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Ausbildung "Keine Ahnung, wie es weitergeht": Wie die Corona-Krise den Berufseinstieg erschwert

Berufseinstieg
Beim Berufseinstieg stoßen viele junge Menschen gerade auf besondere Hürden
© Laurence Dutton / Getty Images
Job-Messen und Praktika fallen aus, die Übernahme von Azubis ist ungewiss: Für junge Menschen hält die Corona-Pandemie beim Berufseinstieg zusätzliche Hürden bereit.
Von Melissa Wolf

Wie leicht das Leben von Julia (Name geändert) doch nach dem Abitur gewesen war. Viel reisen, ein bisschen jobben, nebenher überlegen, was man werden möchte. Einen Ausbildungsplatz als kaufmännische Angestellte fand sie nach dem Gap Year ohne Probleme. Nun steht die 21-Jährige kurz vor den Abschlussprüfungen - und alles erscheint schwerer denn je.

Denn ob sie nach Abschluss der Ausbildung auch einen Job haben wird, das weiß Julia noch nicht. Zwar steht ihr Betrieb sonst im Ruf, Azubis zu übernehmen, aber gilt das in der Corona-Krise noch? "Ich habe keine Ahnung, wie es ab Januar weitergeht", sagt Julia.

Wie viele Unternehmen schickte ihr Ausbildungsbetrieb Mitarbeiter in Kurzarbeit. Außerdem herrscht an vielen Stellen ein Einstellungsstopp, nur wenige Positionen sind in ihrem Betrieb ausgeschrieben. Die Suche nach einer Übernahmestelle gestaltet sich so deutlich schwieriger als noch Anfang des Jahres gedacht.

Unsicherheit für viele Azubis

Mit diesem Problem steht sie nicht allein da. Im Ausbildungsreport 2020 des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) geben zwar zwei von drei Befragten an, in ihrem Ausbildungsberuf weiterarbeiten zu wollen. Doch viele von den Auszubildenden wissen auch zum Ende ihrer Ausbildung noch nicht, ob sie weiterbeschäftigt werden. Ein bisschen Unsicherheit gibt es zwar auch zu normalen Zeiten. Doch die Corona-Pandemie verstärkt laut DGB die prekäre Übernahmesituation für viele Azubis. Immerhin: Gut die Hälfte der Auszubildenden im dritten Lehrjahr hat eine Übernahmezusage und kann sich über eine Weiterbeschäftigung freuen.

Julia hat eine solche Zusage noch nicht. Daher führt sie jetzt verstärkt Gespräche mit verschiedenen Bereichen im Unternehmen und nutzt Kontakte, die sie in den letzten Jahren aufgebaut hat. "Das Homeoffice macht den Austausch und das Kontaktepflegen allerdings nicht gerade leichter", sagt sie. Für einen digitalen Kaffee bleibe meist keine Zeit.

In den Abteilungen, in denen sie eingesetzt ist, versucht sie weiterhin zu überzeugen und nimmt Überstunden in Kauf. Im Ausbildungsreport wird deutlich, dass besonders am Anfang und zum Ende der Ausbildung und wenn die Übernahme noch nicht sicher ist, Auszubildende zu mehr Überstunden tendieren als zuvor, um einen guten Eindruck zu hinterlassen. 

Für Schulabgänger gibt es weiterhin Hoffnung

Die Corona-Krise erschwert nicht nur den Übergang vom Azubi zum Festangestellten. Auch Schulabgänger, die eine Lehrstelle suchen, sind von der Situation betroffen. Die Zahl der neu eingetragenen Ausbildungsverträge ist zum 30. September dieses Jahres 13,7 Prozent niedriger als im Vorjahr, berichtet der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

Ein Grund: Der für die Berufsorientierung wichtige Kontakt mit den Ausbildungsstätten auf Messen wurde zu Beginn der Pandemie deutlich eingeschränkt, sodass die Betriebe und Lehrstellen-Suchenden schwieriger zueinander finden konnten. "Wie die Industrie- und Handelskammern berichten, waren wegen der Pandemiebeschränkungen Praktika und Bewerbungsgespräche zeitweise kaum möglich", sagt ein DIHK-Sprecher.

Immerhin reagieren viele Ausbildungsbetriebe auf die aktuellen Entwicklungen, indem sie auch einen Ausbildungsstart zu einem späteren Zeitpunkt ermöglichen. Auch die Berufsschulen seien deutlich flexibler geworden.

Schulabgängern, die dieses Jahr noch eine Lehrstelle suchen, empfiehlt der DIHK einen Blick in die Lehrstellenbörsen der IHKs, dort sind weiterhin Angebote für das laufende Ausbildungsjahr zu finden. "Erfahrungen der Vorjahre zeigen, dass es wichtig ist, bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz auch einen Blick über die Heimatregion hinaus oder auf alternative Berufe zu werfen", so der DIHK über Tipps für die Ausbildungssuche.

Und wenn nichts klappt?

Julia hofft, möglichst bald eine Zusage für eine Übernahme zu bekommen, um sich voll auf die Abschlussprüfung konzentrieren zu können. Um die Chance zu erhöhen, ist sie parallel zu ihren internen Gesprächen mittlerweile auch extern auf der Suche. Der zeitliche Aufwand bei der Jobsuche und die Ungewissheit belasten sie so kurz vor den Prüfungen zusätzlich. "Ohne Job könnte ich auch meine Miete nicht mehr bezahlen, das bereitet mir schon Existenzsorgen", sagt Julia. Wenn nichts klappt, würde sie trotz Berufsausbildung auch wieder Jobben gehen, so wie damals nach dem Abitur.


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