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Finanzielle Notlage Wenn nur noch Glück hilft – wie die Coronakrise für leere Taschen bei Studierenden sorgt

Finanzielle Notlage: Wenn der Nebenjob wegen einer Pandemie wegfällt: Studierende fordern mehr Unterstützung
Wenn der Nebenjob wegen einer Pandemie wegfällt: Studierende fordern mehr Unterstützung
Mit Beginn der Corona-Pandemie fielen für die Studierenden nicht nur die Lehrveranstaltungen auf dem Campus aus. Noch viel dramatischer ist der Verlust zahlreicher Studentenjobs. 40 Prozent gerieten in eine finanzielle Notlage.

Zwei Monate hatte Maria Kaiser (Name von der Redaktion geändert) als Werkstudentin in der Öffentlichkeitsarbeit eines kleinen privaten Theaters in Hamburg gearbeitet. Dann kam der erste Lockdown. Als klar wurde, dass der Vorhang in den deutschen Spielstätten auf unbestimmte Zeit gefallen ist, verlor sie ihre Stelle von einem Tag auf den nächsten. "Im ersten Moment hat mich die fristlose Kündigung wenig überrascht. Wer kann sich in solch einer Situation noch Werkstudenten leisten, die nichts mehr zu tun haben?", sagt sie. Doch schon im nächsten Moment sei ihr klar geworden: So einen Job wird es in der nächsten Zeit nicht mehr geben.

Ähnlich erging es Justus Weber. Zu Beginn des ersten Lockdowns jobbte er seit vier Monaten als Werkstudent in einer kleinen Marketing- und Videoproduktionsfirma in Hamburg. Als sich die Krise verschärfte und die Kunden ausblieben, mussten Werkstudenten wie Justus Weber innerhalb weniger Wochen gehen. "Zum Teil wurden wir mit dem Hinweis freigestellt, das Arbeitsverhältnis wieder aufnehmen zu können, wenn sich die Situation gebessert hat", erzählt Weber dem stern. Er selbst ging nach der Kündigung in ein Praktikum, ein Jobangebot hat ihm das Unternehmen danach nicht mehr gemacht.

40 Prozent stecken in einer finanziellen Notlage

Wie Maria Kaiser und Justus Weber ging es vielen Studierenden in Deutschland. Eine Befragung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) unter 28.600 Teilnehmenden hat ergeben, dass sich die finanzielle Lage bei 40 Prozent der erwerbstätigen Studierenden im Zuge der Corona-Pandemie verschlechtert hat. Insbesondere in der Gastronomie oder in der Kulturbranche haben die Studierenden ihre Nebenjobs entweder verloren oder wurden unbezahlt freigestellt. Wer seine Stelle behalten konnte, musste häufig mit einer Reduzierung der Arbeitszeit rechnen.

Wie viele Studierende ihren Nebenjob durch die Pandemie verloren haben, lässt sich allerdings nicht genau sagen. "Dazu haben wir leider keine verlässlichen Zahlen, da arbeitslose Studierende in der 'normalen' Arbeitslosenstatistik nicht als solche erfasst werden", erklärt der Generalsekretär des Deutschen Studierendenwerks, Achim Meyer auf der Heyde, eine stern-Anfrage.

Anders das Jobportal Studitemps: Ergebnissen einer eigens durchgeführten Umfrage zufolge ist die Zahl der erwerbstätigen Studierenden 2020 von 63 Prozent im Vorjahr auf 53 Prozent gesunken. Zudem hatten mehr Studierende aus Akademiker-Familien im Sommersemester 2020 einen Nebenjob. Ihr Stundenlohn überstieg den von Studierenden aus Nicht-Akademiker-Familien.

Auf der anderen Seite verzeichnete das Jobportal Stellenwerk zu Beginn der Pandemie einen drastischen Rückgang bei den Stelleninseraten. Lockdown und wirtschaftliche Verunsicherung hätten zu einem Einbruch von mehr als 50 Prozent geführt, teilte das Stellenwerk auf Anfrage mit. "Vor allem in der Gastronomie und im Kulturbereich sind viele Werkstudentenjobs weggebrochen." Auch das übliche Vorweihnachtsgeschäft, in dem viele Studierende als Aushilfen arbeiten, fiel im letzten Jahr aus.

Zurück ins Kinderzimmer

Der Rückgang bei den Stellenausschreibungen blieb nicht ohne Folgen. Zahlen einer repräsentativen Umfrage des Personaldienstleisters Zenjob ergaben: 22 Prozent der befragten Studierenden waren im vergangenen Sommer nicht mehr in der Lage, Mieten und Rechnungen wie sonst zu bezahlen. "Finanzielle Einbußen durch Corona kompensieren die Studierenden vor allem dadurch, dass sie eigene Ersparnisse oder im privaten Umfeld anzapfen, etwa von der Familie oder Verwandten finanziell stärker unterstützt werden. Die Unterstützungsleistung der Eltern ist auch in der Pandemie nach wie vor relativ stabil", sagt auch Meyer auf der Heyde.

Doch selbst das reicht in vielen Fällen offenbar nicht, um Lebenshaltungskosten wie Mieten, Semesterbeiträge und Gesundheitsausgaben zu begleichen. Laut Studierendenwerk geben alleinlebende Studierende monatlich im Durchschnitt 830 Euro aus. Wer zu Hause lebt, zahlt monatlich ungefähr 680 Euro. Ein Unterschied – und für viele ein Grund, während der Pandemie wieder ins heimische Kinderzimmer zu ziehen. Lebte 2019 noch jeder fünfte Student bei den Eltern, so stieg die Zahl laut Studitemps im vergangenen Jahr auf ein Viertel.

