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Beliebtes Urlaubsziel Rasant steigende Inzidenzwerte: Wie Spanien wieder zum Corona-Hotspot wird

Touristen am Strand von Arenal in Palma de Mallorca
Touristen am Strand von Arenal in Palma de Mallorca
© Clara Margai / DPA
Die Corona-Lage in Spanien entwickelt sich im gesamten Land bedenklich. Das Auswärtige Amt hat nun auch Katalonien und Kantabrien zu Risikogebieten erklärt, zu denen schon zuvor auch das große Andalusien zählte.
Von Ralf Streck, San Sebastián

"Wenn es keine Impfstoffe gäbe, wären wir wieder im Lockdown wie in der ersten Welle", erklärte der katalanische Gesundheitsminister Josep Maria Argimon am Freitag im Interview mit dem Radiosender RAC1.

Tatsächlich hat sich die Lage in der Mittelmeerregion in Norden Spaniens angesichts der Ausbreitung der deutlich ansteckenderen Delta-Variante stark zugespitzt. Das Auswärtige Amt hat deshalb auch Katalonien und Kantabrien am Freitag zum Risikogebiet erklärt. Sie gesellen sich ab Sonntag zum großen Andalusien, dem Baskenland, Navarra, La Rioja und der Exklave Ceuta hinzu, die längst für die Bundesregierung als Risikogebiete geführt wurden. Vor "nicht notwendigen, touristischen Reisen" in diese Gebiete rät sie ab.

In Katalonien, wo die Lage offensiv kommuniziert wird, zeigt sich Argimon "sehr besorgt" angesichts der Tatsache, dass sich Zahl der Neuinfektionen in den vergangenen zwei Wochen "verzehnfacht" hat. Aber es sieht in ganz Spanien alles andere als gut aus. Auch in Regionen, die das Auswärtige Amt noch nicht als Risikogebiete ausweist, hat die europäische Infektionsschutzbehörde ECDC die Ampel schon auf Rot gestellt. Valencia hat als Nachbarregion von Katalonien zum Beispiel den Sprung von Grün auf Rot in nur einer Woche geschafft.

Da die 14-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner im spanischen Durchschnitt am Freitag nach neuen Zahlen des spanischen Gesundheitsministeriums in Madrid auf 153 gestiegen ist, stuft sich Spanien nun selbst wieder als "Hochrisikogebiet" ein. Denn die Marke von 150 wurde nun wieder überschritten, unter die das Land erst am 18. Mai gefallen war. Da am Freitag wieder fast 13.000 neue Infektionen festgestellt wurden, ist die Inzidenz im Vergleich zum Vortag wieder um 19 Punkte gestiegen. Am Donnerstag ging die Kurve wieder so steil nach oben, wie zuletzt in der dritten Welle im Januar.

Superspreader-Ereignisse

Besonders für die rasche Ausbreitung im Land sind Superspreader-Ereignisse. Sie konnte man auf Abschlussfahrten von Schülern in den vergangenen Tagen unter anderem auf die Balearen-Inseln erleben. Tausende Neuinfektionen im ganzen Land werden mit ausgelassenen Party-Reisen junger Leute nach Mallorca, Ibiza und Formentera in Verbindung gebracht. Spanische Medien sprechen längst von einem "Makro-Ausbruch", bei dem allein in die Hauptstadt Madrid mehr als 700 Infizierte "exportiert" wurden. Rückkehrer geben zu, dass Hygienevorschriften wie die Maskenpflicht bei "intensiven Feiern" nicht eingehalten wurden. Sie hatten oft die Delta-Variante im Gepäck, stecken zu Hause wiederum Familienmitglieder an. So wurde die Variante nun über das gesamte Land verbreitet.

