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Energiekrise Putin will die europäische Gemeinschaft spalten. Am Gasspeicher Haidach könnte sich zeigen, ob sein Plan aufgeht

Gasspeicher Haidach in Österreich bei Salzburg
Der Gasspeicher Haidach bei Salzburg (Österreich) gilt als der zweitgrößte Gasspeicher Europas
© Manfred Fesl / APA / DPA
Über einen Speicher bei Salzburg wird Deutschland mit Gas versorgt. Doch wegen der Energiekrise will die österreichische Regierung den nun für das eigene Land anzapfen. Besonders Bayern hat damit ein Problem.

Bei dem Gas-Verwirrspiel, das Putin gerade mit dem Westen treibt, spielt auch Deutschland gezwungenermaßen mit. Allein im vergangenen Jahr leitete die Bundesrepublik rund 35 Prozent der russischen Gaslieferungen an europäische Partner weiter. Doch jetzt, wo Gazprom nur noch 20 Prozent durch Nord Stream 1 pumpt, sind auch "andere europäische Länder wie zum Beispiel Frankreich, Österreich und Tschechien betroffen", schreibt die Bundesnetzagentur in ihrem aktuellen Lagebericht (Stand: 26. Juli 2022). Sie müssen sich nun umorientieren. Die einen reduzieren ihren Verbrauch, andere kaufen bei Konkurrenten in Norwegen oder Kanada ein. Und wieder andere nutzen Ressourcen vor Ort.

So macht das etwa Österreich. Das Land ist besonders von russischen Energieimporten abhängig und steht wegen ausbleibender Gaslieferungen stark unter Druck. 2020 lieferte Deutschland noch 8,4 Prozent des Export-Gases nach Österreich. Die Alpenrepublik plant nun nicht nur, ein stillgelegtes Kohlekraftwerk zu reaktivieren und Flüssiggas zu importieren, sondern auch einen Gasspeicher anzuzapfen. Im Gespräch steht der Speicher in Haidach, 30 Kilometer nördlich von Salzburg. Er zählt mit einem Fassungsvermögen von 2,9 Millionen Kubikmetern zu den größten Gasspeichern Europas. Das entspricht 95 Terrawattstunden, die jährlich benötigt werden. Zum Vergleich: Die deutschen Gasspeicher reichen nur für ein Viertel der benötigten Jahresmenge.

Der Gaspeicher Haidach ist ein Gemeinschaftsprojekt des deutschen Gashandelsunternehmens Wingas, ihrem österreichischen Partner RAG Austria AG sowie ihrem russischen Partner Gazprom export. Geplant, errichtet und betrieben wurde er von der RAG. Ein Drittel der Speicherkapazitäten wird von dem deutschen Unternehmen Astora vermarktet. Der Erdgasspeicher ist über den deutsch-österreichischen Gasknotenpunkt Burghausen/Haiming an das deutsche Hochdrucknetz angebunden und damit Teil des europäischen Gasmarktes.

Jetzt, wo sich die Lage weiter zuspitzt, will auch Österreich von dem Speicher profitieren. Das sorgt auf süddeutscher Seite für Verärgerung. Wird Haidach zu dem Ort, an dem Putins Plan, die europäische Gemeinschaft zu spalten, langsam fruchtet?

Deutsch-österreichische Freundschaft lebt in Energiekrise wieder auf

Wohl kaum, zumindest wenn man den beschwichtigenden Worten von Österreichs Energieministerin Leonore Gewessler glauben darf. "Wir haben uns immer gut mit Deutschland abgestimmt", sagte sie Anfang der Woche. Dass Österreich Anspruch auf das Stück deutscher Infrastruktur erhebt, ist keineswegs neu. Im Juni beschloss das Parlament in Wien, alle Gasspeicher im Land an das österreichische Netz anzuschließen, Haidach inklusive. Die Energieministerin erhofft sich davon einen "Sicherheitspuffer für den Winter". Österreichs Gasspeicher sind derzeit zu 50 Prozent gefüllt. Inwiefern Haidach wirklich helfen kann, ist laut österreichischen Medienberichten strittig. Zumal der Speicher nach Angaben des Fernleitungsnetzbetreibers Bayernets aktuell nur zu rund 20 Prozent gefüllt ist. Der Grund: Die Speicherstätte wird noch von Gazprom beliefert.

