New Economy Gefallene Jungs


Vor fünf Jahren platzte die Börsen-Blase. Fast über Nacht verglühten die Stars der New Economy. Sind Haffa & Co. aus Schaden klug geworden? Ein Besuch bei Freigängern und Besserwissern.

Bodo Schnabel hat nur zehn Finger. Die reichen nicht aus, um alle aufzuzählen, die Schuld haben an seinem Schicksal: die Banken, die Steuerberater, die Wirtschaftsprüfer, die Umstände, gewisse Vorstände É Nur einer fehlt in der Aufzählung: Bodo Schnabel. Umso ungeheuerlicher empfindet er sein Schicksal. Laut Bodo Schnabel ist Bodo Schnabel "das Schlimmste passiert, was einem in Deutschland passieren kann: Ich wurde vor ein deutsches Strafgericht gestellt". Und dann auch noch verurteilt. Zu sieben Jahren Haft. Außerdem konfiszierte das Gericht 18 Millionen Euro seines Vermögens. "Ein Katastrophenurteil", sagt Schnabel.

Unterschleißheim, Gewerbegebiet. Die erste Station auf der Reise zu den einstigen Helden der New Economy. Im Gepäck eine simple Frage: Wird man aus Schaden klug? Es gibt ja einige, die diese Frage beantworten können müssten. Zuvorderst die Gebrüder Thomas und Florian Haffa, einst Macher der TV-Rechte-Firma EM.TV (Höchstkurs fast 120 Euro, wenig später nahe null). Die Haffas, denen früher keine Medienstory zu viel war, zieren sich heute leider. Ihr Anwalt lässt ausrichten, dass die Brüder "bei ihrer Medienstrategie bleiben. Und die Strategie lautet: schweigen".

Schlechte Zeiten,

neue Strategien. Do you remember - Vor fünf Jahren begann der Absturz der New Economy, gelistet am Neuen Markt. 230 Milliarden Euro Kapital zerbröselten allein von Mai 2000 bis März 2003, Ende 2004 wurde der Neue-Markt-Index Nemax dichtgemacht. Zu spät für Millionen Kleinanleger, von denen einige ihre gesamte Altersvorsorge in die trügerischen Hoffnungswerte gesteckt haben - und dann blank dastanden. Und damit anders als die meisten gefeierten Chefs, die rasch noch ihre Millionen in Sicherheit brachten, bevor sie scheiterten.

So blöd wie Schnabel, nämlich über das sich selbst gestellte Bein, stürzte keiner. Bodo Schnabels Comroad AG gehörte zu den Topwerten am Neuen Markt. Navigationscomputer für Autos produzierte Schnabel. 17-mal verkündete das Unternehmen, wieder den Umsatz gesteigert zu haben. Der Aktienkurs schnellte jeweils um bis zu 30 Prozent in die Höhe. 95 Prozent der Umsätze waren frei erfunden oder, wie sich Schnabel ausdrückt, "vorausberechnet. Das haben damals alle so gemacht". Auf rund 700 Millionen Euro beläuft sich der Comroad-Schaden.

Bodo Schnabel, der Mann, dessen Unrechtsbewusstsein, mathematisch ausgedrückt, gegen minus unendlich strebt, hat die vergangenen Jahre damit verbracht, sich am Resthaar aus dem Sumpf zu ziehen. Sein Überlebensmotto: "Ich bin Techniker. Wut hilft nicht. Man muss weitermachen." Er sitzt im Nadelstreifenanzug in einem biederen Büro. Nur der Laptop auf seinem Schreibtisch piept ab und zu geheimnisvoll. Im Regal steht ein Buch: "Erfolg an der Börse". Wenn Schnabel aus dem Fenster schaut, nach schräg gegenüber, kann er seinen alten Laden sehen, die Comroad AG, deren Hauptaktionär er nach wie vor ist, aber bei 20 Cent pro Aktie sitzt hier kein beeindruckend reicher Mann. "Ein komischer Zufall", sagt Schnabel, "ich habe mit denen nichts mehr zu tun." Nicht mal gefühlsmäßig.

Schnabel ist jetzt Unternehmensberater. Jeden Morgen fährt er von der Außenstelle der Justizvollzugsanstalt Landsberg in die Unterschleißheimer Edisonstraße, reißt seine acht Stunden ab, fährt zurück in den Knast. Und am Wochenende in sein Haus. Das gehört ihm zwar im Moment nicht, aber im Gegensatz zu seinen Bankkonten darf er es benutzen, so lange, bis das Bundesverfassungsgericht ein endgültiges Urteil gefällt haben wird, denn Schnabel ist in Revision gegangen.

