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Rohstoffpreise: Beutezüge auf dem Friedhof

Fensterbänke, Gullydeckel oder ganze Brücken: Metall-Diebe werden immer dreister. Denn steigende Preise haben den Klau höchst lukrativ gemacht. Dabei machen die Diebe weder vor Kirchendächern noch vor Grabsteinen halt - und entgehen durch findige Absatzkanäle der Polizei.

Von Stefanie Senfter

Die Polizisten wurden misstrauisch, weil der Transporter merkwürdig langsam durch Berlin-Spandau fuhr. Nachdem sie den Wagen gestoppt hatten und auf die Ladefläche schauten, staunten die Beamten: Der Transporterfahrer hatte 49 Gullydeckel eingeladen - und klaffende Löcher auf den Straßen hinterlassen. Der Dieb hatte die zwei Tonnen Gusseisen beim Schrotthändler zu Geld machen wollen.

Der Berliner Gullydeckel-Klau, der sich im Mai ereignete, ist kein Einzelfall: Ob Regenrinnen, Skulpturen oder Bahngleise - Metalldiebe klauen alles, was in einen Kofferraum oder eine Ladefläche passt und sich verkaufen lässt. Kaum etwas ist ihnen zu schwer. Denn je höher das Gewicht, desto mehr Geld bekommen sie für ihre Beute.´

Der Metallklau nimmt rasant zu, seit die Preise für Eisen, Stahl und Kupfer durch die Decke gehen. So hat sich zum Beispiel der Kupferpreis seit 2005 nahezu verdoppelt. Für 100 Kilogramm zahlen Schrotthändler 490 Euro. "Der Reiz ist groß, davon zu profitieren", sagt Ulrich Leuning, Geschäftsführer der Bundesvereinigung Deutscher Stahlrecycling- und Entsorgungsunternehmen.

Die Polizei versucht mit wenig Erfolg, den Metalldieben Einhalt zu gebieten. In Chemnitz etwa hat sie eigens die "Sonderkommission Metall" einberufen, die allein im vergangenen Jahr in 600 Fällen ermittelt hat. 2006 waren es erst knapp die Hälfte. Die Bundespolizei verzeichnete 2007 rund 3800 Metalldiebstähle - die Fälle der Landespolizeibehörden nicht eingerechnet.

Meist haben es die Bundespolizisten mit Schienendiebstählen zu tun, die der Deutschen Bahn im vergangenen Jahr rund 25 Millionen Euro Schaden einbrachten. So zersägten Anfang Juli zwei Diebe in Brandenburg Gleise und verluden sie in handlichen Teilen von 40 Zentimetern Länge in ihren Transporter. Über 13 Meter hatten sie schon zerteilt, als die Bundespolizei sie festnahm.

Mehr als nur Materialwert-Schaden

Die Schäden, die Metall-Klauer verursachen, gehen über den reinen Materialwert oft deutlich hinaus. So demontierten Unbekannte im Februar 30 Meter Brücken-Geländer in Solingen und verdienten mit dem Verkauf des Metalls vermutlich knapp 1000 Euro. Die Wiederbeschaffung und Montage des Geländers kostete die Kommune satte 8000 Euro. Noch größer war der Unterschied bei einer Bronze-Statue, die Diebe im Dezember 2005 in England entwendeten: Sie transportierten das zwei Tonnen schwere Kunstwerk per Ladekran und Laster ab. Der geschätzte Materialwert auf dem Schwarzmarkt lag bei 3000 Euro, das Kunstwerk war viereinhalb Millionen Euro wert.

Die Vorgehensweise der Metalldiebe ist stets ähnlich: Sie fahren mit einem Transporter vor - teils mit Hebekran - zersägen größere Objekte in Einzelteile und transportieren sie ab. Manchmal arbeiten die Täter sogar mehrere Tage lang: In Tschechien verschwand so eine vier Tonnen schwere Eisenbahnbrücke aus Stahl - zum Glück auf einer stillgelegten Strecke. Reich geworden sind die Täter mit diesem Coup allerdings nicht: Das Material war nur rund 1600 Euro wert, denn der Preis für qualitativ hochwertigen Stahl ohne Verunreinigungen liegt derzeit bei rund 400 Euro pro Tonne.

Ein Wachhund reicht nicht mehr

Besonders leicht haben es Metall-Diebe oft auf Schrottplätzen. "Sie warten ab, bis es dunkel wird. Dann schießen sie die Scheinwerfer aus und verschwinden mit einem vollgeladenen Kleinlaster", sagt Ulrich Leuning von der Bundesvereinigung Deutscher Stahlrecycling- und Entsorgungsunternehmen. Allein auf einen Wachhund wollen sich viele Schrotthändler deshalb nicht mehr verlassen. Sie schützen ihren Besitz mit Bewegungsmeldern und Kameras.

Auf Baustellen haben Metalldiebe dagegen meist leichtes Spiel. Dort liegen zum Beispiel oft große Rollen mit Kupferkabel ungesichert herum. Im Mai haben Diebe auf einer Bauschuttdeponie in Bühl im Schwarzwald sogar ein Stromkabel ausgegraben, zerkleinert und abtransportiert.

Nicht einmal das Kupfer auf Kirchendächern ist vor den Langfingern mehr sicher. Und auch vor der Totenruhe machen die Täter nicht Halt: Auf Friedhöfen stehlen sie Vasen und Kerzenständer aus Kupfer und Bronze. Vor zwei Jahren verschwanden in Stralsund sogar 43 Grabplatten aus Metall und über 1000 Kupfer-Buchstaben von Grabstein-Inschriften.

Alternativer Absatzkanal Ausland

Nach ihren Beutezügen stehen die Täter allerdings häufig vor dem Problem, wie sie das verdächtige Metall loswerden sollen. Denn welcher Schrottplatzbesitzer glaubt schon, dass 3000 Orgelpfeifen nicht mehr zu gebrauchen sind, die ein Dieb in Zirndorf bei Fürth aus einer Lagerhalle entwendete. "Jeder Kunde muss auf dem Schrottplatz seinen Personalausweis vorzeigen, wenn er etwas verkaufen möchte", sagt Leuning. So kann die Polizei im Zweifel zurückverfolgen, wer Diebesgut angeliefert hat. Zudem verlangen einige Schrottplatzbetreiber einen Eigentumsnachweis.

Professionelle Metalldiebe haben sich deshalb längst einen alternativen Absatzkanal gesucht, vermutet die Polizei. Sie verschiffen ihre Beute direkt ins Ausland.