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POSTDIENST: Warteschlangen in Postämtern

Der Personalmangel fordert Opfer von den Postkunden: 'Mal eben schnell ein Päckchen aufgeben geht nicht wirklich, aber »daran müssen sich die Leute gewöhnen«.

Nach einer Viertelstunde in der Warteschlange ist der Geduldsfaden von Brigitte Haindl zum Zerreißen gespannt. »Es ist immer das gleiche«, schimpft sie. »Ich wollte nur dieses kleine Päckchen aufgeben und jetzt stehe ich mir die Beine in den Bauch.« Zusammen mit etwa zehn anderen Kunden wartet sie in der Postfiliale am Frankfurter Hauptbahnhof. »Stehvermögen« müssen Postkunden in vielen Filialen mitbringen.

Keine Ausnahmesituation

Den Grund für die nervenaufreibende Warterei hat Haindl schnell ausgemacht: Von sechs Schaltern ist nur einer besetzt. »Eine Ausnahmesituation«, beteuert der Frankfurter Postsprecher Stefan Heß. Die Schalter würden immer nach Bedarf geöffnet. Der Sprecher der Postzentrale in Bonn, Dirk Klasen, räumt aber ein: »Wir haben nicht das Personal, um zu jeder Zeit alle Schalter zu besetzen«. Im Jahr 2001 hatte die Post 850 Stellen von 24.150 in den Filialen abgebaut und 845 Filialen von 13.663 geschlossen, berichtet Postsprecher Stephan Siekmann.

Folgen des Personalabbaus

Auch in Taunusstein bei Wiesbaden ist das Personal auf einen Mitarbeiter verringert worden. Lange Schlangen gibt es seitdem nicht nur samstags kurz vor zwölf. Simple Antwort des Angestellten auf die Klage einer Kundin: »Daran müssen sich die Leute gewöhnen.« Neben der Schließung von Filialen werden auch immer mehr »umgewandelt«: Statt in einem Postamt kaufen die Menschen ihre Briefmarken in einem Schreibwarenladen oder Supermarkt, der auch Postdienste anbietet. Die Einsparungen für die Post lägen bei 50 Prozent, sagt Siekmann. Nun ist die Post wegen der Änderung des Postgesetzes gezwungen, 328 derartige Filialen neu einzurichten.

Keine Wartenummern

Obwohl Heß von langen Schlangen in den Filialen nur als Ausnahme weiß, versucht die Post schon seit Jahren, Abhilfe zu schaffen. Erst kürzlich testete der Dienstleister in Heidelberg ein System mit Wartenummern. Wie im Einwohnermeldeamt mussten die Kunden Nummern ziehen und auf ihren Aufruf warten. Für Ausländer und alte Menschen war das System aber »zu erklärungsbedürftig« und wurde deshalb wieder fallen gelassen, sagt Heß. Das Umfrageinstitut emnid prüft im Auftrag der Post regelmäßig die Filialen, berichtet Klasen. Das Ergebnis: In 83 Prozent aller Fälle mussten die Kunden weniger als drei Minuten warten - »das ist natürlich unbefriedigend für die anderen 17 Prozent.«

Eine Schlange für alle

In fast allen Filialen müssen die Kunden nun an einem einzigen Punkt warten, einer nach dem anderen kann von dort zum nächsten freien Schalter gehen. Dabei entsteht aber der Eindruck einer einzigen langen Schlange, merkt ein Postangestellter in Mainz an. Eine Schlange pro Schalter hatte die Post aus Gründen der Fairness abgeschafft: »Die eigene Schlange bewegt sich immer am langsamsten vorwärts«, sagt Heß.

Abhilfe durch Automatisierung

Die Post setzt nun vor allem auf die Automatisierung von Standardgeschäften. Im Zuge der Euro-Umstellung wurden auch die Briefmarkenautomaten erneuert. Doch wer Marken kaufen will, muss den Betrag passend in der Tasche haben. Die Automaten geben kein Wechselgeld heraus. Vor mehr als zehn Jahren wurden ihre Vorgänger als Wechselstuben missbraucht, erzählt Heß. Derzeit testet die Post in Erfurt auch einen Automaten, der Päckchen, Briefe und Postkarten frankiert.

Briefmarken als Download

Wer will, kann sich Briefmarken auch im Internet herunterladen - nach Postangaben nutzen dieses Angebot mehrere tausend Kunden. Der Vorsitzende des Deutschen Verbandes für Post und Telekommunikation, Manfred Herresthal, sieht darin aber keine Zukunft, denn die Gebühren sind für Privatkunden viel zu hoch.

Stehvermögen erwünscht

Es bleibt im Moment nichts anderes übrig, als sich beim Besuch vieler Postfilialen Stehvermögen mitzubringen: Zwar gibt es in vielen Filialen Sitzgelegenheiten, sagt Heß. »Aber Sitzen und Schlangestehen schließt sich eigentlich aus.«

Christopher Kellner