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Nachforderungen: Nachspiel bei der Göttinger Gruppe

Seit das endgültige Aus der Göttinger Gruppe verkündet wurde, stehen in einigen Anwaltskanzleien die Telefone nicht mehr still. Die rund 100.000 Anleger treibt vor allem eine Frage um: Wenn die Einlage nun schon verloren ist, kann der Insolvenzverwalter Nachzahlungen verlangen?

"Theoretisch ist das der Fall", sagt Jochen Resch, Vorstand der Verbraucherzentrale Brandenburg. Denn über 90 Prozent der Anleger haben in einer stillen Beteiligung in den Finanzkonzern investiert.

Mitunternehmer haften für Risiken

In dieser Form sind sie als Mitunternehmer nicht nur am Gewinn und Verlust beteiligt, sondern haften auch für Risiken des Unternehmens. "Bei atypischen stillen Beteiligungen sind Anleger im Insolvenzfall keine Gläubiger, die Forderungen aus der Insolvenzmasse erwarten können", sagt Anwalt Wolf von Buttlar. "Vielmehr kann der Insolvenzverwalter Nachzahlungen in Höhe noch ausstehender Einlagen einfordern." Das sei bei Ratensparern der Fall, die noch nicht die volle Einlage geleistet haben.

Trotz zahlreicher Warnungen von Verbraucher- und Anlageschützern haben sich Anleger in den vergangenen Jahren zahlreich auf atypische stille Beteiligungen eingelassen - nicht nur bei der Göttinger Gruppe. "Diese Beteiligungen werden seit geraumer Zeit intensiv verkauft", sagt von Buttlar. Ebenso haben sich die Schadensfälle mit dieser Anlageform gehäuft. So lockten etwa das Würzburger Anlageunternehmen Euro-Gruppe, die Hanseatische AG oder die Vetriebsorganisation der Frankonia Sachwert AG Tausende von Anlegern in ihre Produkte - wenige Jahre später folgte die Pleite.

Aufklärung war kaum zu erwarten

Häufig würden Anleger bis zum Schadensfall jedoch gar nichts von ihrer Rolle als Mitunternehmer ahnen. "Im aktuellen Fall wussten viele Anleger gar nicht, dass sie Gesellschafter sind, und erst recht nicht einer, der nichts zu sagen hat", sagt Rechtsanwalt Hauke Maack. Die Kunden seien vor allem mit zwei Hauptargumenten geködert worden: Mit einer attraktiven Altervorsorge und saftigen Steuerersparnissen.

Umfassende Aufklärung durch Anlageberater sei gerade im Falle der Göttinger Gruppe nicht zu erwarten gewesen. "Es gab Fälle, da sind Menschen durch die Göttinger Gruppe in zwei Stunden zu Anlageberatern ausgebildet worden", sagt Maack. Diese Personen hätten dann vor allem an Freunde oder die Familie verkauft. "Die wurden nicht auf die Risiken hingewiesen."

Richter urteilten bisher anlegerfreundlich

In der unzureichenden Aufklärung liegen nun aber auch die Chancen für die Geschädigten. Denn in der Vergangenheit hat es mehrere anlegerfreundliche Rechtsurteile zu atypischen stillen Beteiligungen gegeben, zuletzt im März 2005 durch den Bundesgerichtshof (BGH). "Es gibt die Möglichkeit, Schadensersatzansprüche wegen Falschinformationen geltend zu machen", sagt von Buttlar. Bei der Frankonia sei das BGH-Urteil die Grundlage für viele Anleger gewesen, sich die Einlagen zurückzuholen. "Das lohnt sich aber nur in dem Fall, wenn aus der Insolvenzmasse überhaupt noch etwas zu holen ist", sagt von Buttlar. Damit sei bei der Göttinger Gruppe allerdings eher nicht zu rechnen, da kaum etwas von Wert vorhanden sei.

Auch Maack glaubt nicht, dass für Anleger Chancen bestehen, von der Göttinger Gruppe noch Geld einzutreiben. "Aber sie müssen wohl auch nicht fürchten, dass sie noch Nachzahlungen leisten müssen." Denn dort, wo eine Falschaufklärung vorlag, biete die Rechtsprechung gute Möglichkeiten, sich von dem Vertragswerk zu lösen. Jochen Resch von der Verbraucherzentrale Brandenburg glaubt aus anderen Gründen nicht, dass Anleger mit Nachzahlungen rechnen müssen. "Das ist in diesem Fall wahrscheinlich nicht praktikabel, dafür ist das Volumen einfach zu groß."

Geld ist futsch

Im Falle der Euro-Gruppe, deren Produkte ebenfalls überwiegend über atypische stille Beteiligungen strukturiert wurden, sei schon die Bearbeitung von über 20.000 Fällen nicht möglich gewesen. Seine Empfehlung: Anleger sollten zunächst nichts machen und erst bis zum Gutachten des Insolvenzverwalters abwarten. Damit sei ungefähr im Herbst dieses Jahres zu rechnen.

Sowohl Rechtsanwalt von Buttlar als auch Volker Pietsch, Chef des Deutschen Instituts für Anlegerschutz (DIAS), empfehlen Betroffenen, die heute noch Ratenzahlungen an die Göttinger Gruppe leisten, als Erstes die Verträge zu kündigen und die Zahlungen einzustellen. Für das Einschalten von Rechtsanwälten sei es noch zu früh, man solle auf das Gutachten des Insolvenzverwalters warten. "Sonst könnte es sein, dass Geschädigte nochmals gutes Geld schlechtem nachwerfen", sagt Pietsch.

von Jarka Kubsova / FTD