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#StopFundingHate Nach stern-Recherchen: Unternehmen beenden Werbung auf rechten Webseiten

Aus Hakenkreuzen entstehen bunte Früchte.
Dieser Italiener sagt dem Rechtsextremismus den Kampf an.
In seiner Heimatstadt Verona kämpft Pier Paolo Spanizzé gegen Nazi-Symbole an Hauswänden.
Dabei wird er kreativ:
Unter dem Synonym "Cibo“ zückt er einfach die Spraydose – und verwandelt die Schmierereien in Kunst.
So entstehen aus Hakenkreuzen bunte Früchte. 
Nach der Verwandlung sind die rechtsextremen Symbole nicht mehr zu erkennen.
Es kommt vor, dass seine Kunstwerke wieder mit Hakenkreuzen beschmiert werden.
Kein Problem für Cibo: der Graffiti-Künstler malt diese auf ein Neues über.
So gewinnt er den Kampf gegen die Schmierereien. 
Statt rechter Hetze freut sich seine Nachbarschaft über buntes Obst

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Anzeigen von Unternehmen wie Opel, der NKL oder TUI sind auf rechtsextremen Webseiten gelandet – und finanzieren so indirekt Rassismus und Hass. Oft wissen die Unternehmen nichts davon. Der stern hat sie darauf aufmerksam gemacht

Adidas taucht auf, Opel und der TUI-Schriftzug, die Norddeutsche Klassenlotterie NKL – ja sogar das nordrhein-westfälische Schulministerium ist mit einer Kampagne dabei. Eine Reihe von Unternehmen und Institutionen haben Werbung auf umstrittenen Medienseiten geschaltet – etwa bei der rechtspopulistischen "Epoch Times" oder beim stramm konservativen englischsprachigen "Breitbart". Sie finanzieren diese Angebote so zumindest indirekt mit. Das zeigen Recherchen der Aktion #StopFundingHate und des stern.

#StopFundingHate wurde von den beiden Werbe-Fachleuten Thomas Koch und Michael Maurantonio ins Leben gerufen. Die Initiative hatte in den letzten Wochen Anzeigen auf Online-Angeboten des rechten Spektrums dokumentiert. Dabei zeigte sich, dass dort auch immer wieder bekannte Markenhersteller für ihre Produkte werben. Auf der Liste der Initiative tauchen mittlerweile rund 60 Namen auf, darunter der des Autoherstellers Opel, der zum Beispiel am 29. März auf "Epoch Times" für sein Model Mokka warb. Adidas spielte dort am 8. März seine Anzeige aus, NKL war am 17. März dabei. 

Werbende Firmen distanzieren sich

Man fragt sich, was die Firmen mit der fragwürdigen Positionierung bezwecken. Warum setzen sie ihr Renommee aufs Spiel? 

Auf Anfrage distanzieren sich die genannten Firmen von den populistischen Medieninhalten. Die Kampagnen seien so nicht gewollt, heißt es. Opel stehe "seit mehr als 150 Jahren für die Werte Toleranz und Weltoffenheit", lässt der Autokonzern wissen, er stelle sich "selbstverständlich klar gegen jede Art der Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung". Die betreuende Mediaagentur sei angewiesen worden, "die Anzeige zu entfernen und künftig nicht mehr auf dieser Seite für die Marke Opel zu werben". Auch Adidas distanziert sich von "unethischen und unangemessenen Inhalten", die Buchung sei gestoppt worden. Die Gemeinsame Klassenlotterie der Länder, die die NKL-Ziehungen veranstaltet, schreibt: "Es widerspricht unserer Philosophie im extremistischen Umfeld zu werben und auf derartigen Plattformen vertreten zu sein." Es seien alle "nötigen Schritte" ergriffen worden, um "die Auslieferung von Anzeigen auf 'Epoch Times' zu stoppen". 

