Koopertive Mondragon Die Genossen aus dem Baskenland

Die oberste Firmenmaxime lautet: Keine Entlassungen! Ein Manager darf maximal das Achtfache eines einfachen Arbeitslohns verdienen - und ein Teil des Gewinns wird direkt an die Mitarbeiter ausgeschüttet. Utopie? Nein, sondern Realität - im siebtgrößten Unternehmen Spaniens, der Genossenschaft Mondragòn.
Von Walter Hasselbring

Glaubt man den meisten Pressestimmen, kommt aus dem Baskenland selten etwas Gutes. Vielleicht mal ein Weltklassekoch wie Jean Marie Arzak aus San Sebastian, oder ein spitzenmäßiger Rotwein aus der Rioja. Aber sonst: schlechtes Wetter vom Golf von Biskaya und noch schlechtere Nachrichten über die ETA. Dabei gibt es im Norden Spaniens ein kleines, wehrhaftes Dorf namens Mondragon, das sich schon seit über fünfzig Jahren beeindruckend gegen den Rest der Welt stemmt: Umzingelt vom sich weltweit frei entfaltenden Kapitalismus, wird hier das Gegenmodell praktiziert.

Größte Genossenschaft der Welt

Denn die Mondragon Corporacion Cooperatiova (MCC), die größten Genossenschaft der Welt, funktioniert nach anderen Regeln. Nicht nur, dass hier in der Generalversammlung jede Stimme das gleiche Gewicht hat - vor allem gilt bei MCC die Devise: Niemand darf entlassen werden! Dabei ist das Unternehmen beileibe keine weltfremde Hinterhofbude, sondern die siebtgrößte Firma Spaniens mit fast 82.000 Mitarbeitern. Nur sind bei MCC die meisten Beschäftigten auch gleichzeitig Eigentümer der Firma.

Wie wird das Geld verteilt ?

Innerhalb von Genossenschaft MCC gibt es Branchenverbände, innerhalb derer die einzelnen Firmen ihr Wissen teilen, ein einheitliches Sozialsystem betreiben und natürlich durch Synergien Kosten sparen. Jede Einzelgenossenschaft gibt 20 Prozent des Gewinns an die Gruppe ab, zu der sie gehört. 14 Prozent gehen an den Dachverband, 10 Prozent an einen Investitionsfond, zwei Prozent an einen Bildungs- und zwei Prozent an einen Solidaritätsfond. Der restliche Nettogewinn geht zu 10 Prozent an einen Sozialfond, 45 Prozent sind Reserven und 45 Prozent fließen auf die Konten der Genossen

Doch auch die Unternehmensziele unterscheiden sich erheblich von denen anderer Betriebe: Neben dem Entlassungsverbot, das in den 50 Jahren seit der Gründung der Kooperative noch nie verletzt wurde, gilt auch der Schaffung weiterer Arbeitsplätze besondere Priorität. Aber auch eine besonders demokratische Organisationsform, Solidarität zwischen den Betrieben und eine faire Verteilung des Wohlstandes unterscheidet MCC von anderen Firmen. So kommen in der Genossenschaft auch keine großen Gehaltsunterschiede vor. Ein leitender Angestellter darf höchstens das Achtfache des geringsten Arbeiterlohns verdienen. Zum Vergleich: Bei der Deutschen Bank liegt die so genannte Lohnspreizung bei 1: 400. An kompetenten Führungskräften mangelt es MCC trotzdem nicht.

Kuriose Situationen

Allerdings sorgt die Konfrontation der ungewöhnlichen Firmenphilosophie mit dem "normalen" Wirtschaftsleben gelegentlich für kuriose Situationen: Als MCC kürzlich in Frankreich die Elektrogeräte-Firma Brandt übernahm, strich der französische Generaldirektor das 35-fache seines neuen baskischen Vorgesetzten ein. Auch die Übernahmeverhandlungen haben in solchen Fällen etwas Pikantes, schließlich sind die Mondragoner Genossen plötzlich in der Rolle der Kapitalisten und verhandeln mit Arbeitnehmervertretern. Bei MCC gibt es Gewerkschaften und Betriebsräte nicht - die Genossen finden sie überflüssig.

