VG-Wort Pixel

Vorstandsgehälter Seid umschlungen, Millionen!

Jeder Vorstand eines der 30 DAX-Unternehmen erhält im Mittel den 53-fachen Durchschnittslohn seiner Firma
Jeder Vorstand eines der 30 DAX-Unternehmen erhält im Mittel den 53-fachen Durchschnittslohn seiner Firma
© Colourbox
Schwarz-Rot will die Vorstandsgehälter einschränken. Künftig sollen Aktionäre über die Löhne der Manager entscheiden. Der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann warnt: So wird alles noch viel schlimmer.
Von Rolf-Herbert Peters

Wie ungerecht das Leben sein kann, lässt sich bei Elmar Müller (Name geändert) ablesen: Nach 38 Jahren als Siemens-Programmierer verdiente er 2012 rund 65.000 Euro. Der damalige Vorstandschef Peter Löscher bekam 7,9 Millionen – nach sechs Jahren. Faktor 122. Solch eine eklatante Lohnspreizung gibt es nicht nur beim Münchener Konzern. Die Hans-Böckler-Stiftung hat ermittelt, dass jeder Vorstand der 30 DAX-Unternehmen im Mittel den 53-fachen Durchschnittslohn seiner Firma einstreicht. Das sind über fünf Millionen Euro Jahresgehalt im Durchschnitt. "Da kannst Du nur den Kopf schütteln", sagt Müller.

Den schwarz-roten Verhandlungsführern der großen Koalition war das offenbar auch zu unanständig. Sie schrieben in den Entwurf des Koalitionsvertrags, jedes Unternehmen müsse künftig das Verhältnis vom Vorstandsgehalt und Durchschnittslohn angeben. Eine Gerechtigkeitsquote also, über die jeder urteilen kann: Ist sie fair – oder einfach nur dreist? Prompt kassierte die Kanzlerin diese Passage. Angeblich, um ein Neiddebatte zu verhindern. Was blieb: Demnächst soll die Hauptversammlung über die Vorstandsgehälter entscheiden und nicht mehr der Aufsichtsrat. Eine alte FDP-Idee.

Wirtschaftsethiker übt scharfe Kritik

Für den Berliner Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann ist das der denkbar falscheste Ansatz, um mehr Fairness beim Einkommen herzustellen: "In der Hauptversammlung regiert letztlich das Kapital, und das will, genau wie die Vorstände, vor allem die Rendite maximieren." Wer denkt da schon an Lohngerechtigkeit? Arbeitnehmervertreter und Gewerkschaften, die bisher im paritätisch besetzten Aufsichtsrat dafür kämpfen konnten, werden kaltgestellt. Für Thielemann gibt es nur eine Lösung: "Der Anteil der Boni an den Gehältern muss massiv eingeschränkt werden." Stattdessen sollten Vorstände lieber mehr Grundgehalt bekommen – wie jeder andere Arbeitnehmer auch.

Der Ökonom sagt, Manager würden durch die Boni "korrumpiert", zu "Pawlowschen Hunden" ausgebildet, die nur noch Kursgewinnen und Renditen nachjagen, weil sie selbst davon mit Millionen profitieren. Wie Maschinen würden sie "renditestörende Elemente ausradieren" und sich nicht um Sinnhaftigkeit und Gerechtigkeit scheren. Sie schließen Werksverträge ab, um Sozialleistungen zu umgehen. Sie befristen Arbeitsverträge, um sich den Beschäftigten nicht mehr zu verpflichten. Sie schicken Tausende Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit – und lassen sich von der Börse dafür feiern. Der jüngste "Datenreport" der Bundesregierung scheint das zu belegen: Trotz hoher Beschäftigungsquote können immer weniger Menschen von ihrer Arbeit leben – die Armut in Deutschland wächst.

Marktfreiheit ist nicht absolut

Gehaltsgrenzen für Manager - das sei mal wieder diese typisch deutsche, marktfeindliche Sozialduselei, sagen Kritiker. Stimmt diesmal aber nicht. Augenmaß beim Einkommen zählt längst weltweit zur guten Unternehmensführung. Zur Corporate Governance. Sogar im Mutterland des Kapitalismus, den USA, fordert die US-Börsenaufsicht SEC neuerdings Unternehmen auf, ihren Gerechtig-keitsfaktor, die "CEO-to-Worker-Rate" offenzulegen. Wie hier haben überall erst die variablen Vergütungen, die Aktienoptionen, die in Deutschland vor rund 15 Jahren populär wurden, Gehaltsexzesse möglich gemacht. VW-Chef Winterkorn verdiente damit 2011 rund 17,5 Millionen Euro – das 191-fache eines durchschnittlichen VW-Beschäftigten.

So etwas darf nicht vorkommen, sagt Thielemann: "Marktfreiheit ist zwar ein Grundrecht, aber sie ist nicht absolut, weil sie anderen Freiheitsrechten gegenübersteht." Zum Beispiel dem Recht auf eine faire Entlohnung. Das heißt: Der Staat kann und muss sich auch beim Höchstlohn einmischen, wenn es der höhere Sache dient. Der Gerechtigkeit eben. So wie er es beim Mindestlohn oder der Frauenquote für Aufsichtsräte tut.

Der Staat also – und nicht der Aufsichtsrat. Der Philosoph und Theologe Rupert Lay sieht dennoch eine Minichance, dass die Aktionäre den Fabelgehältern ein Ende setzen. Aus reinem Egoismus. "Die Millionen sind sittenwidrig, weil sie die Aktionäre schädigen." Kapital absaugen. Er selbst besitzt Aktien: "Wäre ich 30 Jahre jünger, ich würde sofort dagegen vor Gericht ziehen."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker