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Energiekrise Alles nur Panikmache? So wahrscheinlich ist ein Blackout in Deutschland

Nebel zieht an Strommasten vorbei. Es besteht die Sorge über mögliche Blackouts.
Die EU-Kommission bereitet sich auf mögliche Stromausfälle und andere Notlagen innerhalb der Europäischen Union vor. Experten geben für Deutschland jedoch Entwarnung.
© Nicolas Armer / DPA
Die EU bereitet sich auf Blackouts in verschiedenen Mitgliedstaaten vor. Doch wie wahrscheinlich ist so ein großer Stromausfall in Deutschland? Der stern hat Branchenvertreter und Energieexperten um eine Einschätzung gebeten.

Der Ukraine-Krieg und die Engpässe bei den Gaslieferungen nähren aktuell die Furcht vor Stromausfällen. Spätestens mit den Wartungsarbeiten an der Pipeline Nord Stream 1 stellten sich nicht nur Fragen nach gefüllten Gasspeichern und Strom sparen. Auch Meldungen und Berichte über mögliche Katastrophenszenarien im Fall eines kompletten Netzausfalls wandern seitdem vermehrt durch Netz und Presse. Und auch die Haushaltsliste des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katatstrophenhilfe dreht immer häufiger ihre Runden.

Dass dieses Bedrohungsszenario wahrscheinlicher wird, zeigten jüngst Reaktionen aus Brüssel. Wegen der russischen Invasion bereitet sich die EU-Kommission auf mögliche Stromausfälle und andere Notlagen innerhalb der Europäischen Union vor. "Es ist gut möglich, dass Katastrophenhilfe auch innerhalb der EU nötig wird", sagte zuletzt der EU-Kommissar für humanitäre Hilfe und Krisenschutz, Janez Lenarcic, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Konkret nannte er einen Blackout.

Sollten bestimmte Länder von einem massiven Netzausfall betroffen sein, sollen die Mitgliedstaaten Stromgeneratoren liefern. Wäre eine große Zahl an Ländern gleichzeitig betroffen, so dass die EU-Länder ihre Nothilfe-Lieferungen an andere Mitgliedsstaaten deckeln müssten, könne die Kommission den Bedarf aus ihrer strategischen Reserve bedienen. Zu dieser Reserve für Krisenfälle zählen Löschflugzeuge, Generatoren, Wasserpumpen und Treibstoff, aber auch medizinisches Gerät und inzwischen auch Medizin, sagte Lenarcic dem RND.

Der Unterschied zwischen Stromausfall und Blackout

Einen Blackout, wie er derzeit von politischer Seite aber auch über die Medien kommuniziert wird, ist "reine Panikmache", sagt Ansgar Hinz, Vorstand der Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e.V. Gruppe (VDE). "Der Krieg hat das Risiko für einen Blackout nicht erhöht", sagt er auf Anfrage des stern. Das bestätigen auch die Bundesnetzagentur und das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katatstrophenhilfe (BKK). Ein solches Szenario sei in Deutschland zumindest äußerst unwahrscheinlich.

Probematisch an der ganzen Debatte rund um Blackouts und Stromausfälle sei, laut Hinz, vor allem das fehlende Sachverständnis. So verwechseln viele die beiden Begriffe oder setzen sie gleich. Dabei handelt es sich um zwei unterschiedliche Szenarien. Bei einem Blackout bricht das Energieversorgungsnetz unkontrolliert zusammen. Ursächlich hierfür könnten etwa Klimakatastrophen sein.

Maßnahmen im Falle eines Stromausfalls sind dagegen in der Regel planbar und erfolgen meist aus zwei Gründen: Zum einen kann es sich um Fehler von Betriebsmitteln handeln, oder einen geregelten Eingriff, um das Netz zu stabilisieren. Ein Beispiel hierfür sind die USA. Weil die Temperaturen im Sommer zuletzt auf über 40 Grad kletterten, musste stellenweise die Versorgung heruntergefahren oder abgeschaltet werden, um das Netz nicht zu überlasten. Zum anderen könnten aber auch ausgefallene Betriebsmittel, etwa ein Transformator, einen Stromausfall auslösen. "Dann gibt es einen Störfall, der kann regional begrenzt sein oder aber im Worst Case in einer Kettenreaktion zu einem Blackout führen", erklärt der VDE Vorstandsvorsitzende Hinz.