Nach einer gewissen Wartezeit und mit den nötigen Qualifikationen können die Beschäftigten zu Genossen werden. Dazu müssen sie eine Einlage von momentan 11.000 Euro leisten, die aber von der hauseigenen Bank, der "Banco Laboral", günstig finanziert wird. Dieser Beitrag kommt auf ein Konto, auf das auch die anfallenden Gewinnanteile überwiesen werden, die Guthabenzinsen liegen bei sieben Prozent.

Gesucht: der dritte Weg

Gegründet wurde die Genossenschaft von José Maria Arizmendiaretta, einem baskische Priester, der während des Bürgerkrieges in der baskischen Armee gegen Franco kämpfte. 1941 wurde er nach Mondragon versetzt und kam zu der Erkenntnis, dass "das baskische Volk als Identität nur überleben kann, wenn es solidarisch wirtschaftet". Auf der Grundlage der katholischen Soziallehre und der Idee des genossenschaftsorientierten Wirtschaftens suchte er nach einem dritten Weg, jenseits von ungezügeltem Kapitalismus und zentralisiertem Sozialismus. 1956 war es dann soweit: Mit vier Gleichgesinnten übernahm er eine kleine Fabrik, die einfache Gasherde produzierte. Die "Fagor-Werke" sind heute in Spanien Marktführer bei Küchengeräten und beschäftigen mittlerweile 4000 Mitarbeiter.

Die Idee des Kirchenmanns fiel offensichtlich auf fruchtbaren Boden. "Heute gehören 264 verschiedene Unternehmen und Einrichtungen zu unserer Gruppe, die sich in drei Wirtschaftsbereiche untergliedern lässt, nämlich Finanzen, Industrie und Vertrieb", beschreibt der Vorstandsvorsitzende José Maria Aldecoa die grobe Unternehmensstruktur. 120 Institutionen sind reine Genossenschaften, der Rest sind herkömmliche Tochterunternehmen, meistens in Ländern, in denen genossenschaftliche Strukturen nicht etabliert sind. Bestes Beispiel dafür ist ausgerechnet das kommunistische China, in dem die Regierung nur Joint Ventures zulässt.

Ziel: Neue Jobs schaffen

Außerdem gehören zum MCC-Imperium Baufirmen, Molkereien, Viehzuchtbetriebe, die Autobusfabrik "Irizar" und weltweit agierende Zuliefer für die Automobilindustrie. Das spektakuläre Guggenheim-Museum in Bilbao wurde von einer MCC-Tochter errichtet und auch die Supermarktkette "Eroski" gehört zur "Familie" und kann - wie fast alle Bereiche - beeindruckende Geschäftszahlen vorlegen. "Wir haben einen Gewinn von gut 190 Millionen Euro erwirtschaftet", berichtete Anfang Juli der Eroski-Präsident Constan Dacosta stolz, "das sind 33 Prozent mehr als im Vorjahr!" Dabei hat Eroski auch noch expandiert und so mit 33 neuen Geschäften rund 600 Arbeitsplätze geschaffen.

Um die Sicherheit der Arbeitsplätze zu gewährleisten, treibt MCC einen erheblichen Aufwand. Außer diversen Aus- und Fortbildungsprojekten unterhält die Genossenschaft noch eine eigene Universität für 4000 Studenten. Neben der Bildung ist die Innovationskraft ein weiterer, entscheidender Faktor. Bevor beispielsweise die Produktion von Schnellkochtöpfen mit 150 Arbeitsplätzen nach China verlagert werden sollte, hatte man sich bei der genossenschaftseigenen Forschungsabteilungen nach Alternativen umgesehen. Die Standardware wir nun in China zusammengeschraubt, dafür bauen jetzt im Baskenland 220 Leute gefragte Hightech-Drucktöpfe. Deren Clou: Sie können per Mobiltelefon von überall her in Gang gesetzt werden.

Auch deutsche Firmen gehären zum MCC-Reich

Mit den beiden Maschinenbaufirmen Danobat-Bimatec in Limburg an der Lahn und die Overbeck GmbH in Herborn/Hessen gibt es auch in Deutschland zwei Mondragon-Töchter. Und weil die Genossen aus dem Baskenland so auf Solidatität setzten, hat deren Generalverammlung vor drei Jahren beschlossen, die Geschäftsführung auch für diese Bereiche eine Beteiligungsmöglichkeit ausarbeiten zu lassen. Die Ergebnisse sollen imkommenden Jahr vorliegen. Dann können auch die deutschen Mitarbeiter in den Genuss der Segnungen der baskischen Genossen kommen.

spi

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