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Energiekrise Miet- und Essenskosten könnten dramatisch steigen. Darauf müssen sich Studierende im nächsten Jahr einstellen

Fahrräder stehen vor einem Studentenwohnheim der Universität in Leipzig
Fahrräder stehen vor einem Studentenwohnheim der Universität in Leipzig
© Hendrik Schmidt / DPA
Erst hat Corona die Studierenden gebeutelt. Und jetzt setzt der Ukraine-Krieg mit seinen Folgen noch einen oben drauf. Im nächsten Jahr müssen Studierende dann vor allem eines tun: sich warm anziehen.

Der kommende Winter könnte für Studierende kalt und auch teuer werden. Das gilt nicht nur für jene, die auf dem freien Markt ein Zimmer gefunden haben. Betroffen ist auch, wer ein kostengünstiges Zimmer der Studentenwerke ergattert hat. Mit einer durchschnittlichen Monatsmiete von 256 Euro zählen die Unterkünfte laut Deutschem Studentenwerk (DSW) zu den beliebtesten Wohnmöglichkeiten. Doch auch dort könnte das Wohnen bald für viele kaum noch erschwinglich sein.

"Wir gehen davon aus, dass es wie bei allem Wohnraum in Deutschland auch bei den Studierendenwohnheimen der Studierendenwerke steigende Energiepreise der Energieversorgungsunternehmen geben wird und damit Mieterhöhungen leider notwendig sind", teilt DSW-Generalsekretär, Matthias Anbuhl, auf stern-Anfrage mit.

Kai Hörig, Geschäftsführer des Studierendenwerks Rostock-Wismar und langjähriges Mitglied im Ausschuss Studentisches Wohnen im Deutschen Studentenwerk, weiß, was das für das Jahr 2023 konkret bedeutet. Schon jetzt habe sein Studierendenwerk die Mieten zum kommenden Wintersemester um zehn Euro pro Monat erhöht. Diese Preissteigerung sei normal, die laufenden Kosten steigen nach seinen Angaben jedes Jahr, unabhängig von der aktuellen Energiekrise. Vor Corona seien die Mieten durchschnittlich allerdings noch um fünf Euro gestiegen. Auch wenn sich die Mieterhöhung damit verdoppelt hat, sind die aktuell zehn Euro nichts im Vergleich zu dem, was den Studierenden im kommenden Jahr blüht.

"Wir gehen davon aus, dass sich die Kosten im nächsten Jahr für Gas mehr als verdreifachen, die Stromkosten werden sich voraussichtlich mehr als verdoppeln", sagt der Wohn-Experte. Allein für das 2000-Zimmer-Wohnheim in Rostock-Wismar bedeutet das Mehrkosten von ungefähr 1,1 Millionen Euro, hat Hörig ausgerechnet. Das müssen die Mieten abdecken, Studierende werden deshalb zum 1. Januar tiefer in die Taschen greifen müssen. Um 50 Euro pro Monat könnten die Mieten dann steigen, prognostiziert Hörig. Dabei handelt es sich bisher aber nur um eine Schätzung, die je nach Studentenwerk, Energieanbieter und Räumlichkeiten variieren kann. In Deutschland gibt es 57 Studentenwerke, die jeweils eigene Verträge abgeschlossen haben.

Was der Staat für die Studierenden tun könnte

"Das einzige, was uns und den Studierenden jetzt hilft, ist ein zusätzlicher Bunds- und Landeszuschuss", sagt Hörig. Er hofft, den masiven Preisanstieg noch abfedern zu können, denn die Kosten komplett an die Studierenden weiterzugeben "ist einfach Wahnsinn". Der Wohn-Experte geht davon aus, dass bestimmte Instandhaltungsmaßnahmen um ein Jahr verschoben werden müssen, um die Mieterhöhung zumindest im Jahr 2023 moderat zu halten. Zudem planen die Studentenwerke eine Energiesparkampagne.

