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Energiewende Strom statt Getreide? Das neue Geschäftsmodell der (österreichischen) Landwirte

Solarpaneele stehen auf einem Feld
Felder bringen nicht nur Getreide, Obst und Gemüse – sondern auch Energie
© Boris Roessler / DPA
Ein Weg, um die Energiewende vornazutreiben: Land- und Energiewirtschaft zusammenbringen. In Österreich laufen derzeit die ersten Projekte. In Deutschland hakt es dagegen noch.

Seit Jahren versuchen europäische Staaten von fossilen auf erneuerbare Energien umzusatteln. Dem Klima zuliebe, wie es so schön heißt. Doch während die Energiewende vielerorts zuletzt nur schleppend anlief, will man sich wegen des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine besser gestern als heute von den fossilen Energieträgern lösen. Aber so schnell geht das nicht. Die Terminals für Flüssiggaslieferungen müssen erst noch gebaut werden, und über den Platz für Solar- und Windkraftanlagen wird vielerorts heftig gestritten. Dabei suchen die Regierungen gerade händeringend nach alternativen und vor allem nachhaltigen Lösungen.

Landwirte könnten dabei künftig eine Rolle spielen. Österreich macht es bereits vor. Die Alpenrepublik will ihren Energiebedarf bis 2030 komplett mit Erneuerbaren decken. Dafür müssen noch Wasserkraftwerke, Windräder Biomassenanlagen und Solarpaneele gebaut werden. Die Sonnenenergie will die Regierung vor allem über versiegelte Flächen wie Gebäude- und Industriedächer abfangen. Aber auch freie Flächen sollen dafür genutzt werden.

In Österreich werden jährlich etwa Flächen vergleichbar mit 18 Fußballfeldern versiegelt. Das muss nicht sein, findet etwa der Präsident des Oberösterreichischen Bauernverbundes, Georg Strasser. Deshalb sollen landwirtschaftliche Flächen gleich doppelt genutzt werden: für die Getreide- und Energieproduktion.

Energiewende: Wenn Landwirte zu Energiewirten werden

Die Symbiose aus Strom- und Lebensmittelgewinnung – Agrarphotovoltaik genannt – bringt zwei Vorteile: Zum einen werden die Landwirte so von der öffentlichen Stromversorgung unabhängiger und können umliegende Haushalte mit dem eigens erzeugten Strom mitversorgen – und so zusätzlich Geld verdienen. So geschehen etwa in der Gemeinde Neumarkt im Mühlkreis, nord-östlich von der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz. Die Anlage der Gemeinde versorgt bereits 100 Haushalte mit Strom.

Auch im niederösterreichischen Pöchlarn gibt es ein solches Projekt. Seit gut einem Jahr reihen sich auf einem Feld an der Donau mehrere Solarpaneele aneinander und schützen gleichzeitig die noch jungen Obstbäume. Weitere umranden ein Feld, auf dem Getreide angebaut wird. An diesem Ökosolarbiotop wird gerade erforscht, wie landwirtschaftliche Flächen am besten genutzt werden können.

Hinter den Projekten steckt großes Potenzial, wie die oberösterreichische Landwirtschaftskammer findet. Zwar sei es wichtig, Dächer und vorbelastete Flächen für die Stromerzeugung zu nutzen. Aber: "Wenn wir noch Freiflächen brauchen, dann möglichst in Form von Agro-Photovoltaikanlagen. Das heißt, dass die überwiegende Nutzung landwirtschaftlich stattfindet", sagt der Präsident der Landwirtschaftskammer Oberösterreich, Franz Waldenberger, dem Sender ORF.

Solaranlagen erzeugen Strom und schützen Pflanzen

In Pöchlarn testet die Raiffeisen Ware Austria AG (RWA), die die Anlagen gebaut hat, was technisch auf den Feldern alles möglich ist. Das Unternehmen für Agrartechnik hat auf dem Feld an der Donau etwa Solarpaneele errichtet, die mit der Sonne mitwandern. Weitere Anlagen sollen in luftiger Höhe die Sonnenstrahlen einfangen und die darunter blühenden Pflanzen vor Hagel und Starkregen schützen. Damit die Pflanzen noch genügend Sonnenlicht abbekommen, sind die Anlagen mit halbdurchsichtigen Glas-Glas-Modulen ausgestattet.

Die RWA arbeitet mit der Universität für Bodenkultur und dem Lehr- und Forschungszentrum Francisco Josephinum. Auf Vergleichsflächen beobachten sie, wie sich die Pflanzen mit und ohne Solaranlagen entwickeln.

Der produzierte Strom kommt schon jetzt einem benachbarten Futtermittelproduzenten zugute. Auf ein Jahr gerechnet könnte das Unternehmen mit den Anlagen seinen gesamten Stromverbrauch decken. Für Bauernbund-Präsident Georg Strasser sind die Solarpaneele auf den Feldern auch deshalb attraktiv, weil alte Hallen in der Landwirtschaft die Solaranlagen noch nicht tragen können. Sofern die Äcker weiterhin zu hundert Prozent genutzt werden können, seien die Anlagen auf den Feldern eine gute Option.

Strasser sieht aber noch einen weiteren Vorteil: "Wir wollen auch liefern – und wir wollen aus der Rolle des Klimasünders heraus."

Erste Projekte auch in Deutschland

Laut Umweltbundesamt trägt die Landwirtschaft entschieden zum Klimawandel bei. Einer Schätzung zufolge sollen im vergangenen Jahr 54,8 Millionen Tonnen CO2 aus der deutschen Agrarwirtschaft gekommen sein. Laut Statistik entspricht das sieben Prozent an den gesamten Treibhausgas-Emissionen des vergangenen Jahres. Werden Verbrennungen mit einberechnet steigt der Anteil auf acht Prozent.

Deshalb produzieren auch hierzulande einige Landwirte bereits Strom für den deutschen Markt. Etwa in Nordrhein-Westfalen. Laut Landwirtschaftsverband Westfalen-Lippe produziert ein Viertel der Landwirte in dem Bundesland nicht nur landwirtschaftliche Produkte, sondern auch Energie. Photovoltaikanlagen wurden zum Teil schon auf Hofdächern installiert und jede fünfte Windkraftanlage in NRW wird privat von Landwirten betrieben.

Auch in Schleswig-Holstein gibt es Versuche, um Solarparks auf Feldern zu errichten. Doch Kritiker befürchten, dass dadurch wertvolle landwirtschaftliche Flächen verloren gehen und die Lebensmittelproduktion eingeschränkt wird. Deshalb wurde das Vorhaben bei einem Bürgerentscheid im letzten Dezember zunächst abgelehnt.

Vielleicht hilft da der Blick nach Österreich, um zu sehen, dass sich Energie- und Landwirtschaft nicht ausschließen müssen.

Quellen: ORF, "Der Standard", NDR, Bundesinformationszentrum Landwirtschaft, Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Umweltbundesamt

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