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Paydirekt startet: Warum deutsche Banken mit ihrer Paypal-Alternative zu spät kommen

Deutschlands Banken haben im Jahr 2015 erkannt, dass sich dieses Internet wohl doch durchsetzt und wollen nun einen Konkurrenz-Dienst zu Paypal starten. Ein Angebot, das gut zehn Jahre zu spät kommt. 

Die deutschen Banken bringen ihren Paypal-Konkurrent an den Start.

Die deutschen Banken bringen ihren Paypal-Konkurrent an den Start.

Online-Shoppen ist so simpel geworden: Artikel aussuchen, Kauf bestätigen und dann nur noch bezahlen. Das geht heute in wenigen Sekunden - dank cleverer und flinker Bezahldienste. Doch ausgerechnet beim Online-Bezahlen spielen Banken keine Rolle, andere Akteure haben sich schon vor Jahren auf dem Markt breit gemacht.

Für rund 43 Milliarden Euro shoppten die Deutschen 2014 im Netz, so das Institut für Handelsforschung in Köln. Fast jeder zehnte Euro wird inzwischen online ausgegeben. Ein neuer Rekord - der doch nicht lange halten will. Durch den wachsenden Shopping-Trend wird auch das Bezahlen im Netz zu einem lohnenden Geschäft. Bislang dominiert Paypal bei den Bezahlmöglichkeiten. Fast jede vierte Zahlung im Netz läuft über die ehemalige Ebay-Tochter, die laut "Handelsblatt" 16 Millionen User in Deutschland haben soll. Der Branchenprimus überzeugt vor allem durch sicheres und sehr schnelles Bezahlen: Die E-Mail-Adresse und ein Passwort genügen. Und nun kommt, rund elf Jahre nach Paypals Start, Paydirekt, das Bezahlsystem der deutschen Banken.

Deutsche Banken greifen Paypal an

Verschiedene deutsche Banken haben sich zusammengeschlossen, um Paypal mit einem eigenen Dienst Marktanteile abzunehmen.

Bei der Gesellschaft für Internet und mobile Bezahlung, kurz GIMB, sind die Postbank, die Deutsche Bank, die Commerzbank, die Beteiligungsgesellschaft der privaten Banken (BGPB), die genossenschaftlichen Institute WGZ und DZ Bank und die Sparkassen dabei. Die Testphase des Dienstes soll laut der "Lebensmittelzeitung" am Montag, den 17. August, anlaufen. Zunächst startet die Hypovereinsbank mit dem Service. Bis auch Sparkassen den Dienst anbieten können, wird aber wohl noch deutlich mehr Zeit vergehen. Wie das "Handelsblatt" berichtet, gibt es Verzögerungen. Zu Beginn seien nur "ausgewählte Sparkassen" mit an Bord, sagte ein Sprecher des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes der Zeitung. Die Verzögerung bei den Sparkasse hänge damit zusammen, dass diese Bankengruppe erst später in das Projekt eingestiegen sei. 

Spätestens zum Weihnachtsgeschäft Mitte November sollte Paydirekt  zur Verfügung stehen - inzwischen sprechen Verantwortlichen vom Frühjahr 2016. Zunächst gibt nur einen einzigen Internethändler, der das Bezahlverfahren akzeptiert, nämlich den Möbel-Onlineshop D-Living. Aber offenbar gibt es von 18 weiteren Shops zumindest Interesse. Technisch basiert der Dienst auf dem klassischen Lastschriftverfahren, das mit Benutzername und Passwort funktioniert.