Deutschlandweit gibt es nach aktuellen Berechnungen des DSW 2,5 Millionen Studierende, aber nur knapp 196.000 Wohnheimplätze der Studentenwerke. Die Unterbringungsquote liegt bei unter zehn Prozent. Der Rest lebt entweder zuhause bei den Eltern oder in einer privaten Unterkunft. Gleichzeitig geht Hörig davon aus, dass die vergleichsweise günstigen Wohnheim-Unterkünfte in der Krise noch mehr gefragt sein werden. Schon jetzt könnte er sein Wohnheim in Rostock-Wimsar wegen der zahlreichen Bewerbungen doppelt befüllen.

Derzeit seien die Studentenwerke im Gespräch mit dem Bund und den Landesregierungen, um Schutzpakete für die Studierenden auszuhandeln. Hörig hofft auf ähnliche Programme wie zur Corona-Pandemie. Damals konnten Studierende von den Überbrückungshilfen profitieren. Andernfalls werde es immer mehr Härtefälle geben, die die Studentenwerke selbst nicht mehr kompensieren könnten. Auch Anbuhl plädiert für "eine staatliche Unterstützung, zum Beispiel durch einen Mietausfallfonds des Landes, wie auch die Studierenden generell und andere Mieter/-innen in Deutschland mit geringem Einkommen". Andernfalls seien Mitausfälle zu erwarten. Die geforderten Programme dürften sich deshalb nicht nur an Studierende in Wohnheimen und an die Studentenwerke richten, so Hörig. Auch auf dem freien Markt kämpfen Studierende mit den Folgen der Energiekrise.

Ein kleines Trostpflaster bietet die jüngste Bafög-Reform. Studenten, die diese Unterstützung erhalten, sollen zusätzlich eine einmalige Heizkostenhilfe in Höhe von 230 Euro erhalten. "Das ist zumindest schon mal eine Vorab-Abfederung, die die Studenten gut im nächsten Jahr gebrauchen können", sagt Hörig. Aber natürlich ist klar: Viele Studierende werden den finanziellen Zuschuss schon jetzt ausgeben.

Ein leerer Magen studiert nicht gern

Etwa zum Essen. Denn hier sind laut Hörig auch massive Preissteigerungen zu erwarten. Viele größere Universitätsmensen kochen und spülen mehrheitlich mit Gas. "Das ist ein riesiges Problem bei der Kostenentwicklung", sagt Hörig und rechnet gleich vor, was das bedeutet: Allein in den Mensen in Rostock-Wismar werden jährlich eine Million Portionen ausgegeben. Es gibt vier Produktionsmensen, zwei davon werden mit Gas betrieben. In der Summe belaufen sich die Mehrkosten dann auf fast 400.000 Euro. "Aber wir haben hier keine Mieter, auf die wir die Kosten umlegen könnten. Und Sparmaßnahmen bei der Instandhaltung kommen nicht in Frage", sagt Hörig. Leidtragende sind deshalb auch hier wieder die Studierenden.

Die Preissteigerungen werden sich so in den Semesterbeiträgen und den Essenspreisen niederschlagen. Der Semesterbeitrag könnte um acht bis zehn Euro erhöht werden. Um 20 bis 50 Cent – je nach Gericht – könnte eine Essensportion teurer werden, so Hörig. "Schon vor der Krise konnten es sich einige Studierende nicht leisten, täglich in die Mensa essen zu gehen. Das verschärft sich nun." Schon jetzt gebe es zahlreiche Studierende, die beim Mensabesuch auf das Getränk oder den Nachtisch verzichteten oder sich weniger gesund ernährten. "Wenn man unverhältnismäßige Essenspreise verhindern will, muss es auch hier staatliche Unterstützung geben", fordert Hörig. Dasselbe gelte für das Wohnen.

Hörig befürchtet, dass junge Menschen ihr Studium abbrechen oder erst gar nicht anfangen, weil sie es sich einfach nicht mehr leisten können. "Uns fehlen schon jetzt so viele Fachkräfte, das wäre mittelfristig für unsere ganze Gesellschaft fatal."


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