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Scheinheiliger Brotaufstrich-Boykott: Nutella, der Sündenbock im Palmöl-Streit

Nutella boykottieren, weil Palmöl enthalten ist? Die französische Umweltministerin hat sich inzwischen für ihren Vorstoß entschuldigt. Er lässt außer Acht, dass wir längst nicht mehr auf Palmöl verzichten können - und der Nutella-Hersteller Ferrero der falsche Adressat für Kritik ist. Eine Bestandsaufnahme.

Von Katharina Grmm

In Nutella ist Palmöl enthalten - die französische Umweltministerin ruft nun zum Boykott des Brotaufstrichs auf. 

In Nutella ist Palmöl enthalten - die französische Umweltministerin ruft nun zum Boykott des Brotaufstrichs auf. 

Der Ausspruch der französischen Umweltministerin Ségolène Royal schlug ein wie eine Bombe: Boykottieren Sie Nutella! Nein, die Politikerin ist keine Gegnerin von Nuss-Nougat-Aufstrich oder macht sich gar Sorgen um die richtige Ernährung ihrer Landsmänner- und Frauen. Vielmehr prangert sie den Einsatz von Palmöl in vielen Süßigkeiten und eben auch Brotaufstrichen an. Inzwischen ist sie zurückgerudert, doch die Diskussion lässt sich nicht wegentschuldigen. Und das ist auch gut so. 

Scheinheiliger Aufschrei

 Denn Unrecht hat sie nicht: Palmöl ist ein Bestandteil von Nutella. Und für den Anbau wird großflächig Regenwald abgeholzt. Die Folgen haben Auswirkungen auf Mensch, Natur - und vor allem auf das globale Klima. Palmöl ist also vorbelastet - und hier gehört die Kritik der Politikerin auch hin. Längst hätten Hersteller, Konsumenten und auch die Politik über die  Förderung von Alternativen nachdenken müssen. Umweltschutzverbände prangern schon seit Jahren den unbedarften Einsatz von Palmöl in allerlei Produkten an. Denn längst ist Palmöl zum Schmierstoff unseres alltäglichen Konsums geworden. 

Ohne Palmöl geht nichts mehr

Schminke, Cremes, Tütensuppe, Duschgel, Kekse, Schokoriegel, Zahnpasta, Seife und Wasch- und Reinigungsmittel sind nur eine kleine Auswahl der unendlich erscheinenden Einsatzmöglichkeiten. Und hier greift der Appell deutlich zu kurz: Kaum ein Großkonzern, der Produkte des alltäglichen Lebens herstellt, kann noch ohne Palmöl produzieren. Selbst Bio- und Fair-Trade-Unternehmen setzen auf das günstige Fett, dass auf Monokultur-Plantagen angebaut wird.  Laut dem WWF ist in rund der Hälfte aller Supermarktprodukte das umstrittene Pflanzenöl enthalten.

Ferrero bemüht sich

Nun traf die eigentlich richtige Kritik am Einsatz von Palmöl einen einzelnen Produzenten, der sicherlich nicht unschuldig ist. Nutella besteht zu rund 20 Prozent aus Palmöl. Doch ausgerechnet der Hersteller Ferrero bemüht sich zumindest, nachhaltig hergestelltes Palmöl zu verwenden. Das italienische Unternehmen bezieht sein Öl vor allem aus Malaysia - und achtet strikt darauf, kein Pflanzenöl zu kaufen, für das Wälder gerodet wurden. Darüber hinaus macht Ferrero bei dem Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) mit, einem vom WWF initierten Runden Tisch, der gewisse Mindeststandards vorschreibt. Das Kontrollsystem ist umstritten und so hat der Hersteller darüber hinaus noch ein firmeneigenes Programm aufgelegt. Dadurch wird die gesamte Lieferkette des verarbeiteten Palmöls transparent. Auch Greenpeace erkennt die Bemühungen der Italiener an. Ferrero steht nun dennoch am Pranger. Sicherlich, ein Unschuldengel ist das Unternehmen sicher nicht. Die Nutella-Macher setzen weiterhin auf Palmöl, statt Alternativen auszuprobieren  - doch die Alleinschuld an der Umweltausbeutung durch den Palmöl-Raubbau nun Ferrero aufzudrücken, ist unfair. Und zeugt davon, dass Ségolène Royal offenbar nicht allzu umfassend informiert ist. 

Steuer auf Nutella geplatzt

Der Boykott-Aufruf greift also deutlich zu kurz. Wer kein Nutella mehr kauft, aber weiterhin all die anderen Produkte, die Palmöl enthalten, leistet sicher keinen nachhaltigen Beitrag zum Erhalt des Regenwalds. Doch die aktuelle Diskussion ist nicht der erste Zusammenstoß des Brotaufstrichs mit der französischen Regierung. Ende 2012 diskutierte der Senat in Paris die so genannte "Nutella-Steuer", die auf verschiedene pflanzliche Öle - auch Palmöl - erhoben werden sollte. Geschätzte Einnahmen pro Jahr: 40 Millionen Euro. Die Idee dahinter war nicht der Schutz der Regenwälder, den nun offensichtlich die Umweltministerin antreibt, sondern ein nationales Gesundheitsfürsorgepaket. Die Regierung wollte die Bevölkerung zu einer gesünderen Ernährung erziehen. Und die zusätzlichen Steuereinnahmen hätte man sicherlich auch dankend eingesammelt. Die Abgabe kam allerdings nie durch.  

Was tun Politik, Hersteller und Verbraucher?

Will man dieser Aufschrei-Debatte etwas Positives abgewinnen, dann die einsetzende Diskussion über den Einsatz von Palmöl. Hersteller werden sich fragen lassen müssen, woher das Palmöl stammt, das sie nutzen. Und ob eine zu laxe und manipulierbare Kennzeichnung der Palmölherkunft ausreicht. Bislang gibt es das RSPO-Siegel, das allerdings von Umweltverbänden kritisiert wird. Auch die Konsumenten könnten durch die aktuelle Debatte genauer hinsehen, welche Produkten im Einkaufswagen landen. Und die Politik wird überlegen müssen, welche Rolle sie in dieser Debatte spielen möchte. Abseits von populistischen Boykott-Aufrufen.

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