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Voll in der Krise Covid-19 in Spanien: Wie Madrid die Zahlen der zweiten Corona-Welle beschönigt

Anfang November in Madrid im Einsatz: Sanitäter und Notarzt helfen einem Rentner mit Verdacht auf Covid-19.


Anfang November in Madrid im Einsatz: Sanitäter und Notarzt helfen einem Rentner mit Verdacht auf Covid-19.
© Pierre-Philippe Marcou / AFP
Spanien gehört zu den Ländern, die trotz eines ersten scharfen Lockdowns von der zweiten Corona-Welle hart getroffen werden. Doch die Parteien instrumentalisieren die Statistiken. Mit Tricks versucht die Regionalregierung in Madrid die Zahlen zu drücken.
Von Ralf Streck, San Sebastián

Die Regierungschefin der spanischen Hauptstadtregion Madrid ist in ihrer konservativen "Partido Popular" (PP) umstritten, auch wegen ihres eigenwilligen Kurses im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Isabel Díaz Ayuso wird, da sie stets auf Konfrontation als auf Zusammenarbeit mit der sozialdemokratischen Zentralregierung setzt, auch als "spanische Trump" bezeichnet.

Auch sie hat einen befremdlichen Wahrheitsbegriff und fällt durch aberwitzige Argumentationen auf: Im Frühjahr wollte sie Corona-Maßnahmen schnell streichen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Sie erklärte: "Jeden Tag werden Menschen überfahren, doch deshalb verbietet man keine Autos".

Da Madrid wie keine andere Region die tödlichen Konsequenzen zu spüren bekam, war das für viele Angehörige der Opfer eine Beleidigung. Etliche haben die Regionalregierung für den "Horror" in Altersheimen verklagt, wie die Hilfsorganisationen Ärzte ohne Grenzendie Vorgänge nennt. Alten Menschen wurde die Verlegung in Hospitäler verwehrt, wie Dokumente der Ayuso-Regierung zeigen, die "Infolibre" veröffentlicht hat. Fast 7300 Menschen sind deshalb verstorben, die in der Statistik der Corona-Toten nicht auftauchen, da sie nie getestet wurden.

Ein "Wunder" gibt es nur in den Medien

Nun sprechen aber spanische Medien, wie die konservative Tageszeitung "El Mundo", von einem "milagro", einem Wunder bei der Corona-Bekämpfung durch Ayuso in Madrid. Der Bericht wurde in Deutschland von der "Süddeutschen Zeitung" aufgegriffen, die sogar ein "spanisches Wunder" sehen will. In Madrid seien die Infektionszahlen deutlich gesenkt worden, obwohl das öffentliche Leben "kaum eingeschränkt" worden sein soll, berichtet die SZ.

Isabel Diaz Ayuso, die  Präsidentin der Regionalregierung von Madrid


Isabel Diaz Ayuso, die  Präsidentin der Regionalregierung von Madrid

© Comunidad de Madrid / AFP

Behauptet wird zum Beispiel, dass die 14-Tage-Inzidenz, also die Zahl der Neuinfektionen binnen 14 Tagen in Madrid "niedriger als in Berlin" läge. Dabei ist sie in Madrid mit 329fast doppelt so hoch wie die 7-Tage-Inzidenz in Berlin mit 190. Eine 14-Tage-Inzidenz weist das deutsche Robert Koch-Instituts (RKI) nicht aus.

Sich vor allem darauf zu stützen, ist bedenklich. Die Inzidenz kann über die Anzahl von Tests und die Art, wie getestet wird, leicht manipuliert werden. Im Sommer wurde in Madrid zum Beispiel kaum getestet, womit die Zahl niedrig blieb. Inzwischen, so hat "eldiario.es" herausgearbeitet, werde in Madrid die "reale Zahl von Neuinfektionen gefälscht". Trickreich würden neue Infektionen verspätet nachgemeldet und damit der Wert deutlich verzerrt. Die Zahl der Neuinfektionen an einem Tag könne sich im Laufe einer Woche sogar mehr als verdoppeln, schreibt die Internet-Zeitung.

Madrid fällt ebenfalls durch fehlende Nachverfolgung auf. Dass seit fünf Wochen Tests im Umfeld von Infizierten stark eingeschränkt wurden, weist auch darauf hin, dass man Infektionszahlen bewusst drücken will. Auch die " SZ" hatte bemerkt, dass in Madrid "in den vergangenen Wochen die Zahl der PCR-Tests auf etwa ein Drittel heruntergefahren" wurden und diese durch Antigentests ersetzt wurden. Nach Einschätzung von Virologen können demnach "asymptomatische Fälle übersehen" werden.

Leergefegt: die Puerta del Sol im Herzen von Madrid


Leergefegt: die Puerta del Sol im Herzen von Madrid
© Pablo Blazquez Dominguez / Getty Images

Dass die Zahl der Toten am Donnerstag in Madrid auf 41 und damit auf den höchsten Wert in der zurückliegenden Woche gestiegen ist, weist ebenfalls auf kein Madrider Wunder hin. Auch die Zahl der Neuinfizierten ist am Donnerstag gegenüber dem Vortag wieder auf fast 2400 gestiegen.

