HOME

Live-Fußball im Pay-TV: Ein Cheers auf die Gerechtigkeit

Eine Pub-Wirtin hat vor Gericht gegen die Premier League gewonnen. Jetzt könnte der Milliardenmarkt der TV-Rechte durcheinandergewirbelt werden. Auch die Bundesliga ist betroffen.

Von Klaus Bellstedt

Der Barkeeper im "The Red White & Blue", einem kleinen Pub in Portsmouth, spricht mit breitem südenglischem Akzent. Am Telefon ist der Mann auch deshalb nur ganz schwer zu verstehen: "Nein, Karen Murphy ist nicht zu sprechen. Sie ist unterwegs und erledigt Einkäufe. Und überhaupt, heute geht da mit Sicherheit nichts mehr", brüllt er in den Hörer. Karen Murphy ist die Besitzerin der Eckkneipe im Stadtteil Southsea. Seit Dienstag ist die Engländerin aber vor allem die Frau, die dafür gesorgt hat, dass der europäische Fußballmarkt zukünftig ein anderer sein wird.

Karen Murphy ist eine kluge Geschäftsfrau. Nicht, weil sie ihren Kunden Bier und Fußball-Übertragungen aus der Premier League anbietet. So machen es Tausende andere Wirte auf der Insel auch. Mit dem großen Unterschied, dass die 6000 Pfund im Jahr an den Pay-TV-Sender Sky überweisen. Murphy sah das schon lange nicht mehr ein. "Wenn ich ein Auto kaufen möchte, darf ich das Modell wählen, das mir gefällt", sagte die 47-Jährige vor kurzem in einem BBC-Interview. Bei Fußballübertragungen dürfe man das anscheinend nicht. "Das ist falsch, das macht mich wütend, und dagegen kämpfe ich."

Deutsches Geschäftsmodell steht infrage

Murphy fand heraus, dass die gleichen Bilder von anderswoher wesentlich billiger zu haben waren. Mit dem entsprechenden Receiver und über das griechische Billignetzwerk Nova bekam sie die Spiele von Manchester United, Chelsea oder Arsenal London nämlich auch auf die Bildschirme im "The Red White & Blue" - und sparte dadurch umgerechnet 7000 Euro pro Jahr. Sky verklagte sie daraufhin und zerrte sie vor den Europäischen Gerichtshof (EugH). Am Dienstag wurde die Klage abgewiesen. Die streitbare Wirtin bekam Recht zugesprochen. Ab sofort dürfen zum Empfang von Fußball-Übertragungen im Bezahlfernsehen ausländische Decoderkarten nicht verboten werden. Und zwar nicht nur in der Bar von Karen Murphy, sondern in ganz Europa.

Für den deutschen Fußballfan heißt das: Er kann in Zukunft Verträge mit ausländischen Anbietern abschließen, die Live-Spiele aus der Bundesliga oder anderen Ligen billiger anbieten als nationale Pay-Sender. Für die Bundesliga halten die beiden Pay-TV-Sender Sky und Liga Total die Erstverwertungsrechte an den Live-Spielen. Deren Geschäftsmodell steht nach dem Urteil nun infrage. Denn in Spanien, Bulgarien, Malta, Portugal, Estland oder Griechenland dürfen Bezahlsender schon jetzt deutsche Spiele zeigen. In Spanien zum Beispiel überträgt der Pay-TV-Kanal Canal Plus für einen Preis von 16,95 Euro pro Monat jedes Wochenende fünf Livespiele aus Deutschland. "Ob wir uns nach dem Richterspruch des EuGH nun um noch mehr Bundesliga bemühen, steht noch nicht fest", meinte ein Sprecher von Canal Plus zu stern.de.

BVB-Boss Watzke: "kein gutes Urteil"

Fakt ist: Nach dem Urteil geht im deutschen Pay-TV-Markt die Angst um. Die Sky-Investoren reagierten nach dem Richterspruch sofort: Die Aktie des Unternehmens sank am Dienstag zwischenzeitliche um zehn Prozent - weil Sky mit einem Schlag neue Konkurrenz am Hals hat.

Aber auch die Clubs sind in Sorge. Die Fußballrechte könnten nämlich günstiger werden. Sky zahlt derzeit 275 Millionen Euro pro Jahr für die Live-Übertragungsrechte an die DFL. Der Sender muss sich in Zukunft nun mit Billiganbietern um Abonnenten streiten. Die Preise könnten gewaltig unter Druck geraten - und in der Konsequenz die Vereine darunter leiden.

Derzeit sorgen die TV-Erlöse in Deutschland immerhin für knapp ein Drittel der Gesamteinnahmen der Vereine. Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sagte schon im Frühjahr zum bevorstehenden Urteil des EuGH: "Wenn dieses Szenario von der Politik in Brüssel umgesetzt wird und ausländische Decoderkarten erlaubt werden, dann kommen auf den Profifußball in Europa gefährliche Zeiten zu, dann gute Nacht! Das wäre für alle Vereine in Europa eine Katastrophe, vor allem für die fünf großen Ligen". Vom Deutschen Meister Borussia Dortmund gab es bereits eine Reaktion: "Das ist kein gutes Urteil", meinte Hans-Joachim Watzke zu stern.de. Der Vorstandsboss des BVB sieht die DFL "in der Pflicht, bei den nächsten Preisverhandlungen vernünftig zu verhandeln". Möglicherweise dann ja mit mehreren Anbietern.

"Wir sind alle überglücklich"

Die DFL selbst zeigte sich wenig überrascht über das Urteil. Der Verband reagierte mit Zurückhaltung und verbreitete lediglich eine nüchterne Stellungnahme: "Dieses Urteil hat sich abgezeichnet. Wir werden nun die Urteilsbegründung hinsichtlich möglicher Konsequenzen prüfen." In der Mitteilung heißt es aber auch: "Dennoch müssen wir feststellen, dass auf europäischer Ebene die von den Rechte-Nachfragern akzeptierte Praxis mit individuellen Rechte-Zuschnitten für unterschiedliche Gebiete trotz zahlreicher Warnungen infrage gestellt wird." Das klingt dann fast schon resignierend.

In Portsmouth hat derweil Karen Murphy euphorisch und mit großer Erleichterung auf das EuGH-Urteil reagiert: "Es war wie eine Achterbahnfahrt, es ging rauf und runter und hat Nerven gekostet. Es war eine seltsame Zeit und ich bin froh, dass es jetzt zu Ende geht", sagte die Pub-Wirtin dem BBC Radio 5. Und auch ihre Gäste freuen sich. Auf der Homepage des "The Red White & Blue" schreibt User "Bristol407": "Gut gemacht, Karen! Für diesen Beschluss haben wir alle gebetet. Dafür hast Du Dir einen Orden von der Königin verdient." Trotz seines schwer zu verstehenden Akzents war selbst dem Barkeeper die Freude durchs Telefon anzumerken. "Wir sind hier alle überglücklich", brüllte er. Im Hintergrund lief, natürlich: Fußball.