Recyclen Damit kein Tropfen verloren geht


Altöl-Recycler verwandeln Abfall wieder in einen wertvollen Rohstoff. Bei explodierenden Ölpreisen und Klimaschutz-Debatte müsste die Branche jetzt eigentlich boomen - doch die Realität sieht anders aus. Ein Raffinerie-Besuch.
Von Lenz Jacobsen

Im Hintergrund glitzert der schmale, silberne Metallturm der Raffinerie Dollbergen in der Sonne, im Vordergrund strahlt Detlev Bruhnke, stolz wie ein frischgebackener Vater. "Das hier", sagt er und deutet auf den Koloss in seinem Rücken, "ist das Herzstück des Ganzen." Detlev Bruhnke ist der technische Leiter der Mineralöl-Raffinerie in Dollbergen bei Hannover, und das silberne Ding hinter ihm ist die Anlage zur "erweiterten Selektiv-Raffination". Es macht aus schwarzem Abfall wieder einen goldenen Rohstoff, aus verbrauchtem Altöl frisches Grundöl. In Dollbergen wird recycelt, wonach sich zurzeit die ganze Welt die Finger leckt: Öl.

In dutzenden Tankwagen und über ein extra Gütergleis rollt die schwarze, dickflüssige Substanz auf Dollbergen zu. Sie sieht so überhaupt nicht wertvoll, sondern vielmehr hochgiftig und dreckig aus. Doch in kaum acht Stunden wird es wieder golden leuchten. Altöl ist quasi benutztes Schmieröl, wie man es auf Türscharniere oder Fahrradketten träufelt. 500.000 Tonnen fallen davon Jahr für Jahr in Deutschland an - das wenigste davon allerdings beim Zweirad-Putzen, das allermeiste in der Schwerindustrie, in der riesige Maschinen mit massenweise Öl geschmiert werden müssen.

Kaum ein Tropfen geht verloren

Ist das Öl "verbraucht", verliert es also seinen Schmier-Effekt, dann wird es zu Altöl - und landet recht wahrscheinlich hier in Dollbergen oder in einer der wenigen anderen Altöl-Raffinerien in Deutschland. Denn was kaum einer weiß: Das Recycling-Netz für Altöl ist mindestens so ausgefeilt wie das für Altpapier, Altglas oder Plastikverpackungen. Kaum ein Tropfen geht verloren - zumindest in der Theorie. Doch der Reihe nach.

Der Wiederaufbereitungsprozess in Dollbergen beginnt mit einer Anlage, die aussieht wie eine normale Zapfstelle, in Wirklichkeit aber eine Waage ist. "Wir wiegen die Lkws bevor und nachdem wir das Altöl abpumpen", sagt Detlev Bruhnke. Zwischengelagert wird die schwarze Masse in riesigen Silos, bevor es durch etliche Rohre in die dreistufige Destillation gepumpt wird. Nach und nach trennt die Hitze die Sedimente und Fluxöle vom Grundöl ab.

Das Grundöl sieht fast aus wie Salatöl

Die letzte, die alles entscheidende Säuberung übernimmt dann jener silberne Turm, der 2005 fertig gestellt wurde. Von unten wird das Altöl durch den Zylinder gepumpt, während von oben ein spezielles Lösemittel heruntertröpfelt. Dieses Lösemittel bindet die Dreckpartikel und anderen Rückstände, die bisher nicht herausdestilliert werden konnten. Was übrig bleibt, ist eine goldene Flüssigkeit, die ein bisschen aussieht wie Salatöl. Das ist das Grundöl. Drei Jahre haben die die Ingenieure an dem Verfahren getüftelt, berichtet Detlev Bruhnke. Worauf er besonders stolz ist: Während des ganzen Kreislaufs fällt quasi kein Müll an. "Die Abfallprodukte nutzen wir fast alle wieder selbst, hier in der Raffinerie, beispielsweise als schweres Heizöl", sagt er. "Das ist quasi ein geschlossenes System."

Nun könnte man erwarten, dass in Zeiten explodierender Energiepreise und der zunehmenden Bedeutung des Klimaschutzes eine Branche, die Öl recyceln kann, extrem boomt. Doch das ist nicht der Fall. Sie wächst zwar moderat, aber mehr auch nicht. Das liegt vor allem daran, dass Grundöl nicht als Brennstoff taugt. An was aber Knappheit herrscht, das ist Öl als Brennstoff, vor allem Benzin. Damit hat das Grundöl schon rein chemisch nichts zu tun. Die Recycling-Raffinerie kann so nicht profitieren von den immer höher kletternden Preisen für den Brennstoff Öl. Ganz im Gegenteil, sie leidet sogar darunter.

