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Lieferausfälle aus Libyen: Industriestaaten zapfen strategische Ölreserven an

Die Internationale Energieagentur zapft die strategischen Reserven an und pumpt 60 Millionen Barrel Erdöl in den Markt. Ziel ist es, die ausbleibende Versorgung aus Libyen abzumildern.

Im Kampf gegen hohe Ölpreise und drohende Engpässe zapfen die Industriestaaten ihre strategischen Ölreserven an. Unter Federführung der Internationalen Energieagentur (IEA) werden 60 Millionen Barrel (je 159 Liter) auf den Markt gebracht. Die Hälfte davon steuern die USA bei. Deutschland wirft zum ersten Mal seit sechs Jahren ein Teil seiner Reserven auf den Markt - insgesamt 4,2 Millionen Barrel. "Größere Engpässe im Ölmarkt bedrohen die ohnehin fragile weltweite Konjunkturerholung", begründete die IEA am Donnerstag in Paris den überraschenden Schritt.

Der Ölpreis brach daraufhin ein. Ein Barrel der US-Sorte WTI verbilligte sich zeitweise um mehr als fünf Dollar und kostete damit erstmals seit Februar wieder weniger als 90 Dollar. Im Verlauf kletterte der Preis aber wieder über die Marke und kostete zuletzt 91,20 Dollar. Europäisches Brent-Öl war für nur noch 108 Dollar zu haben - ein Minus von sechs Dollar

Dauerhafte Ausfälle der libyschen Öllieferungen befürchtet

Die IEA - die die Industrieländer in Energiefragen berät - befürchtet vor allem einen dauerhaften Ausfall der Öllieferungen aus dem von Unruhen und Kriegswirren erschütterten Libyen. Die Ölproduktion, die vor Krisenbeginn bei etwa 1,2 Millionen Barrel pro Tag lag, werde wohl mindestens bis Jahresende ausfallen. Um die Lücke zu füllen, würden in den kommenden 30 Tagen täglich zwei Millionen Barrel aus den Ölreserven auf den Markt geworfen.

Der US-Branchenverband API kritisierte den Schritt als zeitlich unpassend. Es gebe keine dringenden Engpässe, betonte das American Petroleum Institute. Auch bei der Gemeinschaft Öl Exportierender Länder (Opec) stieß das Vorhaben auf Unverständnis. Der Ölpreis sei nicht auf 150 Dollar hochgeschossen, und es gebe auch keine Engpässe, sagte ein Opec-Vertreter aus den Golf-Staaten. "Es gibt keinen Grund, dies zu tun." Die IEA spiele lediglich mit den USA.

USA zu weiteren Schritten bereit

Die Vereinigten Staaten begründeten die Maßnahme hingegen mit den Lieferproblemen. "Wir haben uns für diesen Schritt entschieden wegen der anhaltenden Lieferstörungen in Libyen und weiteren Ländern und deren Einfluss auf die weltweite Konjunkturerholung", sagte US-Energieminister Steven Chu. Er schloss weitere Maßnahmen nicht aus. "Wir werden die Lage genau beobachten und sind zu zusätzlichen Schritten bereit, falls diese notwendig werden", sagte Chu.

Die USA besitzen mit 727 Millionen Barrel die weltweit größten Ölreserven. Sie sind mit China auch der weltgrößte Ölverbraucher. Deutschland lagert mehr als 20 Millionen Tonnen Öl, die rund 90 Tage reichen. Zuletzt ging die Bundesrepublik 2005 an seine Reserven als der Wirbelsturm "Katrina" im Golf von Mexiko die dortige Ölproduktion zum Erliegen und die Preise drastisch steigen ließ. Alle IEA-Länder zusammen verfügen über eine Reserve von mehr als 4,1 Milliarden Barrel, was ebenfalls für etwa 90 Tage reicht.

Opec-Länder uneinig

Für Fachleute kam die Entscheidung der IEA überraschend. "Es ist verwunderlich, dass jetzt zusätzlich Öl auf den Markt geworfen wird", sagte der Rohstoffexperte des hamburgischen WeltWirtschaftsInstitituts (HWWI), Leon Leschus. "Denn in den USA und China mehren sich die Hinweise für eine Konjunkturabkühlung, die auch die Ölnachfrage drücken dürfte." Zudem verfüge das Ölkartell Opec über genügend Reserven, um die Lieferausfälle Libyens zu kompensieren.

Die in der Opec zusammengeschlossenen Förderländer hatten sich bei ihrem Gipfel am 8. Juni nicht auf eine Erhöhung der Fördermenge einigen können. Saudi-Arabien hatte aber zugesagt, im Alleingang mehr Öl zur Verfügung zu stellen. Normalerweise dauert es etwa 13 Tage, bis das Öl aus den Reserven der Industriestaaten am Markt ankommt.