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Maria-Elisabeth Schaeffler: Powered by Emotion

Noch vor kurzem zeigte sich die Chefin des Schaeffler-Konzerns selbstbewusst und durchsetzungsfreudig. Doch nun steckt Maria-Elisabeth Schaefflers Unternehmen in der Finanzklemme und plötzlich umgarnt sie sogar ihre einstigen Gegner - Melodram einer Milliardärin.

Von K. Spiller, S.O. Clausen, K. M. Smolka

Viel dicker hätte Maria-Elisabeth Schaeffler die Symbolik nicht auftragen können. Einen dicken, leuchtend roten Schal hat sich die Unternehmerin zum Kniefall vor den Arbeitnehmern um den Hals geschlungen. So sitzt sie da nun auf der Pressekonferenz in der Frankfurter Zentrale der IG Metall und schweigt; die erste Rede hat sie Gewerkschaftschef Berthold Huber überlassen.

Jahrelang hat sich Maria-Elisabeth gegen die Mitbestimmung, den Einfluss der Arbeitnehmer gewehrt - aber nun, in der Stunde höchster Not, schmeichelt sie plötzlich den früheren Gegnern. Das Wachstum ihres Konzerns sei nicht nur eine unternehmerische Leistung gewesen, sagt sie, als Huber zu Ende geredet hat, "sondern auch und ganz besonders unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter". Sie hätten einen großen Anteil am Erfolg und stünden auch jetzt "in beispielhafter Solidarität" zu ihrem Unternehmen. "Deswegen ist es für meinen Sohn und mich auch ein ganz persönliches Anliegen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an dem Unternehmen zu beteiligen."

Wie hat sich diese Frau verwandelt! Aus der resoluten, pressescheuen Matriarchin im Nerzmantel ist binnen wenigen Wochen eine Diplomatin geworden, die sich wahlweise kleinlaut geben, den Staat um Geld anflehen oder öffentlich Tränen verdrücken kann, wenn es bloß der Sache dient. Will heißen: der Rettung ihres Unternehmens.

Maria-Elisabeth Schaeffler, ihr Sohn Georg und Geschäftsführer Jürgen Geissinger haben sich gewaltig verhoben an der feindlichen Übernahme des Rivalen Continental. "Es fehlen fünf bis sechs Milliarden Euro Eigenkapital", gibt Georg Schaeffler mittlerweile zu. Ohne öffentliche Gelder drohen dem Familienkonzern aus Franken Insolvenz und Zerschlagung. Die Lage spitzt sich täglich zu. Und das ausgerechnet jetzt, da sich immer mehr Politiker gegen weitere Staatshilfen für angeschlagene Unternehmen aussprechen. Höchste Zeit für einen Imagewechsel. Zeit für eine andere Maria-Elisabeth Schaeffler.

Lektionen in Demut

Fünf Wochen ist es her, da war sie noch die starke Dame der deutschen Wirtschaft. Es ist der 21. Januar, der Streit um die Macht bei Conti ist noch im Gange, da zeigt sich die Chefin bei einem Branchentreff in Berlin. "Unerwartet", befindet Contis Aufsichtsratschef Hubertus von Grünberg und eilt zu ihr. Die Augen vieler Manager heften sich auf Schaeffler, während sie durch den Raum geht. Wie immer perfekt geschminkt, das blonde "Walle-Walle-Haar", wie sie es selbst nennt, adrett hochgesteckt und mit durchdringendem Blick diskutiert sie mit Grünberg und Conti-Chef Karl-Thomas Neumann. Wenige Tage später setzt Maria-Elisabeth Schaeffler im Conti-Aufsichtsrat Grünbergs Abgang durch. Das Unternehmen Schaeffler erhält vier Sitze in dem Gremium.

Sieben Tage später lehrt die "Bild"-Zeitung sie Demut. "Diese Milliardärin will an unser Steuergeld", titelt das Blatt am 28. Januar. Daneben prangt ein großformatiges Foto: Maria-Elisabeth Schaeffler lacht mit Champagnerglas und üppigem Pelzmantel in die Kameras. Eine Feier in Kitzbühel, Treff mit wichtigen Kunden wie Volkswagen und Audi. Doch der Pelz ramponiert alles. Schaeffler merkt: Sie hat überzogen. Sofort steuert sie gegen. "Ich bin keine Schickimicki-Dame", wehrt sie sich in Interviews tags drauf. Bis zu 80 Stunden die Woche arbeite sie. Es gehe ihr um das Wohl des Unternehmens, der Mitarbeiter.

Vergangene Woche zeigt sie sich inmitten der Belegschaft. Bei einer Demonstration durch Herzogenaurach, den Firmensitz, stellt sie sich neben ihre Leute. Eine dunkle Daunenjacke schützt sie vor der Winterkälte. Sie will Nähe zeigen. Es treibt ihr Tränen in die Augen. Die Bilder rühren Deutschland, der Imagewandel ist gelungen.

Der 67-Jährigen ist bewusst: Sie ist Schaeffler, sie ist das Aushängeschild der Traditionsfirma. Dass sie eine hervorragende Außenministerin abgeben kann, hat sie längst gezeigt. Fasziniert haben sie die Automanager beobachtet, als sie im vergangenen Herbst bei einem Fachkongress mit breitem Lachen auf eine Carrera-Bahn zusteuerte, den Regler ergriff und ein paar Runden drehte. Mehrmals flog ihr Auto mit Karacho aus der Kurve, doch solche Symbolik brachte sie nicht aus der Ruhe. Vom hageren, blassen Mann dahinter nahm in diesem Moment kaum jemand Notiz. Georg Schaeffler wartete drei Schritte hinter seiner Mutter, die Arme fest um seine Aktentasche geklammert.

