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Kreditvergabe: Wie der Mittelstand zu Geld kommt - oder auch nicht

Der deutsche Mittelstand gilt als Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Dennoch ist es für die Firmen schwierig, Kredite zu erhalten. Ihr Interessensverband geißelt für diese Misere die Politik - und ermahnt die Banken.

Von Florian Güßgen

In Deutschland haben es mittelständische Unternehmen weiterhin schwer, an Kredite zu kommen. Das behauptet zumindest der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und stützt sich dabei auf das jüngste Ergebnis seiner jährlichen Umfrage unter rund 20.000 Unternehmen. Demnach hat sich die Situation der Firmen zwar im Vergleich zum Vorjahr leicht verbessert, dennoch aber leiden die Unternehmen weiter unter dem "Diktat der Bonität", wie es der Verband formuliert.

"Die Finanzierungslage des deutschen Mittelstandes ist trotz historisch niedriger Kapitalmarktzinsen weiterhin ernst", sagte die Sprecherin des DIHK-Netzwerkes Mittelstand, Dagmar Bollin-Flade. DIHK-Chefvolkswirt Axel Nitschke forderte eine Verringerungen der Abgabenlast für Unternehmen, um so ihre Kreditwürdigkeit verbessern zu können. "Wir erwarten von jeder Bundesregierung sofort nach den angekündigten Neuwahlen Entlastungen für die Unternehmen bei Steuern und Arbeitskosten", sagte er.

Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

Die Frage, wie mittelständische Unternehmen an Geld kommen, um Investitionen zu finanzieren, hat eine erhebliche Bedeutung für den deutschen Arbeitsmarkt und die deutsche Konjunktur. Firmenchefs, die investieren, können Arbeitsplätze schaffen und so indirekt auch den lahmen Konsum ankurbeln. Für die Banken besteht allerdings die Gefahr, dass sie ihr Geld nicht zurückerhalten, wenn sie die Pläne und die Erfolgsaussichten des Unternehmers zuvor nicht genau prüfen.

Deshalb haben sie in den vergangenen Jahren, angehalten auch von internationalen Bestimmungen, stärker darauf, dass die Unternehmer einen höheren Anteil an Geld selbst mit einbringen (Eigenkapital) und mehr Sicherheiten bieten. Die Anforderungen an die Kreditwürdigkeit der Kunden (Bonität) sind gestiegen - und die Kreditvergabe wurde so zum Nachteil für den Mittelstand erschwert. Die Bundesregierung versucht, diesem Trend entgegenzuwirken, in dem sie Mittelständlern erleichtert, ihren Eigenkapitalanteil über Hilfen der KfW-Bankengruppe zu erhöhen. An der KfW-Bankengruppe, die früher Kreditanstalt für Wiederaufbau hieß, hält der Bund vier Fünftel des Kapitals, die Länder halten ein Fünftel.

Situation bei 19 Prozent der Firmen verschlechtert

Von den Unternehmen, die sich an der DIHK-Umfrage "Veränderung der Kreditkonditionen" beteiligt haben, gaben im Frühjahr dieses Jahres 19 Prozent an, die Kreditbedingungen hätten sich gegenüber dem Vorjahr verschlechtert - eine leichte Verbesserung, denn im Frühjahr 2004 berichteten noch 24 Prozent der Firmen von einer Verschlechterung. 68 Prozent der Befragten sagten, die Situation sei gleich geblieben (2004: 66 Prozent) und 10 Prozent gaben an, ihre Situation habe sich verbessert (2004: 7 Prozent). Bei drei Prozent der Unternehmen wurden Kredite nicht verlängert oder abgelehnt.

Ein Zusammenhang zwischen der Vergabe von Krediten und der Schaffung von Arbeitsplätzen durch Investitionen deutet die DIHK-Studie zumindest an. Demnach gaben knapp 40 Prozent der befragten Unternehmen an, die 2004 verschlechterte Kreditbedingungen hinnehmen mussten, dass sie in diesem Jahr ihre inländischen Investitionen verringern wollten, nur knapp 20 Prozent wollen sie ausweiten.

Forderung nach besserer Betreuung durch Banken

Für die Probleme einiger Unternehmen macht der DIHK die verschärften Bonitäts-Anforderungen der Banken verantwortlich. "Vor allem die Anforderungen an Sicherheiten und Dokumentationspflichten wurden von den Hausbanken restriktiver ausgestaltet, für einen Teil der Unternehmen auch Zinsen, Agio und Laufzeiten", sagte Bollin-Flade, die selbst ein mittelständisches Unternehmen in Frankfurt führt. "Die Kreditkonditionen für uns Unternehmen geraten immer weiter unter das strenge Diktat der Bonität", klagte sie. Bollin-Flade bemängelte die Kundenbetreuung der Banken. Durch ständigen Personalwechsel sei es unmöglich, den einzelnen Berater eingehend mit den Problemen und Bedürfnissen einer einzelnen Firma oder einer bestimmten Branche vertraut zu machen. "Es geht um eine verbesserte, kompetentere Kundenbetreuung", sagte sie.

Regierung soll Versprechen des Job-Gipfels einlösen

Die zentrale Kritik des DIHK richtet sich jedoch gegen die Politik. Die Bundesregierung müsse alles unternehmen, um die Abgabenbelastung der Firmen zu senken und ihnen so zu ermöglichen, ihre Eigenkapitalsituation zu verbessern, hieß es. Deshalb müssten die Unternehmenssteuern gesenkt werden, sagte Bollin-Flade - wie auf dem "Job-Gipfel" im März angekündigt. Nitschke wies jedoch auch darauf hin, dass sich die deutschen Mittelständler bei der Beschaffung von Geld umstellen müssten. Während sie sich früher darauf verlassen hätten, Kredite zu erhalten, müssten sie sich nun daran gewöhnen, sich auch über den Markt zu finanzieren - wie es in den USA und Großbritannien üblich sei.