Bruno Beltrame hat die Nase voll: Der Bürgermeister hält den Geruch, der durch seine norditalienische Kleinstadt Brendola zieht, für unerträglich und will dem Problem auf den Grund gehen. Dafür sucht er derzeit sechs Freiwillige "Geruchsprüfer". Die Spürnasen sollen die Ursachen für die schlechte Luftqualität in der Gemeinde erschnüffeln.
Wer sich freiwillig dafür meldet, muss in der Region, besser noch in der Gemeinde, leben. Die Freiwilligen sollten keine Allergien oder Atemwegserkrankungen wie Asthma haben. Sie müssen zudem über ein Auto sowie über ein Smartphone verfügen, um die Ergebnisse der Schnüffelei in einer dafür entwickelten App festhalten zu können.
Es ist nicht das erste Projekt dieser Art: Vor etwa fünf Jahren wurde in der Region diese Untersuchung in einem Industriegebiet durchgeführt. „Dadurch konnten wir die Unternehmen identifizieren, die die Gerüche verursachen“, erklärt Bürgermeister Beltrame. Jetzt werde der geografische Umfang erweitert, um „herauszufinden, ob dieselben Unternehmen wieder üble Gerüche verursachen oder ob es andere Unternehmen sind“.
Luftverschmutzung begünstigt Krebs
Der Aufruf klingt kurios, sinnvoll ist er dennoch: Brendola liegt in der Region Venezien in Norditalien, genauer in der Po-Ebene, benannt nach dem gleichnamigen und längsten Fluss Italiens. Die Region gilt neben der Lombardei, Piemont und Emilia-Romagna als Wirtschaftszentrum des Landes. Entsprechend industriell geprägt sind nicht nur die Regionen und deren Hauptstädte wie Mailand oder Turin, sondern eben auch Kleinstädte wie Brendola. Mehrmals im Jahr liegt die Region unter eine Wolke aus Smog. Die Feinstaubbelastung durch Verkehr und Industrie sind mittlerweile gesundheitsschädlich. Lungenkrebs zählt in Italien, speziell im Norden, zu den häufigsten Krebstodesursachen.
„Wir befinden uns am Ende des Tals, kurz vor den Ausläufern der Alpen“, sagt Brendolas Bürgermeister Bruno Beltrame. „Es ist also ein riesiges Unterfangen, denn diese Gebiete gehören zu den produktivsten, aber sie sind auch diejenigen, die am stärksten von Umweltverschmutzung bedroht sind.“ Durch das Gemeindegebiet führt zudem die Autostrada A4 Richtung Turin und Triest, die viel befahren sein dürfte – immerhin zählt Italien zu den EU-Mitgliedern mit der höchsten Autodichte.
Die Zahl der Toten durch Schadstoffe in der Luft liegt in Italien über dem europäischen Durchschnitt. Laut der Europäischen Umweltagentur (EEA) starben in Italien allein im Jahr 2021 mehr als 11.200 Menschen aufgrund der Stickstoffdioxidbelastung. Die Zahl ließe sich massiv senken, zeigt eine aktuelle Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation, wenn die Risikofaktoren minimiert würden. Dazu zählen nicht nur Tabak- und Alkoholkonsum, sondern auch die Luftverschmutzung.
2020 hüllte dicker Smog Italien von der Po-Ebene bis in die Toskana in eine Glocke aus Feinstaub. Die Lage war so kritisch, dass die Behörden mit Maßnahmen eingreifen mussten. Ältere Fahrzeuge, die viele Menschen gerade in der Region häufig noch fahren, dürfen dann nicht mehr genutzt werden. Zudem müssen gewisse Heizungen, etwa jene, die mit Holz betrieben werden, abgeschaltet werden. Kritiker halten das allerdings für Symptombekämpfung.
Studierende gehen in Norditalien schnüffeln
In der italienischen Kleinstadt Brendola sei die Sensibilität für Umweltverschmutzung mittlerweile gestiegen, berichtet der Bürgermeister. Viele seien heute „eher daran interessiert, ihre Lebensqualität und ihre Umgebung zu verbessern“. Weggeworfener Müll oder schlechte Luftgerüche würden sofort gemeldet. Und die Behörden freuen sich: So ließe sich „eine Katastrophe verhindern“, meint der Bürgermeister.
Nun hofft er auf Freiwillige, die sich der Luftverschmutzung ernsthaft annehmen. Die Stellen dafür seien bereits vor Weihnachten ausgeschrieben worden. Damals habe sich aber niemand gemeldet. Dafür gab es nach Angaben des Bürgermeisters nun nach dem Aufruf auf Facebook mehrere Bewerbungen, vor allem von Studenten, „die neben ihrem Studium ein paar Stunden Zeit haben“.
Bevor es losgeht, werden die Spürnasen von einem auf Geruchsmessungen spezialisierten Unternehmen vorbereitet, Gerüche von Fabriken, Abwässern und Industrieabfällen zu unterscheiden. Dann werden sie sechs Monate lang zu bestimmten Standorten geschickt, um der Geruchsbelästigung auf den Grund zu gehen.