"Wir haben keine Stromkrise"

Für das Jahr 2020 bezifferte die Bundesnetzagentur die Dauer der Versorgungsunterbrechung pro Verbraucher auf knapp 11 Minuten. Das BKK schreibt von einem europäischen "Spitzenwert". Stromausfälle sind nach Einschätzung des Experten aber vor allem hausgemacht. Einen Beitrag leisten auch die Verbraucher. Nach Informationen des "Tagesspiegel" wurden allein zwischen Jaunar und Juni diesen Jahres gut 600.000 Heizlüfter gekauft – ein Plus von 35 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Würden die Heizlüfter alle über die privaten Steckdosen zuhause ans Stromnetz angeschlossen, könnten lokal Stromausfälle erfolgen – weil das Netz überlastet wäre. "Das ist eine importierte Stromkrise, die nichts mit einem Blackout zu tun hat", sagt Hinz.

Überhaupt warnt er davor, von einer Stromkrise zu sprechen, da das deutsche Energienetz im weltweiten Vergleich zu einem der ausfallsichersten Stromnetze gehört. Wegen des Krieges in der Ukraine und den Sanktionen gegen Russland wird derzeit lediglich das Gas knapp, das aber laut Statistischem Bundesamt im letzten Jahr lediglich etwas über 12 Prozent des deutschen Strombedarfs deckte. Laut Bundesnetzagentur wurden im August diesen Jahres 10 Prozent des Stroms mit Erdgas produziert, liegt aber hinter Braunkohle, Photovoltaik und Steinkohle auf Platz vier bei den häufigsten Energieressourcen in Deutschland.

Trotzdem will das BKK Stromausfälle in Folge eines Gasmangels "nicht vollständig" ausschließen, "wenngleich sie nach aktuellem Stand nicht zu erwarten sind". In einem jüngst durchgeführten Stresstest kommen vier deutsche Übertragungsnetzbetreiber zu dem Ergebnis, das selbst "stundenweise krisenhafte Situationen im Stromsystem im Winter 22/23 sehr unwahrscheinlich sind". Deutschland verfüge über eine hohe Versorgungssicherheit, heißt es nicht nur in dem Bericht, sondern auch von der Bundesnetzagentur und dem BKK.

Stromausfälle und Blackouts gehören zum Basisrepertoire von Betreibern

Für die wenigen und kurzfristigen Stromausfälle, die sowohl die Energieexperten des gerade durchgeführten Stresstests sowie Hinz vom VDE nicht gänzlich ausschließen wollen, gibt es Richtlinien, wie im konkreten Fall reagiert werden soll. "Das Netz wird dann geregelt wieder hochgefahren, um die Leitungen nicht zu überlasten", sagt Hinz. Und für Verbraucher gilt: Bei Stromausfall möglichst alle energieintensiven Geräte vom Netz nehmen. Das macht es den Energieversorgen einfacher, die Versorgung wiederherzustellen. "Ein Blackout gehört zum Standardkrisenszenario eines Netzbetreibers, damit muss man sich standardgemäß beschäftigen, weil es immer passieren kann, dass ein Betriebsmittel oder ein Kraftwerk ausfallen kann." Das macht ihn aber nicht wahrscheinlicher – daran ändern auch die angekündigten Vorbereitungen der EU nichts.

Hinz ist ohnehin überzeugt, dass sich die EU-Kommission schon viel früher mit der Frage der Versorgungssicherheit hätte beschäftigen sollen. Er selbst bezeichnet sich zwar als Verfechter erneuerbarer Energien, räumt aber ein: "Ohne zusätzliche Reserven kann das Energienetz im Fall der Fälle nicht wiederhergestellt werden." Allein mit Wind- und Sonnenenergie lässt sich das Energieproblem nicht lösen. Soll heißen: Reservekraftwerke, zu denen AKW und Kohlekraftwerke zählen, werden in naher Zukunft weiterhin gebraucht, um die Lücke zwischen Energiebedarf und Ressourcen zu schließen. "Wir wollen zwar 100 Prozent erneuerbare Energien, müssen aber auch netzdienliche Kompromisse eingehen."

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