Bis dahin ist er Freigänger. Er ist stolz auf diesen Status: Mehr Karriere kann man nicht machen in der Knastwelt. Er ist gut in ihr rumgekommen. Erst war er im Untersuchungsgefängnis Stadelheim und hat "wie jeder die Klingen aus den Einmalrasierern rausgebrochen und gesammelt. So viel Einsamkeit, da wirst du verrückt." Es folgte ein längerer Aufenthalt im Hochsicherheitsgefängnis Straubing. Die Arbeit für die MTU-"Außenstelle" im Knast "hat mich gerettet" - Schnabel jobbte in der CAD-Abteilung mit anderen Wirtschaftsdelinquenten.

Jetzt wohnt er in einer Art Knacki-WG, für 7,50 Euro täglich darf er einkaufen, man kocht abends zusammen, um 20 Uhr kommt der Schließer. Was auch noch kam, war der Scheidungsantrag seiner Frau. Seinen ersten Freigang nutzte Schnabel, um beim Jugendamt das gemeinsame Sorgerecht für die gemeinsame Tochter rauszuholen. Außerdem kamen und kommen Briefe frustrierter Anleger. Die beantwortet Schnabel derart, dass ihm der ein oder andere darauf schon geantwortet haben soll: "Kann ich Ihnen irgendwie helfen?" Momentan kämpft Schnabel dafür, dass der Freistaat Bayern das eingezogene Vermögen zwecks Aktionärsentschädigung rausrückt.

Never give up ...

"Ich will zeigen, dass die Idee funktioniert", sagt Michael Kölmel. Weniger als zehn Millionen Euro Schulden hat seine Kinowelt GmbH momentan, Peanuts in der Welt der Filmhändler, findet Kölmel. "Und ich will mit niemandem mehr diskutieren, ob sich Asterix als DVD verkauft oder nicht." Niemand sind in diesem Fall Kreditgeber, Banker also. Es waren schließlich Banker, die damals ganz schnell kalte Füße bekamen und einen Insolvenzantrag gegen Kölmels Kinowelt AG stellten.

Viermal musste er in Untersuchungshaft. Neun Jahre forderte der Staatsanwalt für Kölmel, der ein bisschen so aussieht wie der Garfunkel von Simon. Die meisten und härtesten Vorwürfe konnte Kölmel entkräften. Ein Jahr und zehn Monate auf Bewährung, urteilte das Gericht. Der Richter fragte mal, wie viel Gehalt sich Kölmel auszahlen ließ. "200 000 Mark", sagte Kölmel. Der Richter: "Pro Monat?" Kölmel: "Im Jahr." Inzwischen zahlt sich Kölmel 15000 Euro pro Monat und hat den Fuß wieder im Filmgeschäft.

Kölmel, 51, ist spezialisiert auf DVD-Rechte, Ostern kam der Clint-Eastwood-Film "Million Dollar Baby" in die Kinos - gehandelt von Kölmel. Er ist einer der wenigen, die sich wieder hochgerappelt haben. Die Kinowelt firmiert jetzt als GmbH, 2004 machte sie 50 Millionen Euro Umsatz. Vorsichtig denkt Kölmel darüber nach, wieder an die Börse zu gehen. "Geld", sagt er, "ist nicht so wichtig. Nur in einer Beziehung: weil Erfolg in Geld gemessen wird." Aktionäre haben sich noch nie bei ihm beschwert.

Das kann Peter Kabel, 43, nicht behaupten. Zum Beispiel meldete sich eines Tages ein Mann aus Süddeutschland, der hatte 50000 Mark Kredit aufgenommen und sich dafür Kabel-New-Media-Aktien gekauft. "Das finde ich schlimm, aber dafür kann ich keine Verantwortung übernehmen", sagt Kabel. "Jeder dachte damals, er will schnell reich werden. Und hat das Risiko vergessen." Kabel irgendwie auch. Er erinnert sich noch gut an jenen Abend, als er von einer Geschäftsreise zurückkam, in die Tiefgarage seiner Firma. Da stand eine lange Reihe Fünfer-BMWs, die Dienstwagen seiner Mitarbeiter. "Und da hatte ich so ein komisches Gefühl", sagt Kabel, "du musst die Bremse reinhauen." Er ist dem Gefühl nicht nachgegangen. "Es ging damals alles viel zu schnell."

