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Manipulationsvorwürfe: Patienten kränker gemacht: Das Schummel-System der Krankenkassen

Je kränker der Patient, desto mehr Kohle gibt’s für die Krankenkassen. Daher bezahlen die Kassen Ärzte dafür, ihre Patienten auf dem Papier kränker zu machen. Der Betrug ist systematisch und offenbar bei allen Kassen verbreitet.

Arzt

Krank oder kränker? Bei der Diagnose haben Ärzte Spielraum, das nutzen die Krankenkassen aus

Wer keine Ahnung vom deutschen Gesundheitssystem hat, könnte meinen, dass sich Krankenkassen über möglichst gesunde Versicherte freuen. Keine Krankheit bedeutet schließlich keine Behandlungskosten. Tatsächlich können aber auch sehr kranke Patienten für die Kasse sehr lukrativ sein. Der Grund: Es existiert ein allgemeiner Geldtopf, der sogenannte Risikostrukturausgleich, aus dem die Kassen bei bestimmten, schweren Erkrankungen ihrer Versicherten besonders viel Geld abgreifen.

Gedacht ist das System, um Kassen mit vielen chronisch Kranken zu unterstützen. In der Praxis verleitet es die Kassen aber zu systematischen Manipulationen. Ausgerechnet der Chef der größten Krankenkasse, TK-Boss Jens Baas, hat die Schummeleien vor wenigen Tagen öffentlich gemacht. "Es ist ein Wettbewerb zwischen den Kassen darüber entstanden, wer es schafft, die Ärzte dazu zu bringen, für die Patienten möglichst viele Diagnosen zu dokumentieren", sagte Baas im Interview mit der "FAS". Im Klartext: Die Ärzte sollen ihre Patienten auf dem Papier kränker machen, als sie tatsächlich sind. "Aus einem leichten Bluthochdruck wird ein schwerer. Aus einer depressiven Stimmung eine echte Depression, das bringt 1000 Euro mehr im Jahr pro Fall", so Baas.

Alle Krankenkassen machen mit

Den Schwarzen Peter schiebt der Chef der Techniker Krankenkasse den "großen regionalen Kassen" zu. Diese würden das System am dreistesten betrügen. AOK-Chef Martin Litsch wies das umgehend zurück. Doch offenbar beteiligen sich so ziemlich alle größeren Kassen an den Schummeleien. Dem "Handelsblatt" liegt nun eine Schummel-Liste vor, in dem nicht nur mehrere AOKen, sondern auch DAK, KKH, Barmer GEK und viele mehr auftauchen.

Alle diese Kassen haben "Betreuungsstrukturverträge" mit Ärzten abgeschlossen, die dem Mediziner Anreize bieten, bei einem Patienten besonders viele Diagnosen zu stellen. Wenn der Arzt für einen Patienten acht oder mehr Diagnosen stellt, gibt es zwischen drei und 45 Euro extra. Offiziell sollen die Verträge die Ärzte nur dazu anhalten, die Diagnosebögen richtig auszufüllen. Was "richtig" im Sinne der Kassen ist, ist aber offensichtlich. Nämlich so, dass möglichst viel Geld aus dem Risikostrukturausgleich fließt.

Auch ein Beratungsvertrag, der der "Süddeutschen Zeitung" vorliegt, legt Ärzten nahe, sich um bestimmte Patienten besonders intensiv zu kümmern. Der Gesundheitsfonds definiert 80 Krankheiten, bei denen es für die Kassen besonders viel Geld gibt.

Die Enthüllungen schlagen große Wellen. Die Methoden der Krankenkassen erinnerten an Call-Center und Drückerkolonnen, schimpfte der Präsident der Bundesärztekammer Frank Ulrich Montgomery, der gleichzeitig seine eigenen Leute in Schutz nahm. Er glaube nicht, dass sich viele Ärzte an den Praktiken beteiligten.

Die mutmaßlichen Manipulationen sind nun ein Fall für die Ermittlungsbehörden. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hat Strafanzeige gegen mehrere Kassen erstattet, darunter auch die TK, die die Diskussion erst ins Rollen brachte. Techniker-Chef Baas hatte zugegeben, dass sich auch seine Kasse an den fragwürdigen Praktiken beteilige.

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