POLEN Stettiner Werftkrise bedroht Tausende von Jobs


Das Ende eines Mythos: Den mehr als 5.000 Mitarbeitern der Stettiner Werft steht das Wasser bis zum Hals, die Werft ist nämlich seit drei Monaten zahlungsunfähig.

Seit fast einem Vierteljahr sind die Tore des größten Arbeitgebers der nordwestpolnischen Hafenstadt geschlossen - die Werft ist zahlungsunfähig. Ursprünglich sollte der Produktionsstopp bei der Stocznia Szczecinska S.A. nur zwei Wochen dauern. Dann rechnete die Unternehmensführung mit neuen Krediten. Doch die Hoffnung der Werftarbeiter auf eine schnelle Lösung wurde schnell zunichte gemacht. Wurden sie anfangs von Woche zu Woche vertröstet, hieß es Anfang Mai: Bis auf Widerruf bleibt der Betrieb geschlossen.

Teil-Verstaatlichung als Lösung

Eine neue Quasi-Verstaatlichung des Betriebs soll retten, was zu retten ist. Für einen symbolischen Preis soll das eigentlich für Privatisierung zuständige Schatzamt erneut die Mehrheitsanteile an der Werft erwerben.

Aus für Vorzeigemodell

Die Pleite der Werft ist das Ende einer Erfolgsgeschichte. Noch vor zwei, drei Jahren galt die Stettiner Werft als Vorzeigemodell für eine erfolgreiche Privatisierung. Nach schmerzhaftem Sanierungsprozess waren die Auftragsbücher gut gefüllt, die Unternehmensführung versuchte mit dem Bau von Containerschiffen für Chemie- und andere Gefahrguttransporte den Weg zur Spezialisierung. Für die Finanzierung der Schiffe made in Stettin sorgten Bankkredite - bis die Geldgeber im vergangenen Oktober ihre Zahlungen einstellten.

Finanzierungslücken

Eine Verlagerung der Gelder im Unternehmen hatte polnischen Medienberichten zufolge die Banken beunruhigt. Denn während die Kredite stets für konkrete Schiffsbauprojekte vergeben wurden, wurden Teile des Geldes immer häufiger für Schiffe verwendet, deren Bau sich durch technische Probleme oder Verzögerungen im Zeitplan verteuert hatte. Immer größere Lücken klafften in der Finanzierung. Hinzu kam der überhöhte Kurs des polnischen Zloty, der vor allem der Exportwirtschaft zu schaffen macht - die Gewinne der Werft blieben unter den Erwartungen. Als dann auch noch die Kredite ausblieben, geriet die Werft immer tiefer in Zahlungsschwierigkeiten.

Produkionsstillstand erhöhte Kosten

Die polnische Regierung schaltete sich im März in die Rettungsversuche für die Werft und die Verhandlungen mit den Banken ein. Eine Bürgschaft in Höhe von 40 Millionen Zloty (elf Mio Euro) sollte dem Unternehmen wieder zur Liquidität verhelfen, doch die Auszahlung durch die Banken verzögerte sich immer weiter. Mit jedem Tag des Produktionsstillstands steigen die Kosten der Werft, Strafen für Bauverzögerungen kommen hinzu. Die 40 Millionen Zloty reichen nicht mehr aus, um das Unternehmen aus der Krise zu heben.

Gesamte Branche liegt darnieder

Während die zunehmend verzweifelten Stettiner Werftarbeiter wiederholt mit Protesten und einer Besetzung des Betriebsgeländes auf ihre Lage aufmerksam machten, reißen die Krisenmeldungen aus der Branche nicht ab. Denn auch die Gdingener Werft kämpft seit vier Monaten vergeblich um Bankkredite. Längst geht es nicht mehr ausschließlich um die Arbeitsplätze auf der Stettiner Werft, die gesamte Zulieferindustrie fürchtet eine Katastrophe. Denn von den rund 55.000 Arbeitsplätzen der Vertragsfirmen könnten bis zu 14.000 im Sog der Stettiner Werftenkrise verloren gehen.

Eva Krafczyk


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