Doch das soll sich ändern. Bundeswirtschaftsminister Habeck und Energieministerin Gewessler bemühen sich derzeit um neue Speicherkunden. Überhaupt haben sich die beiden auf eine engere Zusammenarbeit verständigt und dafür ein bilaterales Abkommen unterzeichnet. Demnach wollen sich beide Länder "gegenseitig und im Sinne der Solidarität unterstützen". Zusammen wollen sie den Gasspeicher rasch befüllen.

Fest steht also, "dass das eine Land dem anderen Land kein Gas wegnehmen will", wie die Gas-Expertin der Regulierungsbehörde E-Control, Carola Millgramm, zuletzt betonte.

Die Bayerische Furcht

Dennoch wittern einige bereits eine deutsche Benachteiligung. "Wir beobachten die Entwicklungen beim Gasspeicher in Haidach mit großer Sorge", sagte etwa Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Nicht ohne eine Kritik an dem deutsch-österreichischen Abkommen hinterherzuschieben: "Heute haben wir eher den Eindruck, dass sich nur zugunsten von Österreich etwas bewegt hat. Es geht bei Haidach aber um die Versorgung von ganz Deutschland. Sie betrifft neben Bayern auch Baden-Württemberg und andere Bundesländer."

Söder und sein baden-württembergischer Amtskollege Winfried Kretschmann befürchten, dass die beiden Bundesländer im Falle eines Gasmangels in die Röhre blicken könnten. Ein Gasnotstand könnte die Wirtschaft in Bayern und Baden-Würtemberg hart treffen. Unter anderem deshalb, weil der Süden bei einer Gasverteilung im Nachteil sein könnte, wie Kretschmann betont.

Von den Flüssiggas-Terminals in Norddeutschland würden die beiden Bundesländer wegen der Entfernung als letzte profitieren. "Bei den Pipelines sind Bayern und Baden-Württemberg die letzten Glieder in der Kette. Wenn im Norden zu viel Gas entnommen wird (...) das wäre fatal", sagt Kretschmann den Tageszeitungen "Südwest Presse" und "Badische Zeitung". "Sollte Bayern als wirtschaftsstärkstes Bundesland nicht ausreichend versorgt werden, betrifft das die Gesamtwirtschaft. Wer den Süden abkoppelt, legt das ganze Land lahm", legt Söder nach. Statistisch gesehen sind Bayern und Baden-Württemberg besonders wirtschaftsstark. Beim Bruttoinlandsprodukt folgten die beiden Bundesländer im vergangenen Jahr den beiden Stadtstaaten Hamburg und Bremen. Um den wirtschaftlichen Schaden im Falle eines Gasmangels abzuwenden, sieht Söder jedoch den Bund in der Pflicht.

Alles doch nicht so schlimm?

Beschwichtigung kommt allerdings vom Chef der Netzagentur. Um einen Gasmangel zu verhindern, arbeite man bereits daran, Gas aus Frankreich über das Saarland in den Süden zu transportieren. Und selbst ein Sprecher des bayerischen Wirtschaftsministeriums sagte am Montag auf AFP-Anfrage, dass durch den Anschluss des Gasspeichers an das österreichische Gasnetz keine Engpässe in Bayern zu befürchten seien.

Obschon Putins Gasspiele für kleinere Reibereien sorgen, dürfte es vor allem einer sein, der am Ende der Verwirrspielchen der Kopf schwirrt: Das wäre der russische Präsident höchstpesönlich. Sein Plan, die europäischen Partner zu entzweien, ist wohl, trotz bayerischer Bedenken, in Haidach erst mal zum Scheitern verurteilt. Gemeinsame Werte schweißen offenbar doch besser zusammen als chemische Flüssigkeiten.

Quellen: Bundesnetzagentur, Astora, Wingas, "Süddeutsche Zeitung", "Der Standard", mit Material von AFP und DPA


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