Kundendaten Der gläserne Kunde


Täglich fließen Millionen personenbezogener Daten durch digitale Systeme. Kein Wunder: Fast 34,5 Millionen Deutsche haben Zugang zum Internet und fast jedes Kaufhaus bietet Kundenkarten an. Doch wer schützt diese Daten?

Ein mögliches Zukunftsszenario: Ein Kunde bestellt von zu Hause aus eine Pizza. Der Lieferant begrüßt ihn namentlich, er kann den Namen aus der gespeicherten Telefonnummer ablesen. Dann fragt er seinen Kunden, ob die Pizza wie immer mit Salami sein soll oder in Anbetracht seiner hohen Cholesterinwerte nicht lieber doch nur mit Gemüse. Der hohe Preis ergebe sich daraus, dass der Kunde in einer Gegend wohne, in der viele Überfälle passierten - deshalb werde nur gegen Aufpreis geliefert. Verbraucherministerin Renate Künast erzählte die Geschichte eines amerikanischen Werbespots am Donnerstag auf der Tagung "Der gläserne Kunde" in Berlin. Die Vision könnte Wirklichkeit werden, wenn die Unternehmen die Daten ihrer Kunden nicht besser schützten, wenn personenbezogene Daten weiter einfach weitergeleitet würden.

Künast warnt vor Missbrauch

Täglich flössen Millionen personenbezogener Daten durch digitale Systeme, erklärte Künast. Kritiker sprächen bereits von einer "allmählichen Abschaffung des Datenschutzes". Kein Wunder: 2004 hätten 34,4 Millionen Menschen in Deutschland Zugang zum Internet gehabt, fast jeder Supermarkt und jedes Kaufhaus böten Kundenkarten an, die Tickets für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 würden alle mit speziellen Chips ausgestattet sein, auf dem die personenbezogenen Angaben des Käufers gespeichert seien und nahezu alle Kreditinstitute verwendeten so genannte Scoring-Systeme, um die Bonität ihrer Kunden zu ermitteln.

Um "digitalen Verbraucherschutz" zu gewährleisten, müsse den Unternehmen also die Weitergabe personenbezogener Kundendaten erschwert werden. Die Menschen müssten selbst entscheiden können, was mit ihren Daten passiere, wie sie erfasst, ausgewertet und weiterverwendet würden, forderte Künast. Daher müsse es für die Wirtschaft eine Selbstverpflichtung zum sorgsamen Umgang mit Kundendaten geben. Gesetzgeberische Maßnahmen seien nicht ausgeschlossen.

Forderung nach digitalem Verbraucherschutz

Mit ihrer Kritik steht Künast nicht allein. Datenschutzbeauftragter Peter Schaar sagte, das Sammeln von Daten liege im Trend. Das Risikopotenzial aus datenschutzrechtlicher Sicht zeige sich etwa bei den Kreditkartenunternehmen, die Informationen über das Kaufverhalten von Millionen von Kunden speicherten oder bei Fluggesellschaften, die über die Reisedaten von Tausenden von Passagieren verfügten. Es bestehe die Gefahr, dass immense Datenmengen aus den unterschiedlichsten Bereichen zu einer Überwachungs- und Kontrollmöglichkeit führten.

Problematisch sei auch das wachsende Auskunftssystem, sagte Schaar. Es dürfe nicht so weit kommen, dass ein junger Mensch, der mit 20 Jahren einmal eine Handyrechnung nicht habe zahlen können, anschließend kein Konto mehr eröffnen könne, keine Wohnung finde, keinen Versicherungsvertrag bekomme und selbst der Zahnersatz nur gegen Vorkasse gewährt werde.

Keine Chance mit falscher Adresse

Bedenklich sei auch das "Scoring" (Punkte zählen) von Daten, womit die Kreditwürdigkeit weitgehend unabhängig vom tatsächlichen Verhalten des Betroffenen beurteilt werden solle. Um zu einem Profil zu gelangen, werden soziodemographische Daten herangezogen, die am ehesten dem Typen des Betroffenen entsprechen: In welcher Gegend wohnt er? Wie hoch ist dort das Familieneinkommen? Welche Autos stehen vor der Tür? Wird dort "Spiegel" oder "Goldenes Blatt" gelesen?

Stehe die Villa in der falschen Straße, werde dann eben nur gegen Vorkasse geliefert, sagte Schaar. Dies sei nicht nur datenschutzrechtlich problematisch, sondern auch gesellschaftspolitisch, da dem Einzelnen die Möglichkeit genommen werde, selbst über sein Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit zu entscheiden.

Holger Mehlig/AP AP

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