Paydirekt kommt viel zu spät

Branchenexperten geben dem Dienst keine besonders Erfolgschancen. Viel zu spät hätten die Banken auf den Online-Trend reagiert. Wer erst 2015 ein eigenes Bezahlmodell anbietet, habe einen Trend verschlafen – so die landläufige Meinung. "Ich glaube, dass aus Kundensicht da kein Schuh draus wird. Der E-Commerce wird von anderen Lösungen dominiert. Allen voran Paypal. Aber auch Sofortüberweisung oder die klassische Kreditkarte sind etabliert. Paydirekt ist ein Nachahmerprodukt", sagt Maik Klotz, Experte für mobiles Bezahlen dem Portal "Mobilbranche.de".

Dabei brächten Banken alle Voraussetzungen mit, um ein System erfolgreich zu etablieren, sagt Ulrich Binnenbößel vom Handelsverband Deutschland der "Welt". Vor allem bei den Themen Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit würden Banken punkten.

Doch es dauerte lange, bis sich die deutschen Banken einig wurden und bei dem Dienst zusammenarbeiteten. Rund 75 Millionen Euro soll der neue Dienst kosten. "Aus Sicht der Banken mag das noch alles nachvollziehbar sein, aber warum man damit zehn Jahre zu spät anfängt und dabei den mobilen Kanal völlig außen vor lässt, sprengt meine Vorstellungskraft", sagt Klotz.

Mobiles Bezahlen ist nächster Trend

Und tatsächlich: Rund ein Jahrzehnt scheinen Deutschlands Geldhäuser das Bezahlen im Netz verschlafen zu haben. Nun reagieren sie – allerdings scheint der aktuelle Trend vollkommen an ihnen vorbei zu gehen. Denn auch das Shoppen wird mobil. Und somit verlagert sich das Bezahlen vom Desktop-PC aufs Smartphone. Und Kunden wollen längst nicht nur Online-Shops bezahlen, sondern via Smartphone auch im Einzelhandel ihre Rechnung begleichen. Mobile Bezahlen mit dem Handy – das ist der neueste Trend.

Der aber bei Paydirekt erstmal nicht vorgesehen ist. Wenn das Verfahren im Internethandel funktioniere, könne man auch das mobile Bezahlen per Smartphone an der Ladenkasse darüber laufen lassen, sagt Thomas Ullrich, Vorstand der genossenschaftlichen DZ Bank der "Welt".

Apple Pay und Paypal-App positionieren sich

Doch bis dahin haben sich längst neue Player auf dem entstehenden Markt breit gemacht: Apple Pay ist jüngst in Großbritannien gestartet. Google hat im Mai Android Pay vorgestellt. Von beiden Anbietern wird erwartet, dass sie in der Lage sind, den Markt zu revolutionieren. Aber es gibt auch schon Insellösungen. So können Kunden bei Aldi via NFC einkaufen. Bei Starbucks bezahlt man den Kaffee per Smartphone oder Apple Watch. Dafür braucht man nur die App und ein virtuelles Kundenkonto, das mit einem Guthaben aufgeladen wird. Doch die großen Würfe beim Mobile Payment stehen noch aus, beispielsweise wenn sich große Lebensmittelversorger in Deutschland auf einen mobilen Bezahl-Dienst verständigen, den alle anbieten. Welcher Anbieter bis dahin an der Spitze steht, ist zwar noch unsicher. Doch irgendwie überrascht es nicht, dass es ausgerechnet der Branchenprimus Paypal ist, der auch beim mobilen Bezahlen die Nase vorne hat. Bereits jetzt können Kunden in über 100 Cafés, Restaurants und Bars in Deutschland mit der Paypal-App zahlen. Ob der Banken-Dienst den Vorsprung der Konkurrenten aufholen wird, ist fraglich. Maik Klotz zweifelt am Erfolg von Paydirekt: "Es bleibt die Gretchenfrage: Wird es der Anwender nutzen? Und hier sehe ich das Problem. Warum sollte der Anwender sein gelerntes Einkaufsverhalten ändern?" Solange der Nachzügler nicht signifikant bessere Leistungen anbieten kann, werden Kunden weiterhin mit dem Marktführer ihre Online-Bestellungen bezahlen.

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