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Klamotten, fair und gleichzeitig billig: Die Wahl der Qual

Im Grunde sind wir alle Weltverbesserer und fordern in der Mehrzahl fair hergestellte Klamotten – dafür zahlen wollen wir aber nicht. Eine gesellschaftliche Schizophrenie.

Von Katharina Grimm

In dieser Fabrik in Bangladesch entstehen pro Monat 500.000 Kleidungsstücke - von günstigen Shirts bis zu Kollektion von Sportartikelherstellern.

In dieser Fabrik in Bangladesch entstehen pro Monat 500.000 Kleidungsstücke - von günstigen Shirts bis zu Kollektion von Sportartikelherstellern.

Beim Thema faire Mode beginnt der stille Stylecheck: Wo kommen die Schuhe noch her? Mist, die Bluse ist von H&M - die produzieren doch auch in diesen miesen Fabriken, oder? Man fühlt sich heimlich ertappt, nur noch nicht entlarvt. Dabei sind wir doch im Herzen alle Weltverbesserer. Oder?

Fragt man, ob uns faire hergestellte Mode wichtig ist, dann antworten wir alle brav: ja! Natürlich wollen wir nicht, dass Menschen am anderen Ende der Welt in giftigen Wolken und in einer Pfütze aus Färbemitteln ihre Gesundheit ruinieren, nur weil wir ganz gerne neue Jeans hätten. Das belegt nun auch eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Yougov, das nach moralischen Werten beim Klamotten-Shoppen gefragt hat. 86 Prozent der Befragten gab an, dass eine faire Produktion natürlich wichtig sei. Fast ein Drittel würde sogar die Finger von dem Pulli oder der Hose lassen, wenn bekannt sei, dass es unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen entstanden sei. So weit, so heuchlerisch.

Geiz bleibt geil

Denn in der Boutique spielt das alles keine Rolle mehr. Das Shoppingcenter mit all der aktuellsten Mode ist weit weg von den abgebrannten Textilfabriken in Bangladesch, in denen Menschen ihr Leben riskieren, damit die Regale in Deutschland weiter mit brandneuen Trends vollgestopft werden können. Denn auch das fand die Studie heraus: Wir fordern Fairness - und schauen doch gleichzeitig sehr genau auf den Preis. Ebenfalls 86 Prozent ist der Preis von Bekleidung zumindest nicht unwichtig. Und auf die Frage, wie viel ein T-Shirt kosten darf, pendelt sich die Meinung zwischen fünf Euro (29 Prozent) und zehn Euro (51 Prozent) ein.

Allerdings ist es auch schwer erkennbar, wie die Kleidung hergestellt wurde. Der Preis selbst ist längst kein Indikator mehr. Sicherlich, die turbo-billigen Ketten, wie Kik oder Primark, stehen schon seit Jahren wegen Niedriglöhnen und mangelnder Arbeitssicherheit in der Kritik. Beim bisher schwersten Unglück in der Textilindustrie im vergangenen Jahr in Bangladesch starben 1130 Menschen und über 2500 wurden zum Teil schwer verletzt. Doch auch teure Hersteller lassen in Fernost produzieren. Vom hohen Preis auf die Bedingungen vor Ort zu schließen, mag bei Billigstanbietern funktionieren, im mittleren und hohen Segment steht der Kunde im Nebel. Auch Gütesiegel sind kaum mehr als eine Orientierung. Eine verlässliche Kontrolle gibt es nicht.

Fair, nicht teuer

Was die Studie nicht gefragt hat: Wäre Ihnen der Preis unwichtiger, wenn Sie garantiert wüssten, dass das Shirt unter fairen Bedingungen entstanden ist? Oder: Würden Sie dafür sogar mehr bezahlen? Denn bisher ist der Preis eine fixe Größe, nur selten verhandelbar, knallhart kalkuliert. Wie das Kleidungsstück allerdings produziert wurde, ist kaum nachvollziehbar. Auf den Etiketten steht das Wieviel, nicht das Wie.

Fair, aber bitte nicht teuer - so scheint also das perfekte Shoppingerlebnis für Deutsche auszusehen. Eine gesellschaftliche Schizophrenie: Wir wollen viel bekommen und wenig dafür zahlen. Ein Ungleichgewicht, das nicht funktionieren kann. Dabei haben wir zumindest im Kleinen die Wahl, können die schlimmsten Produktionssünder umschiffen und: nachfragen. Doch laut dem Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels gaben zuletzt nur sieben Prozent der Händler an, dass sich Kunden verstärkt für die Herstellung der Mode interessiert hätten.

Den Preis und die Umstände, unter denen Menschen für Mode malochen müssen, setzen wir vielleicht doch nicht gleich, denn: Beim Preis fragen wir nach. Bei den Produktionsbedingungen schweigen wir.

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