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KRIMINALITÄT: Delikt Geldwäsche nimmt zu

Trotzdem gehen am Bankschalter den Geldfahndern nur die kleinen Fische ins Netzt: Die Organisierte Kriminalität schleust ihre Gelder permanent in den normalen Wirtschaftskreislauf.

An den Schaltern der Landeszentralbanken herrschte in den vergangenen Monaten wegen der Währungsumstellung ungewohnter Hochbetrieb. Dafür sorgten nach Meinung von Experten nicht nur die Matratzensparer und die Vielreisenden, die nur ihre Fremdwährungen eintauschen wollten. In die Schlangen reihten sich zunehmend zwielichtige Gestalten ein, um Gelder aus Verbrechen in den normalen Euro-Kreislauf zu bringen.

Delikt Geldwäsche nimmt zu

Schon vor der Währungsumstellung schrieben allein die Angestellten der hessischen Landeszentralbank (LZB) die Rekordzahl von 859 Anzeigen wegen des Verdachts auf Geldwäsche. Die Generalstaatsanwaltschaft berichtet von 1.460 Meldungen aus ganz Hessen, fast drei Mal mehr als im Jahr zuvor. In den ersten beiden Monaten seit Einführung des neuen Bargeldes in diesem Jahr habe sich die Zahl noch einmal verdoppelt.

Schulung gegen 'Smurfing'

Das regelmäßig geschulte Schalterpersonal der LZB hält sich dabei nicht sklavisch an die vorgesehene Verdachtsgrenze von 30.000 Mark oder 15.000 Euro, versichert ein leitender LZB-Mitarbeiter. Dem »Smurfing«, dem Aufteilen einer größeren Summe in viele Teilbeträge, kann man nur mit gesundem Misstrauen und manchmal mit Hilfe des Zufalls auf die Schliche kommen. So beobachtete die Außenkamera des Instituts vier Männer, die alle aus dem selben Auto stiegen, um sich jeweils mit 9.000 Mark in der Hand in die Schlange zu stellen.

Zentralcomputer hilft

»Wir fragen uns immer, warum geht der Kunde nicht einfach zu seiner Hausbank«, berichtet der Bänker. Antworten sind häufig recht fadenscheinig, von geplatzten Immobilien- und Autogeschäften wird ebenso berichtet wie vom unerwarteten Gewinn in der Spielbank. »Da muss es schon sehr glückliche Familien gegeben haben«, spottet der Experte. Der von den Landeszentralbanken eingerichtete Zentralcomputer hat nämlich unter anderem die Namen mehrerer Familien ausgespuckt, deren Mitglieder bundesweit versucht haben sollen, große Bargeldbestände unterzubringen. In Frankfurt tauschte ein Sozialhilfeempfänger 350.000 Mark ein.

Kaum Verurteilungen

Seine neuen Euro durfte der Mann auch nach Einschaltung der Polizei behalten. »Es ist nahezu unmöglich, eine Überweisung einer konkreten Straftat zuzuordnen«, stellt Oberstaatsanwalt Günter Wittig lakonisch fest. Nach wie vor gibt es in Deutschland keine Verurteilung wegen Geldwäsche allein auf Grund einer Verdachtsanzeige. Die von den Banken aufwendig gesammelten Erkenntnisse fließen bestenfalls in andere Ermittlungen ein.

Bank darf nicht ablehnen

Die Zentralbanken haben auch keine Möglichkeit, den verlangten Tausch abzulehnen, sondern können nur die Anzeigen schreiben. In ganz zwielichtigen Fällen wird sofort die Polizei alarmiert. Bis die kommt, sind die Kunden oftmals verschwunden, wie in der vergangenen Woche ein steckbrieflich gesuchter Brite, der 300.000 Mark aus einem geplatzten Diamantengeschäft einzahlen wollte.

Einfacher ist's im Ausland

Dabei wäre im Ausland vieles einfacher. Nach Bundesbankschätzung werden Ende März noch DM-Zahlungsmittel im Wert von rund 10 Milliarden Euro im Umlauf sein. Wittig vermutet sie unter anderem in den Herkunftsländern der in Deutschland beschäftigten Ausländer. »In der Türkei ist die D-Mark doch bis ins letzte Dorf als Zweitwährung akzeptiert.« Ähnliches gilt für viele Staaten auf dem Balkan, wo bereits Milliardenbeträge gegen Euro eingetauscht worden sind.

Zentralbank tauscht anstandslos

All diese Gelder laufen über die jeweiligen Zentralbanken zurück und werden von der Bundesbank anstandslos umgetauscht. Die Strafverfolger sehen sich außer Stande, die Geldströme auch aus den Staaten der früheren Sowjetunion genauer zu untersuchen. »Wenn die Vortaten im Ausland begangen worden sind, ist die Geldwäsche für uns kaum zu verfolgen«, sagt Wittig. Ohnehin läuft die ganz große Geldwäsche nicht über die Bankschalter. Die Organisierte Kriminalität schleust ihre Gelder permanent wieder in den normalen Wirtschaftskreislauf.

Christian Ebner