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Fragen & Antworten Wie sich die Energiepreise weiterentwickeln könnten

Wie sich die Energiepreise zusammensetzen
Steckdosenleisten zum Abschalten helfen beim Energiesparen
© Hauke-Christian Dittrich / DPA
Seit wenigen Wochen sind die Energiepreise wieder auf Talfahrt, vor den Küsten Europas stauen sich die LNG-Tanker – aber der Chef der Bundesnetzagentur geht davon aus, dass sich die Preise 2023 vervierfachen. Wie passt das zusammen?

Inhaltsverzeichnis

Putins Spiel mit dem Gashahn hat die Preise sprunghaft in die Höhe getrieben. Für Deutschland bedeutet der Krieg in der Ukraine eine Zäsur in der Zusammenarbeit mit Russland. Denn der Fluss in den Gaspipelines ist versiegt. Die Bundesrepublik muss seit Anfang September auf die Lieferung von russischem Erdgas verzichten.

Trotzdem ist es gelungen, die Gasspeicher zu füllen. Wie der europäische Gasspeicherverband GIE nun mitteilte, hat der Füllstand der Erdgasspeicher hierzulande die 100-Prozent-Marke geknackt. 245,44 Terrawattstunden Erdgas wurden am Montagmorgen registriert.

Was bedeutet das nun für den kommenden Winter und das neue Jahr 2023 insgesamt? Hat Deutschland bei den Füllständen ausgesorgt? Und sinken jetzt endlich wieder die Gaspreise? Ein Überblick über die wichtigsten Fragen und ihre Antworten:

Wie ist die aktuelle Situation auf dem deutschen Energiemarkt?

Derzeit sieht es nicht schlecht aus. Die deutschen Gasspeicher sind über den Rand hinaus voll. Das Bundeswirtschaftsministerium und Brancheninsider sind optimistisch, dass die Speicherstände Anfang Februar oder darüber hinaus noch bei 40 Prozent liegen werden. So ist es auch gesetzlich geregelt. Im sogenannten Gasspeichergesetz ist festgelegt, zu welchem Zeitpunkt welche Mindestfüllstände erreicht werden müssen.

Für die Händler sind die gefüllten Speicher nicht unbedingt gute Neuigkeiten. Denn es fehlen weitere Speicherkapazitäten, um zusätzliches Erdgas für die spätere Versorgung einspeichern zu können, teilt die Bundesnetzagentur auf stern-Anfrage mit. Der Chef der Behörde, Klaus Müller, plädierte deshalb zuletzt im "Spiegel"-Interview dafür, mehr Speicherplatz zu schaffen.

Reichen die Energiereserven für diesen Winter und darüber hinaus?

Modelle des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfachs e.V. (DVGW) zeichnen ein optimistisches Bild. Demnach sollte es der Bundesrepublik leicht fallen, die gesetzlichen Mindestfüllstände zum Ende des Winters einzuhalten. Weit skeptischer zeigt sich dagegen Bundesnetzagenturchef Klaus Müller. Er sorgt sich vor allem um die Wetterprognosen. Sollte es wider Erwarten in den kommenden Wochen frostig werden, dann könnten sich die Speicher binnen neun bis zehn Wochen leeren, sagte Müller zuletzt im Interview mit dem "Spiegel".

Egal wie sich der Winter hierzulande entwickelt: Am Ende müssen die Gasspeicher wieder gefüllt werden, um für den darauffolgenden Winter gerüstet zu sein. Das Bundeswirtschaftsministerium sieht sich mit dem Gasspeichergesetz allerdings gut gewappnet. Bedenken äußerte zuletzt dagegen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (mehr dazu lesen Sie hier).

Was bedeutet das alles für die Gaspreise?

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) bezeichnet die Preisentwicklung im Großhandel als "volatil". "Niemand weiß genau, wie sich die Preise in den kommenden Wochen und Monaten entwickeln", heißt es auf stern-Anfrage. Auch die Bundesnetzagentur gibt keine Auskunft über mögliche Preisentwicklungen. Allerdings geht sie davon aus, dass die Preise wieder steigen werden, wenn die Temperaturen sinken und damit die Gasnachfrage steigt. Auch das Ifo-Institut teilte dem stern mit, dass Auskünfte über Entwicklungen beim Gaspreis praktisch unmöglich sind.

Insgesamt sind sich die Ifo-Forscher und Experten der Verbraucherzentrale aber einig, dass die Gaspreise das Niveau vor der Corona-Pandemie und 2021 nicht mehr erreichen werden. Mittelfristig werde es also darauf ankommen, den Gasverbrauch im Gebäude- und Industriesektor massiv zu reduzieren, heißt es vom Bundesverband der Verbraucherzentralen.