Ayusos "kreativer" Umgang mit Zahlen

Beschäftigten im Gesundheitswesen macht allein Hoffnung, dass der Druck auf die Hospitäler nachgelassen hat, die zum Teil wieder am Kollabieren waren. Dass wieder weniger Covid-Fälle in Krankenhäuser eingeliefert werden und die Zahl derer sinkt, die auf Intensivstationen behandelt werden müssen, bestätigt auch ein glaubwürdiger Zusammenschluss von Ärzten aus 61 Madrider Krankenhäusern.

Diese Ärzte hatten Ende September aufgezeigt, wie die Regionalregierung ihre Zahlen schönrechnet. Die Koalitionsregierung von Ayusos PP und der rechts-liberalen Ciudadanos, die sich von der ultrarechten Vox stützen lässt, hatte damals behauptet, die Intensivstationen seien nur zu 36 Prozent ausgelastet. Real waren es 95 Prozent,  twitterte der spanische Professor an der renommierten Harvard-Universität Miguel Hernán in Bezug auf die Ärzte. Denn auch hier zeigte Ayuso einen kreativen Umgang mit Zahlen. Ihre Regierung wertete plötzlich alle Betten als Intensivbetten, wenn ein Beatmungsgerät angeschlossen werden kann.

Der Professor, der die spanische Zentralregierung im Frühjahr beraten hatte, sagte deshalb einen neuen "ernsthaften Gesundheitsnotstand" vorher, wie er sich später bewahrheitet hat. Er forderte Journalisten auch auf, Daten der Regionalregierung nicht mehr zu benutzen. Ob sich die Lage in Madrid derzeit wirklich nachhaltig entspannt, kann angesichts der unklaren Datenlage jedenfalls kaum beurteilt werden.

13,5 Prozent aller Tests fallen positiv aus

Dass Ayuso nun strengere Maßnahmen in 10 von 41 Gesundheitsbezirken schon wieder aufheben will, unter anderem deren Abriegelung, könnte sich genauso als Fehler erweisen, wie die Tatsache, nicht frühzeitig im Sommer auf die absehbare Zuspitzung reagiert zu haben. Entwarnung will der Gesundheitsexperte Rafael Bengoa jedenfalls nicht geben.

Coronavirus in Madrid: Mehrere Patienten liegen auf dem Boden im spanischen Krankenhaus

Der frühere baskische Gesundheitsminister und Berater des US-Präsidenten Barack Obama fordert im Interview mit "El País" am Freitag "ein System der Nachverfolgung" aufzubauen. "Schön wäre es, wenn die Zahlen in Madrid weiter sinken", sagte er. Bengoa verwies aber auch darauf, dass das Virus sogar in Regionen erneut ausbreche, die "sehr niedrige Zahlen" hatten.

Für ganz Spanien können ohnehin kaum Fortschritte vermeldet werden. Das zeigen die Neuinfektionen, die auch nach Angaben des Gesundheitsministeriums steigen. Am Donnerstag wurden für die letzten 24 Stunden mehr als 19.500 gemeldet. In Deutschland waren es bei doppelter Einwohnerzahl knapp 22.000. Bedenklich ist auch, dass fast 13,5 Prozent aller Tests positiv ausfallen. In Deutschland waren es zuletzt knapp acht Prozent. Das weist auf eine deutlich höhere Dunkelziffer bei nicht festgestellten Infektionen in Spanien hin. Der Wert sollte nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht über fünf Prozent liegen.

Wie tief Spanien in der Krise steckt, zeigen die Todeszahlen. Für Deutschland gab das RKI zuletzt 215 Todesfälle und insgesamt gut 12.000 Menschen an, deren Tod in Verbindung mit Covid-19 steht. In Spanien sind es offiziell nach Angaben des Gesundheitsministeriums fast 40.500 Personen. Am Donnerstag wurden erneut 356 Coronavirus-Tote registriert, in den letzten sieben Tagen waren es 1295. Die Marke von 40.000 ist am Mittwoch überschritten worden, als mit 411 ein neuer Rekord in der zweiten Welle aufgestellt wurde.

Die Bereitschaftspolizei bezieht Stellung bei einem Protest gegen die Ausgangssperre in Madrid Ende Oktober


Die Bereitschaftspolizei bezieht Stellung bei einem Protest gegen die Ausgangssperre in Madrid Ende Oktober
© Manu Fernandez/AP / DPA

Allerdings ist auch diese Zahl nur mit Vorsicht zu genießen. Gerade musste das Gesundheitsministerium 1300 Tote für die erste Welle nachträglich in die Statistik aufnehmen. Die Übersterblichkeit lag schon im Frühjahr 44.000 über dem Durchschnitt. In der zweiten Welle beträgt sie bisher erneut 13.000. Die Übersterblichkeit (Exzess-Mortalität) gibt an, wie viele Menschen im Vergleich zu einem durchschnittlichen Zeitraum zuvor mehr gestorben sind. Niemals zuvor waren in Spanien in einer Woche mehr als 12.000 Menschen gestorben. Im Frühjahr waren es über drei Wochen aber sogar mehr als 18.000.

Weitere Quellen: die täglichen Mitteilungen des Gesundheitsministeriums


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