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Konzernstruktur: Löscher baut Siemens um

Deutschlands größter Technologiekonzern bekommt eine neue Struktur: Siemens-Chef Löscher gliedert das operative Geschäft in drei Bereiche auf, auch die Vorstandsstruktur wird geändert. Zu einer Verkaufswelle soll es aber nicht kommen.

Siemens-Vorstandschef Peter Löscher hat seine Pläne für die künftige Aufstellung und Organisation des Münchener Technologiekonzerns vorgestellt. Nach seinen Plänen werde Siemens künftig in drei große Bereiche Infrastruktur und Industrie, Energie und Medizintechnik gegliedert sein, sagte er am Donnerstagabend vor Journalisten in München. Die Chefs dieser Sparten sollen dem Konzernvorstand angehören. Das oberste Siemens-Management habe sich bereits darauf geeinigt, die jetzige Struktur des Vorstands aufzugeben. Der Aufsichtsrat solle den neuen Aufbau Ende November absegnen. Bislang haben die Zentralvorstände keine direkte operative Verantwortung.

Osram wird nicht verkauft

Auch die Zusammensetzung des Konzerns will Löscher nach dem Verkauf der Autozuliefersparte VDO weiter verändern. "Wir werden die Portfoliopolitik sukzessive und systematisch abarbeiten", sagte Löscher. Allerdings trat er Erwartungen entgegen, es werde unter seiner Leitung zu einer Verkaufswelle kommen. "Siemens war, ist und bleibt ein integrierter Technologiekonzern." So stehe ein Verkauf der im Konzern weitgehend eigenständigen Lichttechniktochter Osram nicht zur Debatte. "Es gibt keine Überlegungen zu Osram." Der Konzern werde die Tochter zur Gänze behalten. Auch die zuletzt mit Rendite- und Qualitätsproblemen kämpfende Zugsparte TS werde einem umgebautem Konzern weiterhin angehören.

Außerdem geht Siemens eine strategische Partnerschaft mit dem russischen Milliardär Alexej Mordaschow beim russischen Energieanlagenbauer Silowyje Maschiny (Power Machines) ein. Mordaschow habe über seine Gesellschaft Highstat Ltd. den bisher vom russischen Mischkonzern Interros gehaltenen 30,4-Prozent-Anteil an Power Machines übernommen, teilte Siemens am Freitag mit. Der Vereinbarung zufolge werde Mordaschow damit als größter Anteilseigner den Unternehmenschef von Power Machines stellen, während Siemens den für das operative Geschäft verantwortlichen Vorstand ernennen werde. Mordaschow kontrolliert auch den russischen Stahlkonzern Severstal.

Kritisch äußerte sich Löscher hingegen über die gemeinsam mit Nokia betriebenen Netzwerkfirma Nokia Siemens Networks. Die Geschäftsentwicklung bleibe bislang weit hinter den Erwartungen zurück. "Wir sind mit NSN absolut nicht zufrieden", sagte Löscher, der am kommenden Montag 100 Tage amtiert. Auch der Abwärtstrend des Computer-Joint-Ventures mit der japanischen Fujitsu bereite ihm Sorgen: "Wir sind mit Fujitsu Siemens nicht zufrieden." Zu möglichen Ausstiegsplänen aus den beiden Gemeinschaftsfirmen wollte sich Löscher nicht äußern.

Korruptionsskandal noch nicht überstanden

Er kündigte an, dass der Konzern seine zentralen Strukturen stärken werde. Die bislang mächtigen Regionalgesellschaften müssten künftig zurückstecken. "Wir werden die bestehenden Vorfahrtsregeln stärker betonen." Er werde zudem in seiner Arbeit künftig die asiatischen Märkte stärker in den Mittelpunkt rücken. "Wir sind in Asien gut aufgestellt. Es gibt dort riesige Potenziale, weiterhin zu wachsen." Zugleich soll aber das Geschäft in Amerika nicht vernachlässigt werden. "Der US-Markt ist weiterhin enorm wichtig."

Noch kein Licht am Ende des Tunnels sieht Löscher hingegen beim Korruptionsskandal. Dieser sei für den Konzern trotz einer millionenschweren Geldbuße noch nicht überstanden. "Das ist ein wichtiger Baustein - aber nur einer von vielen", so Löscher. Wegen schwarzer Kassen in seiner Kommunikationssparte Com muss der Siemens-Konzern 201 Millionen Euro zahlen. Zusätzlich muss das Unternehmen 179 Millionen Euro Steuern nachzahlen. Allerdings ermittelt unter anderem die US-Börsenaufsicht SEC in dem Korruptionsskandal weiter gegen Siemens. Mit der vom Landgericht München verhängten Geldbuße schloss die Münchner Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen gegen den Konzern in dessen Kommunikationsbereich ab.

Verfahren gegen Siemens-Manager laufen weiter

Die Verfahren gegen einzelne Manager laufen jedoch weiter. Die Staatsanwaltschaft erhob die erste Anklage gegen den früheren Siemens-Manager Reinhard S.. Die Ermittler werfen ihm vor, er habe - zusammen mit anderen - von Ende 2001 bis September 2004 als kaufmännischer Leiter in der Telekommunikationssparte 77 Mal Amtsträger in Libyen, Nigeria und Russland bestochen, um Aufträge für Siemens zu erlangen. Gegen Reinhard S. wurde schon vor zwei Jahren in Liechtenstein und in der Schweiz ermittelt. Die Anklage geht davon aus, dass der Konzern durch Bestechung wirtschaftliche Vorteile in Höhe von mindestens 200 Millionen Euro erzielt hat. Die bereits verhängte Geldbuße von 201 Millionen Euro solle diesen Betrag übersteigen und zusätzlich eine fühlbare Beeinträchtigung für Siemens darstellen, erklärte das Landgericht. Siemens hatte die Strafe sofort akzeptiert.

Konzernchef Löscher betonte, die Aufklärung des Korruptionsskandals gehe weiter. "Wir werden alle anderen Untersuchungen mit Vehemenz unterstützen", erklärte er. "Compliance ist Chefsache." Er glaube, Siemens sei hier gut vorangekommen. So habe das Unternehmen als einziges in Europa ein eigenes Vorstandsressort zur Überwachung von Anti-Korruptions-Regeln geschaffen. Zudem untersuchen interne Ermittler der US-Kanzlei Debevoise die einzelnen Unternehmensbereiche. Berichten zufolge fanden sie noch weitere 300 Millionen in der Kraftwerkssparte des Konzerns. In einer weiteren Siemens-Affäre um verdeckte Zahlungen an die Alternativgewerkschaft AUB ermittelt die Nürnberger Staatsanwaltschaft gegen den langjährigen Siemens-Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger und Siemens-Europachef Johannes Feldmayer. Der ehemalige AUB-Vorsitzende Wilhelm Schelsky sitzt in dieser Affäre in Untersuchungshaft.

DDP/Reuters / Reuters