der Staat soll nicht eingreifen, sonst begeht er einen Sündenfall. In der Tat wäre es problematisch, wenn der Staat die Preise für einzelne Produkte, wie Kartoffeln, kontrollierte. Am Arbeitsmarkt aber ist die Lage anders.

Wieso?


Der Arbeitgeber ist oft in einer Machtposition gegenüber dem Arbeitnehmer. Er kann das ausnützen, zu niedrige Löhne zahlen und überhöhte Gewinne einstreichen. Der Mindestlohn ändert das. Er gibt dem Arbeitnehmer mehr Macht.

Müssten ihn Wirtschaftsexperten nicht gut finden?
Tja, ganz verstehe ich das auch nicht. Ich habe in einem Sondervotum zum Sachverständigengutachten auf die vielen Studien hingewiesen. Das Ergebnis ist eindeutig, es gibt keine negativen Beschäftigungseffekte. Dass die hierzulande eingeführten Branchenmindestlöhne keine Nachteile brachten, das haben konservative Wirtschaftsinstitute ermittelt. Die hätten bestimmt etwas gefunden, wenn sich etwas hätte finden lassen.

Einzelne Branchen, wie Gaststätten oder Friseure fürchten dennoch überfordert zu werden. Ist das nur Lobbyistengeschrei?


Mit dem Mindestlohn hat auch die Kellnerin wieder mehr Geld, um zum Friseur zu gehen. Die Kaufkraft nimmt generell zu, das muss man als Gesamtpaket sehen.

Also keine Ausnahmen für einzelne Branchen?


Ein Mindestlohn muss flächendeckend sein. Wen soll man denn verschonen? Etwa die Branche, die besonders wenig zahlt? Dann brauche ich keinen Mindestlohn. Er soll ja genau dort wirken, wo die Löhne extrem niedrig sind.

Auch keine Ausnahmen für Jugendliche?


Ob jemand 19 oder 66 Jahre alt ist - wir können nicht sagen: Du bekommst dann weniger Lohn. Das wäre Altersdiskriminierung. Sinnvoll differenzieren lässt sich ein Punkt: Geht es um ein Arbeitsverhältnis oder ein Ausbildungsverhältnis.

Warum kann man die Folgen eines Mindestlohns so schwer abschätzen?


Ich müsste wissen, wie die Lage der Unternehmen tatsächlich ist. Wie groß ist die Gewinnspanne, geht die Firma tatsächlich auf dem Zahnfleisch oder schöpft sie Sondergewinne ab? Diese Informationen müsste ich für jede Branche und jede Region genau überprüfen können. Aber diese Informationen hat natürlich keiner.

Dann stochern viele Experten beim Mindestlohn im Nebel?


Im Prinzip ja. Natürlich kann man nicht jegliche Jobverluste völlig ausschließen. Aber der Effekt wird sich in Grenzen halten.

Interview: Andreas Hoffmann

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