Man muss aber von Infektionsexporten sprechen. Die Infektionen wurden und werden meist erst nach der Rückkehr aus dem Urlaub festgestellt, dann in den Heimatregionen registriert und treiben dort die Inzidenzen hoch. Die Infektionen der jungen Menschen fanden meist aber auf den Balearen oder in anderen Tourismusgebieten statt. Auf den Balearen ist die Inzidenz deshalb massiv nach unten verzerrt. Allerdings steigt sie auch auf den Urlaubsinseln stark an. Sie liegt mit 128 allerdings noch unter dem spanischen Durchschnitt. Würde man aber die mehr als 1800 Infizierten im Zusammenhang der Abschlussfahrten zu den offiziell gut 1500 registrierten Neuinfektionen hinzuzählen, die in den letzten zwei Wochen auf den Balearen registriert wurden, sähe die Lage ganz anders aus.

Kritik an Abschlussfahrten

Das Kopfschütteln im Land ist groß darüber, dass solche Abschlussfahrten überhaupt zugelassen wurden. Nachträglich hat Fernando Simon, der Chefberater der Regierung in der Corona-Pandemie festgestellt, Situationen wie auf Mallorca seien der perfekte Nährboden für das Virus. Denn es träfen Menschen aus "verschiedenen Ursprungsgebiete innerhalb und außerhalb Spaniens" zusammen und das verbinde sich mit dem "Vorkommen verschiedener Varianten auf Veranstaltungen, bei denen wenig Kontrolle besteht."

Simon hat aber so getan, als wäre die Entwicklung vorhersehbar gewesen, da es sie "nicht zum ersten Mal gab". Umso erstaunlicher ist, dass man in Madrid den Fehler wiederholt und nicht präventiv gehandelt hat. Doch vermutlich hatte Simon die Lage falsch eingeschätzt. Neu ist das nicht, zu Beginn der Pandemie erklärte er, dass Spanien "nur einige wenige Fälle" bekommen werde. Am 11. Januar erklärte er noch, dass die britische Variante werde nur einen "marginalen Einfluss" in Spanien haben. Nur zehn Tage später erklärt er, dass sie "Mitte März dominant" sein dürfte.

Der oberste Covid-Bekämpfer lag nun wieder einmal falsch, als er nach Bekanntwerden der Vorgänge auf den Balearen meinte, sie hätten keinen "großen Einfluss" auf die Gesamtlage in Spanien. Im Zusammenhang der Abschlussfahrten wurden derweil aber 3.100 Neuinfizierte und 11.400 Menschen registriert, die vorsorglich als Kontaktpersonen isoliert wurden.

Die gute Nachricht ist, dass sich die Zahl der Toten und die Belegung der Hospitäler – anders als in den drei Wellen zuvor – bisher in Grenzen hält. Am Freitag wurden für Spanien 28 Tote vermeldet, am Vortag waren es sieben. Die Zahl der Corona-Patienten in Krankenhäusern und Intensivstationen steigt zwar wieder, derzeit aber nur langsam. Das begründen Experten mit der inzwischen relativ hohen Impfquote im Land. Deutlich mehr als die Hälfte aller Einwohner hat eine erste Dosis erhalten, fast 40 Prozent sind inzwischen vollständig geimpft.

Weniger Tote

Infektionen verlaufen deshalb oft glimpflicher und die Zahl der Toten bleibt deutlich hinter denen vorhergehender Wellen zurück. Das Problem ist, dass junge Menschen bisher nicht geimpft sind, die besonders mobil sind. Unter ihnen sind die Inzidenzen zum Teil extrem hoch. In Katalonien und Kantabrien liegt sie bei jungen Menschen zwischen 12 und 29 Jahren sogar über 1000. Im gesamten Land ist sie dieser Altersgruppe dreimal so hoch wie im spanischen Durchschnitt.

Der katalanische Gesundheitsminister hofft deshalb, auch die jungen Menschen bis zum Ende des Sommers immunisieren zu können. Argimon erinnert sie derweil daran, dass auch sie schwer erkranken oder sterben können, auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering sei. Man dürfe das Virus nicht "banalisieren", hat der katalanische Gesundheitsminister gewarnt. Von den jungen Menschen, die sich auf Mallorca infiziert haben, mussten Dutzende in Krankenhäusern behandelt werden. Ein 18-jähriger Schüler kämpft seit einer Woche auf einer Intensivstation in Valencia um sein Leben.


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