Warum lassen sich die Gaspreise so schwer prognostizieren?

Laut Ifo-Institut gibt es zahlreiche Faktoren, die das Geschehen auf dem Gasmarkt beeinflussen. Beispielsweise das von Bundesnetzagenturchef Klaus Müller vielfach gefürchtete Wetter. Jetzt, wo die Temperaturen noch moderat und die Speicher voll sind, ist der Gaspreis wieder gesunken. Sollten die Temperaturen plötzlich stark fallen, dürfte auch die Nachfrage steigen – und damit auch der Gaspreis.

Auch politische Entscheidungen spielen eine Rolle. Zuletzt hatte die Entscheidung der Bundesregierung, die Akw-Laufzeit vorübergehend zu verlängern, die Ifo-Prognosen zu den Preisentwicklungen hinfällig gemacht.

Was bedeutet das für die Verbraucher?

Weil Russland seine Gaslieferungen nach Deutschland und Europa nun eingestellt bzw. gedrosselt hat, bleibt das Gas auf dem Weltmarkt knapp – und teuer. Aber: "Grundsätzlich haben kurzfristige Schwankungen an den Energiemärkten erst einmal keinen direkten Einfluss auf die Endkundenpreise", teilt das BDEW schriftlich mit. Starke Veränderungen bei den Börsenstrompreisen wirken sich nicht sofort auf die Endverbraucher aus, weil sehr viele Versorger das benötigte Gas langfristig in Teilmengen und Schritt für Schritt zu verschiedenen Zeitpunkten beschaffen. "Die Strategie der Versorger glättet also die Entwicklungen an den Energiebörsen und schützt die Kunden vor starken Preissprüngen", resümiert das BDEW.

Selbiges gilt für den Gaspreisbestandteil "Beschaffung": Er steigt nicht sprunghaft, wenn die Börsengaspreise steigen. "Beispielsweise hat sich der Gaspreis im Großhandel seit Anfang 2021 zeitweise verzwölffacht, der Gaspreisbestandteil 'Beschaffung' in diesem Zeitraum jedoch nur etwa verfünffacht", rechnet das BDEW vor. Umgekehrt sinkt er aber auch nicht im gleichen Umfang, wenn die Gaspreise an der Börse fallen. Das bedeutet: Wenn die Börsenstrompreise sinken, können die Preise für die Endverbraucher trotzdem noch einige Zeit hoch bleiben.

Machen sich die gesteigerten Börsenstrompreise bald bemerkbar?

Davon ist auszugehen. Im Sommer hat sich der Preis für Strom kurzfristig verdoppelt: von ungefähr 240 auf über 500 Euro. Damit kostete eine Kilowattstunde 50 Cent. Zum Vergleich: 2021 zahlten Haushalte durchschnittlich knapp 32 Cent pro Kilowattstunde Strom, im Januar diesen Jahres waren es dann 34,6 Cent, im April gut 37 Cent. Weil der Staat die EEG-Umlage abschaffte, sanken die Gaspreise kurzfristig. Allerdings dürften sie bald wieder steigen, weil die Stromanbieter die Kosten wegen höherer Beschaffungspreise anpassen wollen. Nach Berechnungen des Portals Strom-Report zahlten Neukunden Anfang September durchschnittlich 41 Cent pro Kilowattstunde.

Auch der Bundesverband der Verbraucherzentrale rechnet mit weiter ansteigenden Gas-, Fernwämre und Strompreisen für private Haushalte. "Wenn die Gas- und Strompreisbremsen kommen, sollten diese die Preisspitzen abpuffern"; heißt es in einer schriftlichen Antwort.

Wie sehen die Energiepreise derzeit aus?

Im Großhandel kostet eine Megawattstunde (MWh) Strom derzeit 130 Euro (Stand: 10. November 2022). Die MWh Gas kostet 108 Euro (Stand 15. November 2022). Zwar haben sich die Strompreise bereits in den letzten Jahren unter anderem durch die Pandemie massiv erhöht. Jetzt erleben sie wegen des Ukraine-Krieges aber einen neuen Höhepunkt.

Wann sind die Energiepreise zuletzt gesunken und warum?

Laut dem Wirtschaftsblatt "Forbes" sind die Einkaufspreise für Gas zuletzt im September und Oktober gefallen – aufgerechnet kurz nachdem Putin den Gasfluss gen Deutschland versiegen ließ. Ende Oktober zahlten Stromanbieter an den entsprechenden Börsen 10,5 Cent pro Kilowattstunde und damit nur geringfügig mehr als im Vorjahr.

Quellen: BDEW – Gaspreisanalyse, BDEW – Strompreiszusammensetzung, "Forbes", Strom-Report, Bundesnetzagentur

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