Studienkredite und Überbrückungshilfen

Um die Studierenden finanziell zu unterstützen, hatte Bildungsministerin Anja Karliczek zinslose Kredite von bis zu einer Milliarde Euro in Aussicht gestellt. Seit Anfang Mai vergangenen Jahres können Studierende monatlich bis zu 650 Euro bei der staatlichen Förderbank KfW beantragen. Bis zum Ende des Jahres kommt der Bund für die Zinsen bei der Rückzahlung auf. Kritik an dem Programm übte unter anderem die Gewerkschaft ver.di: "Dieses Modell wird die soziale Schieflage im Studium verstärken und die Studienabbrüche gerade von finanzschwachen Studierenden erzeugen."

Zusätzlich zu den KfW-Krediten können Studierende in finanzieller Not Überbrückungshilfen bei den lokalen Studierendenwerken beantragen. Sie werden nicht zurückgezahlt, allerdings sind die Hürden um einiges höher als für einen zinslosen Studienkredit. Wer den Zuschuss über das Studierendenwerk beantragt, muss belegen, dass man durch die Pandemie in eine finanzielle Notlage geraten und bedürftig ist. Als Belege gelten Kontoauszüge und Bescheinigungen, in denen vermerkt ist, dass der Werkstudentenjob durch die Pandemie weggebrochen ist und auch die Eltern keine Unterstützung leisten können. Mittlerweile wurden die Voraussetzungen erweitert: "Insbesondere mit Blick auf die vielen Erstsemester kann auch ein Nachweis über erfolglose Bewerbungen und im Ausnahmefall sogar eine Selbsterklärung über die erfolglose Suche nach einem Job erbracht werden. Der Verlust eines Jobs, der vor der Pandemie bestand, ist also nicht mehr zwingend nachzuweisen", heißt es dazu aus dem Bildungsministerium. 

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Ein Anspruch auf den Zuschuss besteht allerdings nicht. Auch erhält nicht jeder die gleiche Summe. Können Studierende mit Kontoauszügen belegen, dass sie über weniger als 100 Euro verfügen, erhalten sie den maximalen Zuschuss von 500 Euro. Je höher der Kontostand, desto niedriger fällt der Zuschuss aus. Er muss zudem monatlich neu beantragt werden und läuft mit dem Ende dieses Wintersemesters aus. Eine rückwirkende Beantragung ist nicht möglich.

Coronahilfen sind nicht für alle Studierende eine Option

Studierendenwerks-Generalsekretär Meyer auf der Heyde zeigt sich mit dem Programm dennoch zufrieden. In der ersten Phase von Juni bis September 2020 seien 244.000 Anträge von Studierenden eingegangen, zwischen November 2020 und Februar 2021 seien es nur noch 180.000 Anträge gewesen. Insgesamt haben die Studierendenwerke zwischen 65 und 70 Prozent aller Anträge bewilligt und so 120,5 Millionen Euro Überbrückungshilfen an die Studierenden gezahlt.

Das Fazit: "Die Überbrückungshilfe kommt an, sie hilft jedoch leider nicht allen", räumt Meyer auf der Heyde ein. Bei mehr als der Hälfte der abgelehnten Anträge hätten sich die Studierenden zwar in einer finanziellen Notlage befunden, diese sei aber nicht durch die Pandemie verursacht worden. Doch die Krise zeige, dass die Finanzierung einiger Studierender in der unteren Mittelschicht immer noch prekär ist. "Für diese Studierenden brauchen wir dringend eine strukturelle Reform", sagt er.

Für Maria Kaiser ist keines der Hilfsprogramme eine Option. "Die Studienkredite muss ich zurückzahlen und für die Überbrückungshilfen war mein Kontostand mit etwas über 500 Euro leider zu hoch", sagt sie. Zwar habe sie nicht Hunger leiden müssen, dass sie nach der fristlosen Kündigung im vergangenen Frühjahr noch mehrere Wochen auf ihr Gehalt warten musste, habe sie dennoch beunruhigt. "Am Ende war ich so wütend, dass ich mich auf Twitter darüber auslassen musste", erinnert sie sich. Ein Glücksfall, wie sich herausstellte: Eine Dozentin bot ihr für den Sommer eine Stelle als Studentische Hilfskraft an.

Wie geht es mit den Studentenjobs weiter?

Auch Justus Weber hatte Glück. "Für mich war die Zeit ohne Job finanziell tragbar, denn ich war in der komfortablen Situation, dass mich meine Eltern unterstützen konnten", sagt er. Anfang des Jahres bewarb er sich erneut und erhielt drei positive Rückmeldungen. Für ihn sei es leicht gewesen, einen neuen Nebenjob zu finden." Je nach Anspruch ist das natürlich schwerer oder leichter."

Mittlerweile dürften Studierende auf Arbeitssuche wieder schneller fündig werden als im vergangenen Jahr. "Inzwischen hat sich der Markt seit dem Herbst wieder stabilisiert", teilt das Stellenwerk auf Anfrage mit. Der zweite Lockdown habe keinen Einfluss auf die Zahl der Stellenanzeigen gehabt. Gute Nachrichten für die Studierenden, auch wenn die Pandemie so schnell nicht vorbei sein wird: "Die Nachfrage nach Werkstudenten ist in den letzten Monaten wieder gestiegen."

Quellen: Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, KfW-Studienkredit, Bundesministerium für Bildung und Forschung, Jobportal Studitemps

wue

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