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Energieversorgung Mit unseren Gasreserven kommen wir durch diesen Winter. Aber wie geht es danach weiter?

Erdgasspeicher Katharina in Sachsen-Anhalt
Sonnenaufgang hinter dem Erdgasspeicher Katharina in Sachsen-Anhalt
© Klaus-Dietmar Gabbert / DPA
Energieexperten gehen davon aus, dass die Gasreserven für den kommenden Winter ausreichen. Und dann? Können wir unseren Bedarf auch im darauffolgenden Herbst und Winter so locker decken?

Wenn man sich dieser Tage mit dem Thema Energieversorgung beschäftigt, dann klingen die Nachrichten beruhigend. Die Gasspeicher sind so gut wie voll, laut Bundesnetzagentur und Wirtschaftsministerium (BMWK) sollen es mehr als 99 Prozent sein. Dass Deutschland dieses Ziel erreicht, galt in jenen Wochen, in denen Gazprom sukzessive seine Lieferungen zurückschraubte, nicht als selbstverständlich.

Die Angst der Deutschen vor einem kalten, dunklen Winter mit Stromausfällen und Blackouts wischen die zuständigen Behörden angesichts der vollen Speicher nun vom Tisch. Sowohl die Bundesnetzagentur als auch das Wirtschaftsministerium sind optimistisch, dass es im kommenden Winter nicht zu Engpässen kommen wird. Wenn alles gut läuft, dann sind die Gasspeicher am 1. Februar 2023 noch zu 40 Prozent voll.

So will es auch ein Gesetz, das Ende April diesen Jahres in Kraft getreten ist. Das sogenannte Gasspeichergesetz regelt, zu welchem Zeitpunkt welche Mindestfüllstände erreicht werden müssen. "In den letzten Jahren wurden die Speicher oft leer gefahren, bzw. nicht ausreichend gefüllt. Mit dem Gasspeichergesetz haben wir hier die Möglichkeit dagegen vorzugehen, bzw. vorzubeugen", teilt das BMWK auf stern-Anfrage mit und sieht sich damit auch für das kommende Jahr bestens gerüstet.

Ob sich die gesetzlichen Mindestanforderungen 2023 so leicht umsetzen lassen, wie jetzt, ist jedoch fraglich.

Nur von der Leyen hat Bedenken bei der Gasversorgung 2023

Wenig Optimismus verbreitete zuletzt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Sie befürchtet, dass Russland vollen Gasspeichern im kommenden Jahr im Weg stehen könnte, sollte das Land seine Lieferungen komplett einstellen. Deutschland steht laut BMWK-Angaben allerdings nicht vor diesem Problem – zumindest nicht direkt. Seit Anfang September fließt kein russisches Gas mehr nach Deutschland, weil Russland den Hahn zudrehte. Die Bundesrepublik ist demnach unabhängig; deutlich früher als eigentlich geplant. Ihr Speicherziel hat sie dennoch erreicht.

Hierzulande könnte es dann an die Reserven gehen, wenn andere Länder wegen wegfallender Russland-Lieferungen verstärkt auf deutsche Unterstützung angewiesen sind. Sollte die Nachfrage bei ausländischen Nachbarländern steigen, "droht auch in Deutschland eine Gasmangellage", schreibt die Bundesnetzagentur in einem Bericht, der dem stern vorliegt. Demnach könnte sich die Situation auch schon diesen Winter in Deutschland verschärfen. Aktuell beziehen hauptsächlich Serbien und Ungarn russisches Gas über die Pipeline Turkstream. Die Behörde erwartet allerdings, dass "der Anstieg der aktuell besonders niedrig ausfallenden Exporte eher moderat ausfällt".

Reicht das Flüssigerdgas für alle?

Um die fehlenden Liefermengen zu kompensieren, setzt Deutschland auf Gaslieferungen aus anderen Ländern wie Frankreich, heißt es zudem vom BMWK. Kassenschlager dürfte wohl das Flüssigerdgas werden, das zunächst über angemietete LNG-Terminals und spätestens Ende des Jahres auch über eigens gebaute Lieferanlagen importiert wird. Gleichzeitig setzen die Ampel-Parteien wieder auf Braun- und Steinkohle, um den Gasverbrauch zu mindern.

Doch auch mit Blick auf das vielbeschworene Flüssigerdgas macht sich die EU-Kommissionspräsidentin Sorgen. Sollte China seine Null-Covid-Strategie zurückfahren, wachse der Flüssigerdgasbedarf auch in der von Corona gebeutelten chinesischen Wirtschaft, gab die Politikerin zuletzt zu Bedenken. Das könnte die Preise und die Konkurrenz auf dem Weltmarkt steigern. Die Kommissionspräsidentin befürchtet, dass so zum Ende des Sommers 2023 rund 30 Milliarden Kubikmeter Flüssigerdgas fehlen, um die diesjährigen Füllstände zu erreichen.