Preisanstieg um mehr als 50 Prozent

Denn viele Firmen verkaufen ihr Altöl mittlerweile lieber an die Schwerindustrie, die Zementbranche zum Beispiel. Und die verbrennt es dann. Da Benzin und andere hochwertige Brennstoffe immer teurer werden, greift man liebend gern auf das Öl zweiter Klasse zurück. Über 100.000 Tonnen Altöl werden Jahr für Jahr verbrannt, anstatt recycelt zu werden. Diese Nachfrage treibt die Preise. "Früher haben wir noch Geld bekommen, dass wir den Leuten das Zeug abgenommen haben", erinnert sich Detlev Bruhnke, "heute müssen wir richtig was auf den Tisch legen." Um mehr als 50 Prozent ist der Altöl-Preis allein in den vergangenen zwei Jahren gestiegen. Der Grundöl-Preis hingegen ist im gleichen Zeitraum fast konstant geblieben. Es ist ein einfaches betriebswirtschaftliches Problem: Die Einkaufspreise steigen viel schneller als die Verkaufspreise.

Dabei, so Bruhnke, sei es ökologischer Unsinn, das Altöl einfach zu verbrennen. "Wenn man das verfeuert ist es einfach weg", sagt er, "die Schmierstoffe müssen dann aus neuem Rohöl hergestellt werden. Wenn wir das Öl aber recyceln, dann bleibt das im Kreislauf und wir brauchen praktisch kaum noch frisches Öl für die Schmierstoff-Produktion." Theoretisch sieht das auch der Gesetzgeber so: Sowohl auf EU- als auch auf Bundes- und Länderebene sprechen die Abfallrichtlinien von einem Vorrang der Wiederverwertung vor dem Verbrennen. "Aber wirklich umgesetzt wird das nicht", beschwert sich Bruhnke.

Keine Pläne für Regeländerungen

Die Branche setzt sich seit Jahren dafür ein, dass wirklich alles wieder verwertbare Altöl auch bei ihnen landet. Im Idealfall hätten die paar Recycler in Deutschland dann ein staatlich erzwungenes Monopol auf dem Altölmarkt. Eine verlockende Aussicht "Wir erwarten von der Politik, dass sie die eigenen Richtlinien endlich durchsetzt", sagt Bruhnke.

Das Bundesumweltministerium sieht das etwas gelassener. Das System funktioniere hervorragend, heißt es dort. Und ein Sprecher sagt: "Es gibt den klaren Vorrang der stofflichen Verwertung, aber man muss auch sehen, wo sich das überhaupt lohnt." Im Klartext: nicht bei allen Altöl-Qualitäten sei Recyceln wirtschaftlich sinnvoller als Verbrennen. "Man kann ja theoretisch sogar aus Klärschlamm Öl gewinnen", kommentiert der Ministeriumssprecher. Es gebe keine Pläne, an den momentanen Regelungen etwas zu ändern.

Nagelneu ist die "Schmierstoff-Orgel"

Die Recycler stehen deshalb unter Druck. Denn sie haben längst ihre Kapazitäten soweit ausgebaut, dass sie jeden Tropfen in Deutschland wieder aufbereiten könnten. 400.000 Tonnen würden die Raffinerien schaffen, aber nur knapp 300.000 Tonnen erreichen sie, sagt Detlev Bruhnke, der gleichzeitig stellevertretender Vorsitzender des Bundesverbandes Altöl ist. Deshalb importieren sie jetzt schon Altöl aus Belgien und anderen Nachbarländern, um die eigenen Anlagen auszulasten. Der Mutterkonzern der Dollbergener Raffinerie ist mittlerweile Marktführer bei der Einsammlung von Altöl in Belgien und Dänemark.

Außerdem baut sich das Unternehmen ein zweites Standbein auf: Sie stellen die Schmiermittel zunehmend selbst her. Neben der eigentlichen Raffinerie stehen deshalb gleich mehrere flache Hallen auf dem Gelände. Hier wird das Grundöl, gerade frisch recycelt, wieder zu neuen Schmieröl-Produkten gemischt. Nagelneu ist die "Schmierstoff-Orgel", wie Bruhnke sie nennt, mit der vom Rasenmäher-Öl bis zum Industrieschmieröl alles zusammengemixt werden kann. Und während die eigentliche Raffination quasi vollautomatisch aus einer Schaltzentrale ferngesteuert wird, wimmelt es hier nur so von Menschen, die mischen, abfüllen und verpacken. In der neuen Lagerhalle stapeln sich die Öle in allen Packungsgrößen, von der Ein-Liter-Flasche bis zum 100-Liter-Fass für die Großindustrie.

Von der Abholung des Altöls bis zum neuen Produkt: Es ist eine umfassende und nahezu nahezu geschlossene Verwertungs- und Aufbereitungskette, die die Dollbergener anbieten. "Im Prinzip", sagt Detlev Bruhnke", könnten wir fast jeden Tropfen unendlich oft recyceln". Nur für ein Problem haben sie noch keine Lösung gefunden: das teure Benzin, mit dem ihre Tankwagen fahren, das können sie nicht zurückgewinnen, das wird auch bei ihnen einfach verbrannt.


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