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Lufthansa: Meilen-Schulden in Milliardenhöhe

Die Lufthansa schuldet ihren Kunden den Gegenwert für Milliarden von Bonusmeilen. Diese tauscht die Airline nicht nur gegen Freiflüge - auch mit Markenartikeln sollen sie den Fluggästen abgeluchst werden.

Von Jenny Genger

Der Worldshop-Katalog ist so dick und bunt wie der von Ikea. Darauf prangt das blau-gelbe Wappen mit dem Lufthansa-Kranich. Darin präsentieren sich über 1200 Produkte. Das ist dreimal mehr, als die zweitgrößte europäische Fluglinie an Zielgebieten zur Auswahl hat.

Ständige Zuwächse

Vor neun Jahren hatte die Handelsgesellschaft des Konzerns erst sechs Angebote auf Lager. Seit 2003 ist der Umsatz jedoch jährlich "um deutlich mehr als zehn Prozent gestiegen", sagte Andreas Bierwirth, Marketingchef der Lufthansa Passage. Er verantwortet das Nischengeschäft, das gegen die große Konkurrenz antritt: "Im Gegensatz zum klassischen Versandhandel verzeichnen wir aber anhaltendes Wachstum", sagt Bierwirth.

Handelskonzerne wie KarstadtQuelle oder Tchibo sieht er allerdings nicht als Konkurrenz: "Wir setzen auf Premiumprodukte für Vielflieger." Der Worldshop bietet Markenartikel an, etwa von Montblanc, Porsche oder Bogner. Die Auswahl reicht von Schmuck und Golfsets über Kameras bis hin zu Hochdruckreinigern.

Der Bonusberg wächst jährlich um 20 Prozent

Diese Dinge müsste niemand bei einer Fluggesellschaft kaufen - zumal sie bei jedem anderen Versandhändler deutlich billiger zu bekommen wären. Allerdings brauchen die Lufthansa-Kunden dafür keinen Euro auf den Tisch zu legen: Sie können mit ihren Bonusmeilen zahlen, die ihnen die Fluglinie, wie viele andere auch, bei jeder Reise gutschreibt. Die meisten Vielflieger tauschen ihre Prämienpunkte zwar lieber in Freiflüge. Doch diese Kontingente sind begrenzt: Nach Branchenschätzungen wurde daher bislang ein Drittel der Meilen nicht eingelöst.

Seit 1995 wächst dieser Bonusberg weltweit jährlich um 20 Prozent. Nach Berechnungen der Schweizer Meilenspezialisten Loylogic haben die Punkte einen Gegenwert von 400 bis 700 Milliarden Dollar. Lufthansa-Kunden verfügten Ende 2006 über 165 Milliarden Meilen. Dafür musste der Konzern Rückstellungen in Höhe von 714 Millionen Euro bilden - bei einem operativen Gewinn von 845 Millionen. Euro.

Welchen Wert haben die Meilen?

Gegen diesen Schuldenstand arbeiten die 40 Worldshop-Mitarbeiter an. Die Firma verschickt ihren Katalog an mehr als zwei Millionen Kunden und legt ihn für die über 50 Millionen Lufthansa-Passagiere an Flughäfen und in Maschinen aus. Über ein Internetportal wickelt die Handelstochter 70 Prozent der Bestellungen ab. Zudem werden einige Artikel in Läden an vier deutschen Flughäfen und in einem Outletshop in Bielefeld verkauft.

So inflationär, wie die Meilen in Umlauf gebracht werden, so üppig werden sie auch für die Preisgestaltung der Ware angesetzt. Sechs Flaschen des südafrikanischen Rotweins Dornier Donatus "kosten" 29.500 Meilen - das entspricht einem Hin- und Rückflug in der Economyclass nach London. Reichen die Meilen nicht aus, kann der Restbetrag in Euro gezahlt werden. Welcher Wert für die Punkte angesetzt wird, ist jedoch kaum nachvollziehbar. Einziger Anhaltspunkt ist der Wechselkurs, zu dem Kunden ihr Konto aufstocken können: für 3 Cent pro Meile. Bei 14.000 Meilen für einen Bosch-Akkuschrauber entspricht das 420 Euro, während er sonst für 49 Euro zu haben ist.

Kalkulation bleibt geheim

Die Lufthansa gibt nicht preis, welche Kalkulationsspannen sie mit den Herstellern vereinbart. Immerhin erzielte Worldshop 2006 einen Gewinn von 17 Millionen Euro. "Wir können die Leistung auch extern anbieten", sagte Bierwirth. Für die Lufthansa-Tochter Swiss übernimmt Worldshop ab sofort den Bordverkauf. Der Ausbau der Handelsaktivitäten mit Internetportal und Flughafenshops ist geplant.

FTD