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Lehman-Zertifikate: Deutschen Banken droht Klagewelle

Haben deutsche Banken Zertifikate der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers noch als sicher bezeichnet, als sich die Insolvenz des Instituts schon abzeichnete? Viele Privatanleger haben das offenbar so erlebt und beschäftigen nun Fachanwälte. Den Banken droht eine Klagewelle.

Bei deutschen Anwälten häufen sich die Anfragen von Geschädigten der insolventen US-Investmentbank Lehman Brothers. Das hat eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur (DPA) in Fachkanzleien ergeben.

Kreditinstitute in ganz Deutschland hatten Zertifikate der Amerikaner an Privatanleger verkauft. Nun sollen sie für den Schaden geradestehen. "Wir haben etliche hundert Anfragen aus dem gesamten Bundesgebiet. Darunter sind Kleinanleger mit bis zu 4000 Euro, aber auch Kunden mit Millionenbeträgen", sagte Jan-Henning Ahrens von der Bremer Kanzlei KWAG am Donnerstag. Das Gros der Kunden habe Beträge zwischen 15.000 und 50.000 Euro angelegt.

Die Tübinger Fachkanzlei TILP berichtet von Anfragen in ähnlicher Menge. "Im Moment klingeln die Telefone buchstäblich heiß", sagte Sprecher Stephan Holzinger. Der Kanzlei Rotter Rechtsanwälte aus München liegen knapp 40 Anfragen vor. Da der Fall aber erst am Anfang stehe, dürften es noch deutlich mehr werden, erwartete Rechtsanwalt Stefan Blank.

Kunden angeblich in Sicherheit gewogen

Der Vorwurf lautet, dass die Banken trotz Hinweisen auf die bevorstehende Pleite weiter Lehman-Papiere als sichere Geldanlage verkauft haben. "Viele Kunden haben sich bei ersten Alarmzeichen an die Banken gewandt und nachgehakt, sie wurden jedoch beruhigt", so die Erfahrung von KWAG-Anwalt Ahrens. Vor allem die Dresdner Bank und die Citibank stünden im Zentrum der Vorwürfe, berichten die Kanzleien. Aber auch Sparkassen wie die Hamburger und die Hannoveraner sollen danach demnächst Post bekommen. "Mehrere außergerichtliche Aufforderungen werden in den nächsten Tagen rausgehen", sagte Rotter-Anwalt Blank. "Wenn wir außergerichtlich keinen Erfolg haben, werden wir Klageverfahren anstreben."

Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz schätzt, dass in Deutschland rund 10.000 Zertifikate-Anleger von der Lehman-Pleite betroffen sind und der Schaden im zweistelligen Millionen-Euro- Bereich liegt. Die US-Bank hatte nach Angaben des Deutschen Derivate Verbands in der Bundesrepublik einen Marktanteil von 0,2 Prozent. Größte Herausgeber von Zertifikaten sind demnach die Deutsche Bank und die Commerzbank mit einem Anteil von knapp 50 Prozent.

Totaler Verlust des Geldes droht

Die einst viertgrößte US-Investmentbank Lehman Brothers hatte Mitte September nach hohen Verlusten und einem Kurssturz Teilinsolvenz anmelden müssen. Seither wird das fast 160 Jahre alte Traditionshaus mit deutschen Wurzeln zerschlagen und stückweise verkauft. Gespräche über einen rettenden Notverkauf der gesamten Bank waren gescheitert.

Mit der Insolvenz droht schlimmstenfalls der Totalverlust der von Lehman aufgelegten Zertifikate. Dies sind Inhaberschuldverschreibungen. Anders als etwa bei Fonds trägt hier der Kunde das Risiko, wenn der sogenannte Emittent, also das Institut, das die Zertifikate ausgegeben hat, zahlungsunfähig wird. "Gerade auf den wichtigen Punkt eines möglichen Totalverlusts ist in den Fällen, die uns bislang vorliegen, nicht hingewiesen worden", sagte Rotter-Anwalt Blank.

Teilschuld bei den Anlegern

"Bis vor kurzem hat sich niemand vorstellen können, dass eine Bank wie Lehman Brothers pleite geht", sagte Lars Brandau, Geschäftsführer des Derivate Verbands, in dem sich die großen Emittenten aus der Bankenwelt zusammengeschlossen haben. Seit der Zuspitzung der Finanzkrise und der Diskussion um Lehman verzeichne die Branche "dramatische Einbrüche". Insgesamt drohe die Summe, die in Zertifikaten hierzulande angelegt ist, "unter 120 Milliarden Euro" zu rutschen, sagte Brandau. Er sieht eine Teilschuld für die unerwarteten Verluste bei den Anlegern: Diese müssten eine "Bereitschaft mitbringen", die vorhandenen Informationen über die Anlageform zu nutzen. Gleichzeitig kritisiert er aber auch die Bankberater: "Wenn Sie Zertifikate nicht verstehen, sollen sie sie nicht verkaufen."

Nach der Erfahrung des Deutschen Instituts für Anlegerschutz (DIAS) hat sich an der Beratungspraxis der Banken bislang aber wenig geändert. Weiterhin würden Zertifikate ohne ausreichende Hinweise auf die Risiken verkauft. "Sie machen munter weiter", sagte DIAS-Chef Volker Pietsch. Zahlreiche Bankmitarbeiter berichteten von massivem Druck aus den Chefetagen, gerade jetzt Zertifikate an den Mann zu bringen. "Die Banken leihen sich untereinander kaum noch Geld, sie müssen aber irgendwie liquide Mittel reinholen." Da kämen ihnen die Zertifikate als Einnahmequelle gerade recht.