VG-Wort Pixel

Gas- und Öllieferungen Wie Putin Gas-Pipelines systematisch als Waffe einsetzt

Nadym-Punga Gas-Pipeline
Bau der Nadym-Punga-Pipeline im Westen Sibiriens 1972.
© Lev Polikashin / Picture Alliance
Trotz Kaltem Krieg, Eisernem Vorhang und den Wirren der Post-Sowjetzeit waren Russland und die Sowjetunion 50 Jahre lang zuverlässige Lieferanten für Öl und Gas. Erst seitdem Wladimir Putin den Imperialismus entdeckt hat, gibt es Probleme. Zufall?

Im Januar 1971 reiste eine Gruppe deutscher Industrievertreter nach Sibirien. Anlass des Besuchs war das Angebot der dauerklammen Sowjetunion, ihren von Rohstoffen überquellenden Osten auszubeuten. "Sie haben Sibirien gesehen und seine ungeheuren Möglichkeiten – greifen Sie zu!", sagte der damalige Regierungschef Alexei Kossygin zu den Deutschen. Laut des "Spiegels" hielt sich die Begeisterung über das Angebot damals in Grenzen. Nicht nur wegen der enormen Infrastrukturkosten, sondern auch aus politischen Gründen. Die UdSSR war schließlich der Systemfeind. Und nun sollte man mit ihm Geschäfte machen?

Seit 1973 floss verlässlich Gas in den Westen 

Letztlich wurden diese Bedenken rasch über Bord geworfen, zu verlockend war kurz nach der Ölkrise die Aussicht auf eine günstige, niemals versiegende Energiequelle. Noch im selben Jahr begann die Vorbereitung für die Transgas-Pipeline. Vom Norden Sibiriens über die heutigen Staaten Ukraine, Slowakei, Tschechien sowie Österreich strömte russisches Gas nach Westeuropa. Verlässlich, trotz Kaltem Krieg, Fall des Eisernen Vorhangs und den Wirren der Post-Sowjetzeit. Bis zum Februar 2022.

Transgas blieb nicht die einzige Leitung aus dem fernen Osten. Ende der 90er wurde im Norden die Jamal-Pipeline fertiggestellt. 2011 folgte Nord Stream 1. Fast zeitgleich begannen im Süden die Arbeiten an South Stream. Nach der Krim-Annexion durch Russland 2014 geriet sie allerdings von Seiten einiger osteuropäischer EU-Staaten in die Kritik; letztlich legte Kremlchef Wladimir Putin sie auf Eis.

Zu dem Zeitpunkt stand auch schon die Planung von Nord Stream 2. Die Pipeline sollte parallel zur ersten Röhre verlaufen, wurde im Juni 2021 auch fertiggestellt – obwohl schon damals Kritik an der einer zu großen Gasabhängigkeit von Russland laut wurde. Seit dem Einmarsch von Moskaus Truppen in die Ukraine ist die Leitung endgültig erledigt.

Plötzlich häufen sich Probleme mit den Pipelines

Neben den Gaspipelines gibt es noch eine Handvoll Leitungen, die russisches Öl nach Europa befördern und allen ist gemeinsam, dass durch sie immer verlässlich die begehrten Rohstoffe geflossen sind. Nennenswerte Störungen und Defekte gab es nicht – zumindest nicht für Westeuropa. Bis zu dem Zeitpunkt, als Wladimir Putin plötzlich glaubte, die Ukraine von einer angeblichen "Naziherrschaft befreien" zu müssen, was Kremlsprech für die neoimperialistischen Gelüste der Moskauer Führung ist. Und plötzlich häufen sich Probleme mit den Pipelines.

Über die Jamal-Leitung kommt schon seit dem 12. Mai 2022 kein Gas mehr, als Reaktion auf die Sanktionen gegen Gazprom, wie die russische Seite einräumt. Die Lieferung über Transgas geht nach einem Stopp im Juli auf niedrigem Niveau weiter. Bei Nord Stream aber werden seit dem Sommer immer wieder "technische" Schwierigkeiten für Gasausfälle und Lieferengpässe genannt. Und nun kommen noch Lecks hinzu, aus denen massenhaft Erdgas strömt.

Turbine angeblich benötigt 

Mitte Juni hatte Gazprom mitgeteilt, dass die Rohstofflieferung durch Nord Stream 1 um 40 Prozent gedrosselt werden müsse. Grund: ein Verdichteraggregat, das nicht pünktlich aus der Wartung in Kanada zurückgekommen sei. In den folgenden Wochen begann ein bizarres Geschachere um die fehlende Turbine. Die kanadische Regierung erteilte eine Sonderausfuhrgenehmigung, Gazprom verweigert aber die Annahme des Siemens-Geräts, das seitdem in Deutschland festhängt. Experten glauben ohnehin, dass der Pipelinebetrieb auch ohne diese Turbine gewährleistet sein sollte.

Am 10. Juli begann dann die turnusmäßige Wartung von Nord Stream 1, inklusive Stilllegung für zehn Tage. Die Bundesregierung befürchtete, dass nach Ende der Überholung kein Gas mehr fließen würde. Tatsächlich aber wurden für den 21. Juli wieder Lieferungen angekündigt, allerdings auf noch niedrigem Niveau als zuvor schon. Am 30. August tauchte das erste Leck auf. In der Kompressorstation Portowaja in der Nähe des westrussischen Wyborg trat Öl aus, die Röhre musste für zunächst drei Tage stillgelegt werden. Seitdem hat Gazprom Nord Stream nicht wieder aufgedreht. Und das wird auch zunächst wohl so bleiben. Bereits Anfang September sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck: "Dass Nord Stream 1 wieder aufgemacht wird, gehört nicht zu den Szenarien, von denen ich ausgehe."

Russland fällt als verlässlicher Partner aus

Ob und in welchem Zusammenhang die drei Lecks mit der de-facto-Schließung von Nord Stream stehen ist unklar. Ebenso, ob dahinter tatsächlich eine Sabotage Russlands steckt, wie die polnische Regierung vermutet. Möglicherweise um neue Unruhe zu stiften. Stand jetzt fällt der über Jahrzehnte vertrauenswürdige Gaslieferant Russland als verlässlicher Geschäftspartner aus.

DPA, AFP, "Spiegel", Statista, Mesit, Nord Stream, "Süddeutsche Zeitung", ZDF

Mehr zum Thema

Newsticker