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Streit um Brotaufstrich: Was steckt hinter dem Aufruf zum Nutella-Boykott?

Frankreichs Umweltministerin hat zu einem Nutella-Verzicht aufgerufen. Das klingt ziemlich skurril. Es geht dabei allerdings um viel mehr als den süßen Brotaufstrich. Fragen und Antworten.

Von Dieter Hoß

Zwei Gläser Nutella im Regal

Nutella-Gläser im Supermarkt-Regal: Ein Aufruf zum Boykott der Nuss-Nougat-Creme zielt vor allem darauf, dass der Brotaufstrich Palmöl enthält

Was Ségolène Royal gerne auf ihr Brot streicht, ist nicht übermittelt. Klar ist: Seit heute darf sich Frankreichs Umweltministerin auf keinen Fall mehr mit einem Nutella-Brot in der Hand erwischen lassen. Mit ihrem Aufruf, künftig auf die Nuss-Nougat-Creme aus dem Haus Ferrero zu verzichten, hat sie für reichlich Wirbel gesorgt. Was steckt dahinter? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Boykott-Aufruf des Tages.

Wer ruft zum Nutella-Boykott auf?

Ségolène Royal ist eine französische Politikerin. Die Sozialistin gehört seit 2014 der Regierung von Premierminister Manuel Valls an - als Umweltministerin. Sie ist seit 1992 politisch aktiv und war 2007 die sozialistische Kandidatin bei der Präsidentschaftswahl. Dabei unterlag sie Nicolas Sarkozy. Außerhalb der Politik machte 2007 auch ihre Trennung vom derzeitigen Staatspräsidenten Francois Hollande Schlagzeilen, der seit Ende der 1970er-Jahre ihr Lebensgefährte war und mit dem sie vier Kinder hat.

Was ist so schlimm an Nutella?

Royals Forderung zielt im Grunde nicht auf den Brotaufstrich als solchen, sondern auf einen Bestandteil der süßlich-braunen Crème: Palmöl. Das Öl macht Nutella besonders streichfähig und geschmeidig - was neben dem Geschmack zur Beliebtheit des Aufstrichs maßgeblich beiträgt. Allerdings steht der Einsatz von Palmöl sehr in der Kritik, da für den Anbau großflächig Regenwald abgeholzt wird - mit negativen Folgen für das globale Klima, aber auch für die Menschen in den Anbaugebieten.

Gefährdet Palmöl unsere Gesundheit?

Wie immer kommt es bei solchen Aussagen auf die Menge an, die man konsumiert. Dabei den Überblick zu behalten, ist allerdings kaum möglich. Zum einen kommt das Öl in zahllosen Lebensmitteln und Kosmetika vor, zum anderen wird es meist nicht deklariert. Generell lässt sich sagen, dass Palmöl zur Hälfte aus gesättigten Fettsäuren besteht, die als Dickmacher gelten, hohe Cholesterinwerte erzeugen und Herzkrankheiten verursachen. Die im Palmöl enthaltenen sogenannten Fettsäure-Ester gelten als krebserregend. Was Nutella angeht, ist bedenklich, dass es - wie seine Konkurrenzprodukte - sehr viel Palmöl enthält und besonders bei Kindern beliebt ist. Kinder sind besonders gefährdet, weil das Verhältnis von Körpergewicht zu aufgenommener Schadstoffmenge bedenklich ist.

Ist der Aufruf sinnvoll?

Wie das große mediale Echo zeigt, hat Ségolène Royal auf das richtige Pferd gesetzt. Ein Aufruf zum Palmöl-Verzicht wäre ebenso sinnvoll gewesen, hätte aber kaum diese internationale Wirkung erzielt. Sich gegen den Anbau und die Verwendung von Palmöl zu stellen, ist nicht nur mit Blick auf die Gesundheit sinnvoll, sondern auch wenn einem der Regenwald, das globale Klima und die Menschen in den Anbaugebieten am Herzen liegen. Denn damit wir unsere Lieblingsprodukte genießen können, holzen Großkonzerne den Regenwald ab und errichten Palmöl-Monokulturen. Dadurch stehen zahllose Pflanzen- und Tierarten vor dem Aussterben (zum Beispiel der Orang-Utan). Auch die Kultur und der Lebensraum der Menschen in den Anbaugebieten wird durch die Palmöl-Industrie zerstört. Allein in Indonesien gehen laut Umweltschützern rund 5000 Land- und Menschenrechtskonflikte auf das Konto der Palmölindustrie. Zudem werden durch das Abholzen des Regenwaldes großen Mengen an Kohlendioxid freigesetzt. Das heizt das Klima auf der Welt massiv an.

Bringt ein Nutella-Boykott etwas?

Wir Verbraucher sind die größte Macht im Markt. Nehmen wir ein Produkt nicht an, verschwindet es rasch aus den Regalen oder wird so verändert, dass es sich besser verkaufen lässt. So gesehen könnte der Boykott etwas bringen, wenngleich Alternativen wie Sojaöl ähnlich umstritten sind. Allerdings: Wenn es darum geht, generell Palmöl aus der Produktion zu verbannen, müssten wir auf ziemlich viel verzichten. Denn genauso gut hätte Royal laut Verbraucherschützern beispielsweise zum Boykott von Maggi, Haribo, Lindor von Lindt, Häagen-Dazs-Eis, Colgate-Zahnpasta, Nivea, L'Oréal, Palmolive, Ajax oder McDonald's aufrufen können. Und das ist - wohlgemerkt - eine kleine, willkürliche Auswahl bekannter Marken, die mit Palmöl arbeiten. Ein Nutella-Boykott allein träfe so gesehen zwar nicht den Falschen, aber nur einen von vielen.

Was sagt der Nutella-Hersteller?

Nutella wird von Ferrero hergestellt, ein international tätiger Süßwarenhersteller italienischer Herkunft. Die Äußerungen von Ségolène Royal hat das Unternehmen bisher nicht direkt kommentiert. Allerdings ließ es verlauten, dass man beim Palmöl eine Reihe von Verpflichtungen eingegangen sei. "Der Anbau der Ölpalme kann mit dem Respekt von Umwelt und Bevölkerung einhergehen", so der Konzern, der unter Umweltschützern tatsächlich nicht als der größte Sünder in Sachen Palmöl gilt. Ferrero ist zudem beteiligt am RSPO, dem Runden Tisch für Nachhaltiges Palmöl, an dem die großen Palmölerzeuger und -verbraucher mit dem World Wildlife Fund (WWF) sitzen. Kritiker sprechen aber von einem Etikettenschwindel und bemängeln, dass das RSPO-Siegel weder die Überprüfung der Einhaltung allgemeiner Grund- und Menschenrechte beinhalte noch Rodungen im Regenwald ausschließe.

Sind Bio-Produkte eine Alternative?

In diesem Fall muss man wohl sagen: eher nicht! Auch für die Biobranche scheint Palmöl unverzichtbar. In Hunderten Produkten auch bekannter Bio-Hersteller wie Alnatura, Rapunzel, Allos und anderen ist das Öl enthalten. Nach Ansicht von Umwelt- und Verbraucherschützern handelt es sich auch beim Anbau für diese Hersteller nicht um ökologische Landwirtschaft. Von "Bio" und "Fair Trade" könne dabei oftmals keine Rede sein.