Frank Dietzsch, Leiter Ordnungsrahmen Gastechnologien und Energiesysteme vom Deutschen Verein des Gas- und Wasserfachs e.V. (DVGW), sieht darin allerdings kein Problem. Die Preise würden perspektivisch sinken, "weil sehr viel LNG auf dem Markt ist", sagt er gegenüber dem stern. An der spanischen Küste lagen LNG-Schiffe wochenlang vor Anker und haben wegen des zeitweiligen Überangebots an LNG ihre Ladung nicht eingespeist. Insgesamt ist Dietzsch optimistisch, dass Europa künftig gut ohne russisches Erdgas auskommen wird. "Der komplette Ausbau der Flüssigerdgasterminals wird die Werte der russischen Erdgaslieferungen übersteigen", prognostiziert der DVGW-Experte. Er glaubt, dass künftig vor allem die Vereinigten Staaten von Amerika, aber auch Katar zu "Keyplayern" auf dem LNG-Markt werden. Vor allem die Vereinigten Staaten könnten in einem Jahr einer der bedeutendsten Lieferanten Deutschlands sein.

Gasversorgung bis in den Frühling weitestgehend gesichert

Dass die Gasversorgung im kommenden Jahr gesichert ist, liegt laut Dietzsch auch daran, dass die Speicher den Grenzwert von 40 Prozent Ende des Winters kaum unterschreiten werden. Ein Modell des Vereins zeigt die Füllstände in Abhängigkeit von den Gasim- und -exporten und der Witterung. Die fiel bisher deutlich milder als in den Vorjahren aus.

Nach Einschätzung des DVGW-Experten ist ein optimistisches Szenario mit milder Witterung am wahrscheinlichsten. Bleibt der Winter wärmer als sonst, könnten die Gasspeicher Ende April noch zu 60 Prozent gefüllt sein. Alle anderen Szenarien – mit einem durchschnittlichern und oder extrem kalten Winter – bezeichnet Dietzsch als pessimistisch und tendenziell eher unwahrscheinlich. Im schlimmsten Fall lägen die Füllstände Ende April bei gerade einmal 30 Prozent. In keinem Fall werden die Pegel aber zum 1. Februar die 40 Prozent-Marke reißen. Dass es zu lokalen Engpässen kommen kann, schließt Dietzsch zwar nicht aus. "Aus bilanzieller Sicht wird aber ausreichend Gas bis zum Ende der Heizperiode 2022/2023 zur Verfügung stehen."

Das deckt sich ungefähr mit den Prognosen der Bundesnetzagentur. Laut ihren Modellen wäre eine Gasmangellage dann am wahrscheinlichsten, wenn im Februar noch eine Kälteperiode ähnlich wie im Winter 2021 einsetzt. Damals lag die Durchschnittstemperatur bei knapp neun Grad.

Die Deutschen müssen trotzdem weiter Gas sparen

Auch wenn die die Energieversorgung nach Experteneinschätzung und aktuellem Stand gesichert ist: Sparen bleibt weiterhin die Devise und das gleich aus zwei Gründen. Im Gespräch mit dem "Spiegel" hatte Bundesnetzagenturchef Klaus Müller bereits angekündigt, dass im kommenden Herbst wieder mindestens 20 Prozent Gas gespart werden müssen.

"Wir haben viel Gas gespeichert, aber der Winter kann lange dauern", warnt er auf Twitter. "Für einen dramatischen Anstieg des Gasverbrauchs reichen aber schon wenige klirrend kalte Tage. Aus historischen Daten wissen wir: Wenn es richtig frostig wird, werden die Speicher schnell leergesaugt", gab Müller zuletzt im Gespräch mit dem "Spiegel" zu Bedenken.

Wenn der Winter so warm wird wie 2021/22, dann reicht das gespeicherte Gas laut Müller für neun bis zehn Wochen.

Viele Bürger werden diese Warnung wahrscheinlich aber gar nicht brauchen. Angesichts weiter steigender Gaspreise dürften viele freiwillig auf ein paar Grad in den eigenen vier Wänden verzichten. Müller kündigte bereits an, dass sich die Energiepreise im kommenden Jahr noch vervierfachen könnten. Denn dann erst schlügen die Folgen des Ukraine-Krieges erst richtig zu Buche.

Quellen:  "Der Spiegel", Deutscher Verein des Gas- und Wasserfachs e.V., Bundesnetzagentur, mit Material von DPA

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