Opel wirbt auf Epoch Times
Werbung für den Opel Mokka auf der "Epoch Times"
© Screenshot / stern

Auch der Reiseveranstalter TUI, der gerade mit Milliarden-Staatshilfen vor der Pleite gerettet wurde, reagiert alarmiert. Die Anzeige sei nicht von dem Konzern selbst geschaltet worden, sondern von der TUI Ferienhaussparte, die vor geraumer Zeit an einen Namens-Lizenznehmer verkauft worden sei. 

"Bereits Anfang/Mitte März haben wir nach Kommentaren in Social Media in dieser Sache die Käuferin der Ferienhaussparte der TUI, Bellvilla, auf den Sachverhalt hingewiesen, die daraufhin aktiv geworden ist." Für TUI-eigene Online-Werbung stehe diese Publikation seit langem auf einer so genannten Blacklist.

Der Teufel steckt auch in der Technik

Wenn eigentlich niemand seine Werbebanner auf den umstrittenen Seiten sehen will, wie behauptet, wie gelangen sie dann dorthin?

Die Antwort ist bei Google und anderen Digitalvermarktungsplattformen zu finden, die es Werbekunden ermöglichen, Kampagnen vollautomatisiert auf bestimmte Nutzerprofile hin zuzuschneiden und auszurichten ("Programmatic Advertising"). Will ein Autohersteller beispielsweise gezielt junge Führerscheinbesitzerinnen ansprechen, spielt die Plattform diese individualisiert an potenzielle Kundinnen aus - egal, auf welchen Webseiten diese sich gerade bewegen. Die Seite, auf der das Banner aufscheint, erhält dafür einen Cent-Betrag. Hier macht's die Masse. 

NRW wirbt auf Epoch Times
Das Schulministerium von NRW wirbt auf der "Epoch Times"
© Screenshot / stern

Damit Werbungtreibende und Media-Agenturen über die Verbreitung ihrer Online-Kampagnen zumindest noch einen Rest an Kontrolle behalten, können ungeliebte Webseiten in dem Buchungssystem ausgeschlossen werden. Das geschieht durch die genannten schwarzen Listen. Eine Werbe-Blockierung ist allerdings nur möglich, wenn sich jemand zuvor die Mühe macht, die Tabu-Seiten per Hand zu erfassen und die Blacklist stets auf Stand zu halten. Doch daran hapert es offensichtlich. Die betroffenen Firmen sehen hier regelmäßig die Agenturen in der Pflicht. 

NKL-Anzeige auf der Epoch Times
NKL-Anzeige auf der "Epoch Times"
© Screenshot / stern

SPD will Antworten von NRW-Regierung

Ganz so leicht kommt das Ministerium für Schule und Bildung in Nordrhein-Westfalen wohl nicht aus der Verantwortung. Die Behörde hatte mit einer Imagekampagne („Einfach Klasse“) für den Lehrerberuf geworben – auch auf der Seite „Epoch Times“ waren die Banner zu sehen. Lehrer-Akquise in der rechten Szene? Mal wieder soll die Google-Programmierung schuld an dem Fauxpas sein. „Der Filter, den das Schulministerium anwendet, ist sehr streng ausgelegt und verhindert das Ausspielen von Anzeigen auf Webseiten und Apps mit jugendgefährdenden und/oder extremistischen Inhalten. Das Google Display Netzwerk kennzeichnet bislang Epoch Times nicht als risikobehaftet“, heißt es aus dem Ministerium. Die oppositionelle SPD in NRW will sich mit der Erklärung nicht so schnell zufriedengeben. Sie hat der von Armin Laschet (CDU) geführten Regierung nun eine Anfrage gestellt.

Hinweis zur Transparenz: Auch der stern hat #stopfundinghate zum Anlass genommen, die automatisierte Werbe-Ausspielung für seine Produkte zu überprüfen. Tatsächlich fielen hierbei Lücken bei der Führung der Blacklist auf. Diese wurden geschlossen.


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