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RUSSLAND: Schwere Kritik an Gasprom-Prüfern

Die jüngsten Skandale in der Welt der Buchprüfer haben Branchenführer PricewaterhouseCoopers bisher unberührt gelassen. Doch nun droht Ungemach aus Russland.

Während die Konkurrenz sich unter dem Hagel der jüngsten Skandale ducken musste konnten die Branchenführer von PricewaterhouseCoopers (PwC) ihren Kopf weiter hoch erhoben tragen - bis jetzt. Denn nun droht dem weltweit tätigen Prüfungs- und Beraterriesen Ungemach in Russland. Ein Minderheitsaktionär des weltgrößten Gaskonzerns Gasprom wirft dessen langjährigem Buchprüfer PwC vor, zweifelhafte Geschäfte in Milliardenhöhe verschwiegen oder übersehen zu haben. Gasprom und die Wirtschaftsprüfer weisen die Vorwürfe zurück, in Moskauer Medien ist bereits von einem »russischen Enron« die Rede.

Enron-Größenordnung

Die Größenordnung, um die es bei Gasprom gehen soll, ist tatsächlich vergleichbar mit dem Skandal um den US-Energiehändler Enron, der PwCs Konkurrenten Andersen das Rückgrat gebrochen hat. Allein in einem Fall sollen dem russischen Gas-Multi 5,5 Milliarden Dollar (6,25 Mrd Euro) durch dubiose Geschäfte der alten Führung entgangen sein. Dazu kommt noch der Vorwurf, ein Teil des Geldes habe später den Weg in die Taschen der Gasprom-Manager gefunden.

Verfahren angestrengt

Der Fonds Hermitage Capital Management Limited (HCML), der schätzungsweise fünf Prozent der Gasprom-Anteile hält, fordert nun Aufklärung über die angeblichen Machenschaften und nimmt auch Buchprüfer PricewaterhouseCoopers ins Visier. Hermitage strengte beim Moskauer Schiedsgericht ein Verfahren gegen PwC an. Das Datum der Verhandlung soll Mitte Mai festgelegt werden. Zudem forderte der Fonds das russische Finanzministerium auf, PwC die Lizenz für die Prüfung der Gasprom-Bilanzen abzuerkennen.

Dubioses Wachstum auf Kosten von Gazprom

Im Mittelpunkt der Vorwürfe steht wieder einmal der schon seit Jahren umstrittene Gashandelskonzern Itera. Die sonst wenig bekannte Firma mit Hauptsitz im US-Bundesstaat Florida ist in den vergangenen Jahren zum zweitgrößten Gasunternehmen in Russland nach Gasprom aufgestiegen. Quelle des rasanten Wachstums waren stets Ressourcen des Monopolisten Gasprom - angeblich zu Schleuderpreisen erworben. So soll Itera den Hermitage-Vorwürfen zufolge für 32 Prozent an der Gasprom-Tocher Purgas ganze 1.200 Dollar bezahlt haben, während der damalige Marktwert des Pakets mindestens 400 Millionen Dollar betragen habe.

Klassisches Korruptions-Muster

Zudem habe Gasprom auch erhebliche Gasreserven im Autonomen Bezirk der Jamal-Nenzen in Nordsibirien billig an Itera verkauft, behauptet der Fonds weiter. Itera verkaufte das Erdgas dann teuer im Westen. Experten von Hermitage lassen nun durchblicken, dass das Geld auf Privatkonten von Gasprom-Managern gelandet sein könnte. PwC weist die Vorwürfe zurück und hält dagegen, dass Itera keine vergünstigte Stellung bei Gasprom hatte. Auch bei der Prüfung der Gasprom-Bücher für das Jahr 2000 konnte PwC keine Verstöße von Seiten des Managements festgestellt. PricewaterhouseCoopers hatte auch die Bücher der russischen Zentralbank geprüft, zuletzt in den Jahren 1998 und 1999, wurde dann jedoch auf Druck des Parlaments von Deloitte & Touche und russischen Gesellschaften abgelöst.

Widersprüchliche Behauptungen

Ein weiterer Vorwurf bei Gasprom betrifft den Handel mit anderen Nachfolgerepubliken der Sowjetunion. Gasprom soll mehr als 65 Prozent des Gasmarktes in früheren Sowjetrepubliken an Itera abgegeben haben. Der frühere Gasprom-Vorstandschef Rem Wjachirew hatte Gasgeschäfte in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) als nicht lukrativ abgetan. Indes hat Itera allein auf diesem Markt hunderte Millionen Dollar Gewinn erwirtschaftet. Auch über die Abrechnung der Geschäfte mit Itera gibt es keine Einigkeit. Itera hatte Ende 2000 keine Schulden gegenüber Gasprom, sagt PwC. Der russische Rechnungshof behauptet das Gegenteil.

Alexander Marjin