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Ferrero: Die Schoko-Dynastie aus dem Piemont

Gerade zur Osterzeit sind sie wieder in aller Munde: Schokoeier- und Hasen in allen Varianten. Viele Kinder werden auch Produkte der Firma Ferrero in den Nestern finden. stern.de erzählt die Geschichte des Konzerns, der den Deutschen Nutella und Mon Chéri gebracht hat.

Von Luisa Brandl

Der alte Firmenpatriarch meidet öffentliche Auftritte. Seine Landsleute nehmen kaum Notiz davon, dass Michele Ferrero, 83, dieses Jahr zum reichsten Mann Italiens aufgestiegen ist - auf Platz 68 unter den Reichsten der Welt. Auf elf Milliarden Dollar schätze das US-Magazin Forbes das Vermögen der Schoko-Dynastie, die Marken wie Nutella, Kinder-Überraschung, Mon Chéri, Duplo und Hanuta hervorgebracht hat. Somit hat der scheue Mann aus dem Piemont im Ranking den forschen Mailänder Medienmogul und Ex-Premier Silvio Berlusconi überholt.

Ferrero ist gewissermaßen der Anti-Berlusconi. Wer in der Firmengeschichte nach Skandalen sucht, geht leer aus. Der Schokoladenmagnat liefert kein Futter für die Regenbogenpresse. Keine Konflikte mit dem Gesetz. Keine Seilschaften im mächtigen Unternehmerverband. Aus dem Konzerninnern dringt kaum etwas nach draußen. Es heißt in der Firma, um Ferrero würde ein Personenkult getrieben Wenn Don Michele am Konferenztisch seinen Koffer aufklappte und der Managerrunde seine von ihm selbst entwickelten Nasch- Kreationen präsentierte, sei Kritik nicht erwünscht gewesen. Alle hätten die Schoko-Schöpfungen in den höchsten Tönen gelobt.

Platz drei auf der Weltrangliste unter den Süßwarenherstellern

Andererseits ist es eine Auszeichnung bei dem europäischen Marktführer zu arbeiten. Mit 5,6 Milliarden Euro Umsatz belegt Ferrero Platz drei der Weltrangliste unter den Süßwarenherstellern nach Masterfoods (Mars, Milky Way, Snickers) und Nestlé. Wie viele alte Dynastien pflegt Ferrero einen paternalistischen Stil. Dazu gehört, sich um die Belange der Belegschaft zu kümmern, sie zu motivieren mit Sonderprämien und Eigenheimzulagen. Die Löhne und Gehälter lagen und liegen heute noch über dem für die Konsumgüterbranche üblichen Tarif. Die Bindung zwischen Clan und Konzernspitze geht angeblich soweit, dass der streng katholische Seniorchef seine Familienmitglieder und Manager Ende Mai im französischen Pilgerort Lourdes versammelt und nach Gebeten zur Muttergottes die Konzernstrategie diskutiert.

Alba, Piemont, 1947. Micheles Vater, der Konditor Pietro Ferrero, experimentierte mit Haselnüssen und Kakaocreme. Er nahm Haselnüsse aus der Region, weil der importierte Kakao in der Nachkriegszeit zu teuer geworden war. Aus dem Nuss-Nougat-Brotaufstrich entwickelte Sohn Michele in den 60ern Nutella und gründete ein neues Produktgenre. Als Pietro drei Jahre nach Firmengründung starb, nahm die Witwe Piera Cillario das Zepter in die Hand. Viele Arbeiter besaßen damals ein Stück Land. Die energische Frau sorgte für gutes Betriebsklima, in dem sie während der Erntezeit die Arbeitszeit verkürzte. Unter der Regie seiner Mutter wuchs Michele in die Rolle des Chefs hinein und gründete 1956 die erste Auslandsproduktion in Stadtallendorf bei Frankfurt. Mit sechs Mitarbeitern startete er dort die Mon-Chéri-Produktion. Die Likörpraline "mit der Piemontkirsche" wurde zum Sinnbild der Wirtschaftswunderära und ist bis heute in Deutschland die beliebteste Pralinenmarke.

Nutella ist "in aller Welt" zu haben

Ferrero wuchs dank bahnbrechender Produktneuheiten vom Konditoreibetrieb zum Massenhersteller mit weltweit 36 Tochtergesellschaften und 19.600 Mitarbeitern. Die süßen Zahnkiller eroberten nach und nach die internationalen Märkte. Kinder-Schokolade mit der einst innovativen Milchfüllung, ein Produkt der 70er Jahre, ist heute in jedem fünften Land der Erde präsent. 2006 kamen Zypern und Libanon hinzu. Nutella ist nach Aussagen des Konzerns "in aller Welt" zu haben. Einige Produkte haben sogar Kult-Status. Für die Kinderüberraschung gibt es mittlerweile eine enorme Fangemeinde. 1974 hatte Michele Ferrero den genialen Einfall, Spielzeug in gelbe Plastikkapseln zu packen und diese mit Schokolade zu ummanteln. Mittlerweile tauschen tausende Sammler die Figuren aus den Überraschungseiern im Internet.

Gerüchte ranken sich um manche Zutaten. Die "Piemontkirschen" sollen nicht wie der Name verheißt aus der Heimat der Ferreros kommen, sondern aus Südosteuropa. Die zig Tonnen Haselnüsse, die täglich zu Nutella und Hanuta verarbeiten werden, liefert angeblich die Türkei. Hanuta - die Kurzform für Haselnusstafel - soll ein Abfallprodukt sein, das entwickelt wurde, um eine Zweit-Verwendung für ungenutzte Rohstoffreste zu haben.

Eine Eigenkapitalquote von 60 bis 70 Prozent

Ob Tic-Tac-Dragees oder die Espresso-Praline Pocket Coffee, das Tüftlergenie Michele Ferrero registrierte über die Jahre 26 Marken - allesamt selbst entwickelt. Nie kaufte er Marken hinzu, verkauft welche oder diversifizierte. Das Unternehmen hat nach Schätzungen eine Eigenkapitalquote von 60 bis 70 Prozent und dürfte somit von Banken weitgehend unabhängig sein. Micheles beiden Söhne, Pietro und Giovanni, hatten optimale Startbedingungen, als sie 1997 die Konzernleitung übernahmen. Doch Ferrero hat seit gut zehn Jahren kein innovatives Produkt mehr lanciert. Der Generationswechsel stellt die Firma vor eine große Herausforderung.

Der alte Patriarch mischt immer noch mit. Das Familienoberhaupt mit Wohnsitz in Cap Ferrat an der Côte d´Azur kreiert bis heute Süßigkeiten und wird gefragt, wenn die 600 Mitarbeiter starke Entwicklungscrew in Belgien und Italien Ferrero-Neuigkeiten hervorbringt. Insider fragen sich, wie die Söhne die Lücke irgendwann schließen können, die ihr Vater hinterlassen wird. Pietro, 44, ist Biologe und Finanzspezialist. Er kümmert sich bei Ferrero um Produktion und Investitionen. Der ein Jahr jüngere Giovanni hat Betriebswirtschaft studiert und ist verantwortlich fürs Geschäft. Er gilt in der Familie als Schöngeist, hat drei Romane beim Großverlag Mondadori veröffentlicht. In seinem jüngsten Werk "Il camaleonte" (Das Chamäleon) erzählt der Ferrero-Spross die Geschichte eines listigen Pariser Unternehmers, der einen Nachfolger für sein Firmenerbe suchen muss.

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