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Nach Mehrwertsteuersenkung: Das Wohlergehen von Hotels geht uns alle an

Deutsche Hoteliers sind Blitz-Empiriker: Schon kurz nach Senkung der Mehrwertsteuer wussten sie, dass nicht nur ihnen das Steuergeschenk zugute kommt, sondern dem ganzen Land. Ein Hotellobby-Besuch.

Von Dorit Kowitz

Der Vorsitzende ist stolz. Und der Vorsitzende schmollt. Siehste, von wegen! Sagt Fritz G. Dreesen sinngemäß: Von wegen, die Hoteliers steckten die zwölf Prozent gesparter Mehrwertsteuer nur in die eigene Tasche! Das täten sie zwar zunächst, sagt Dreesen, Vorsitzender des Hotelverbandes Deutschland (IHA) und selbstverständlich selbst Hotelier. Aber sofort, versichert er, gäben sie das Geld sogleich wieder in den ewigen Kreislauf der Wirtschaft, in höhere Löhne, mehr Arbeitsplätze, in die Sanierung und Modernisierung ihrer Häuser - und selbstverständlich über niedrigere Übernachtungskosten an die Gäste weiter.

Wer darum anderes behaupte, und gar von Klientelpolitik der schwarz-gelben Koalition spreche, sagt der Vorsitzende Dreesen mit fester Stimme, "der will uns Böses". Die neue Ausnahme bei der Mehrwertsteuer für diese Branche "ist kein Geschenk, sondern sie schafft Gerechtigkeit", nämlich mit dem Rest Europas.

So, damit ist das nun einmal mehr gesagt, aber leider immer noch nicht wahr.

Widersprüchliche Nachrichten im Esplanade

Die Nachrichten aus der deutschen Hotelbranche, die Dreesen im Berliner "Grand Hotel Esplanade" außerdem durchstellte, waren widersprüchlich. Einerseits liegt mit 2009 das schlechteste Geschäftsjahr hinter den Hoteliers, "seit es darüber Aufzeichnungen gibt", wie Dreesen sagt: Die Übernachtungspreise wurden wieder gedrückt, die Beschäftigtenzahl sank, der Umsatz gab um sechs Prozent nach und die Zahl der Übernachtungen sank um 1,5 Prozent. Vor allem, weil die Ausländer ausgeblieben sind. Gleichzeitig aber wurden wieder 1,5 Prozent mehr Hotelbetten gebaut.

Paradox? Ja, paradox, findet der IHA-Hauptgeschäftsführer Markus Luthe. Seit Jahren beobachte man das Phänomen: In den Hotels läuft es mies, aber irgendwer baut trotzdem neue. Luthen denkt, dass Hotels wohl als Prestige- und Anlageprojekte gälten, gerne in Berlin. Aber, "sie werden offenbar nach anderen, als nach Branchenkriterien eröffnet." Blöd wird es dann, wenn die Hotels keiner braucht und sie schließen. Denn anders als die meisten Immobilien, taugen Hotels nur als Hotels und zu sonst nichts. Darüber, dass die neue Mehrwertsteuer auch diese, womöglich windigen Investoren subventioniert und anlockt, verliert Luthe kein Wort.

Nun wird das Ruder rumgerissen

Egal. Wichtig ist der Branche zu übermitteln: Die schöne niedrige Mehrwertsteuer reißt jetzt, 2010, das Ruder rum, man sei optimistisch. Denn, siehe oben, alles Geld fließt ins deutsche Land zurück, in seine Stadtsäckel, Landeshaushalte, Bundesetats. Woher man das weiß? Der Verband hat schon Mitte Februar die eigenen Leute befragt. 570 Hotels haben sich an der (freiwilligen) Umfrage beteiligt. Das rechnete der IHA einfach auf alle seine Mitglieder hoch (das sind 1120) und kommt so auf ein zusätzliches Investitionsvolumen von 330 Millionen Euro. "Die Hotels machen das, was sich die Politik erhofft hat", sagt Dreesen. Dies sei "ein echtes Konjunkturprogramm".

Wir nehmen nicht bloß, wir geben auch, soll das heißen. Doch die Hochrechnungen des IHA sind blumig: Weil die 570 Hoteliers kundtaten, sie hätten 304 neue Arbeitsplätze, 138 neue Teilzeitkräfte und 321 neue Auszubildende eingestellt, sichert die reduzierte Umsatzsteuer angeblich gleich "zehntausende Arbeitsplätze". Das kann man immer behaupten, so lange das Gegenteil nicht eintrifft. Auf jeden Fall klingt es nach Hoffnung.

Und jetzt GEZ-Kosten runter

Ein Verband bedankt sich bei seinen Politikern. Aber Ruh' gibt er nicht: Als nächstes müssten die enormen GEZ- und Kabelgebühren für das Fernsehen im Hotel drastisch gesenkt werden, fordert Dreesen. Am 9. Juni verhandeln die Ministerpräsidenten der Länder. Die Lobby läuft sich warm.

Aber Gefahr droht von anderer Seite: Die schöne neue Mehrwertsteuer kann der Branche wieder weggemopst werden. Denn die Wirtschaftsforschungsinstitute haben eine total verrückte Idee: Als sie diese Woche ihre Frühjahrprognosen vorstellten, schlugen sie zur Sanierung der Staatskassen unter anderem vor, den reduzierten Mehrwertsteuersatz für Hotels wieder abzuschaffen. Hoffnung ist eben oft trügerisch.