Kabel, der Webseiten kreierte,

hörte ständig von allen Seiten: "Du musst an die Börse." Das bereut Kabel, der schon mit 21 sein erstes Unternehmen gegründet hat. Er bereut noch mehr, aber er möchte nicht darüber sprechen. Der Untergang von Kabel New Media "ist so ein großer Schmerz, wie wenn ein Baby stirbt. Das ist eine sehr große Wunde". Kabel mühte sich in den vergangenen Jahren, sie zu pflegen. Wann immer man den Finger drauflegt in diesem Gespräch, reagiert er aggressiv.

"Ich gehe nicht in Sack und Asche", sagt Kabel. Er sieht aus wie früher, wie ein Kickboxer im Anzug. Neben seiner Professur für Medien-Design hat er jetzt auch wieder einen Medienjob. Als Vorstand bei Jung von Matt und Geschäftsführer eines Tochterunternehmens der Agentur wird er sich um die Entwicklung dialogorientierter Medien kümmern. Er wohnt "in einer kleinen Mietwohnung in Hamburg-Eimsbüttel". Zurzeit nervt ihn, dass "in Deutschland immer zurückgeschaut wird". Zum Beispiel auf die Vergangenheit von Kabel. "Ich bin stark stigmatisiert. Ich sträube mich, für alle Zeiten als New-Economy-Symbol gehandelt zu werden. Eine Erfahrung, wie ich sie mit Kabel New Media gemacht habe, stärkt in Amerika das Profil eines Managers."

Stephan Schambach ist noch in einer Konferenz. Konferenzen sind immer. Wenn man Schambach anruft, sagt er Sätze wie: "Ich bin mitten in einem Meeting, weil wir demnächst unser neues Produkt launchen." Vielleicht muss man so sprechen an der Schnittstelle von alter und neuer Welt. In den USA reden Business-Leute jedenfalls so. Schambach, Gründer und einst Vorstandschef der Software-Firma Intershop, galt als Superstar des IT-Geschäfts. Seine Firma beschäftigte in Boomzeiten bis zu 1200 Mitarbeiter weltweit, machte gigantische Umsätze und Schulden. Schambach brachte es auf den Titel von "Business Week".

Dann platzte die Blase. Schambach zog sich zurück. Aus dem Vorstand, dann aus Intershop, schließlich aus Deutschland.

In einem unscheinbaren Backsteinbau 18 Kilometer nördlich von Boston hat er ein unscheinbares Büro gemietet. An der Eingangstür steht "Demandware", und drinnen stehen Schreibtische und Computer im Dutzend. Irgendwann sollen Menschen daran sitzen, wenn Demandware erst mal so läuft, wie Schambach sich das vorstellt. Irgendwann soll sehr bald sein. Demandware entwickelt die erste "on demand E-Commerce-Lösung" für Unternehmen, und "unser Produkt ist state of the art", und die Investoren seien begeistert. Sagt Schambach.

Er spricht leise

und eher zurückhaltend. Sitzt in seinem eher bescheidenen Eckbüro mit Blick auf den Parkplatz. "Wissen Sie", sagt er mit seinem leichten thüringischen Akzent, "über die Vergangenheit ist schon so viel berichtet worden." Was war, das war. "Ich habe eigentlich alles genossen, und damals wie heute lerne ich jeden Tag dazu." Schambach ist 34 Jahre alt. Er klingt wie einer, der auf sein Leben zurückblickt. Und sich keine Fehler eingesteht: "Im Rückspiegel sieht manches anders aus", sagt er. "Zu der Zeit, als die Entscheidungen getroffen wurden, waren sie richtig."

Im Februar 2004 ging er in die USA. Er begann mit zwei Leuten. Heute sind es 22. Wenn er über seine Firma redet und die Pläne und die Investoren und die High-Tech-Region um Boston, spürt man seine Leidenschaft für den Job. Er mag, dass er hier nur "einer unter vielen Software-Unternehmern ist, kein Superstar, was mich nie interessiert hat". Er schaut auf die Uhr, die Zeit ist um. Schambach muss in die nächste Konferenz.

Beate Flemming<br/>Mitarbeit: Michael Streck print

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