Der verlorene Sohn

Neuerdings ist der 44-Jährige häufiger dabei, wenn seine Mutter repräsentiert. Bis zum Conti-Deal hat er sich oft monatelang gar nicht in Deutschland gezeigt, obwohl er 80 Prozent der Firmenanteile hält. Er lebte lieber im fernen Texas sein Leben als Wirtschaftsanwalt, fernab vom Tagesgeschäft in Herzogenaurach. Noch im Dezember gab Maria-Elisabeth Schaeffler ein Zeitungsinterview mit Firmenchef Jürgen Geißinger statt mit ihrem Sohn. Zu Georgs Einfluss auf die Entscheidungen rund um Continental sagte sie damals noch lapidar: "Mein Sohn ist Anwalt in Amerika, er fühlt sich dort sehr wohl."

Doch jetzt beginnt der sonst so sensibel-zurückhaltend auftretende Sohn, für die Firma zu sprechen. Es geht um deren Existenz - und damit auch sein eigenes Vermögen. Bei den ganz heiklen Themen tritt er neuerdings in den Vordergrund. So ist es Georg, der in der IG-Metall-Zentrale sagt: "Es ist unser Ziel, als wesentlicher Ankerinvestor die Zerschlagung des Unternehmens Conti/Schaeffler zu verhindern." Und als Rückfragen kommen, wie hoch die Gefahr sei, dass Conti oder Schaeffler in die Insolvenz müssen, ergreift wieder Georg das Wort. Die Gefahr einer Pleite von Continental sei "eher gering", Schaeffler sehe sich ebenfalls "nicht in einem Insolvenzszenario". Neuerdings führt Mutter Schaeffler Interviews auch lieber gemeinsam mit ihrem Sohn als mit Geißinger an der Seite.

Georg Schaeffler war von Anfang an in den Übernahmeplan einbezogen. Bereits zum ersten Treffen mit der Conti-Spitze am 11. Juli 2008 im Airport Club in Frankfurt begleitete er seine Mutter und Geißinger. Von Beginn an trug er die harte Linie mit: Conti müsse entweder kooperieren oder kapitulieren. Auch in den turbulenten Wochen danach blieb der Sohn an der Seite seiner Mutter - gerade weil er als ausgebildeter Jurist genau überprüfen konnte, was Geißinger und dessen Intimus Hans Rolf Koerfer von der Sozietät Allen & Overy ausheckten. Und so ist es nur logisch, dass Schaeffler junior auch jetzt die Zügel in der Hand hält: bei der Diskussion über eine mögliche neue Rechtsform der Schaeffler KG.

Bei der Integration von Conti und Schaeffler spielt Georg Schaeffler ebenfalls eine Schlüsselrolle. So führt er seit Anfang Februar das Wort im Nominierungsausschuss des Aufsichtsrats. Das Gremium erarbeitet gerade eine Liste mit Personen, die auf dem nächsten Aktionärstreffen am 23. April in den Aufsichtsrat gewählt werden sollen. Von der alten Conti-Truppe wurden zwar Diethart Breipohl, Ex-Finanzchef der Allianz, und Bernd Voss, Ex-Vorstand der Dresdner Bank, in den Zirkel entsandt. Weil die Schaefflers aber direkt 49,9 Prozent und über die befreundeten Banken Sal. Oppenheim und Metzler noch einmal fast 40 Prozent der Aktien kontrollieren, ist klar, wer den Aufsichtsrat letztendlich bestückt: Georg Schaeffler.

Zehn Milliarden Euro Schulden

Firmenchef Geißinger manövriert derweil im Hintergrund. Sucht Einsparungen mit Conti und Kooperationsprojekte, spricht mit Banken und hält nach möglichen Investoren Ausschau. Auf dem Weltwirtschaftsforum Ende Januar in Davos lud er im Halbstundentakt mögliche Investoren wie Private-Equity-Manager und potenzielle Helfer wie Roland Berger zu Gesprächen ins Hotel Belvédère. Um große Geheimnistuerei bemühte er sich dabei nicht. Seine Gesprächspartner traf er gleich neben der Lobby, wo die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG ein kleines Bistro ausgestattet und ein Büfett aufgebaut hatte.

Geißinger sei zurzeit der letzte Trumpf der Schaefflers, heißt es im Umfeld der Firma. Aus Sicht der Banken sei er jedoch langfristig kaum zu halten. Die Kreditgeber trauen eher Karl-Thomas Neumann als Geißinger zu, eine gemeinsame Autogruppe aus Conti und Schaeffler zu leiten.

Wer immer die Geschäfte des fusionierten Konzerns führen wird - er hat womöglich nicht lange das Sagen. Auf Schaeffler lasten zehn Milliarden Euro Schulden. Spätestens zur Jahresmitte, ohne Finanzspritze womöglich eher, drohe Schaeffler die Kreditbedingungen zu brechen, heißt es. Dann würden die Banken Anteile und die Kontrolle übernehmen und den Konzern radikal umbauen.

Schaefflers Kerngeschäft, vor allem die Produktion von Wälzlagern, würde wohl verkauft. Dann wäre all das zerstört, was sich Firmengründer Georg Schaeffler senior über Jahrzehnte hinweg aufgebaut hatte. Motivation genug für unkonventionelle Auftritte mit ungewöhnlichen Partnern.

FTD