SCHULDNERBERATUNG Mit der EC-Karte zum Schuldenberg

Bargeld ist out - selbst im Supermarkt wird heute mit EC-Karte bezahlt. Leider verlieren viele beim bargeldlosen Einkauf den Überblick und geben aus, was die Karte hergibt.

Zwei Wochen lang lebte F. wie ein König. Er kaufte ein, wozu er Lust hatte. Egal, was es kostete - solange die nicht gedeckte EC-Karte ihren Dienst tat. Turnschuhe, Klamotten, Alkohol, Zigaretten. Plötzlich waren es 10.000 Euro und das Konto gesperrt. »Mir war nicht klar, dass es so viel war«, sagt der 22-Jährige heute. Jetzt hockt dem Sozialhilfeempfänger ein Dutzend Gläubiger auf der Pelle, die alle sein Geld wollen. Zudem sind 300 Euro Rückbuchungsgebühren aufgelaufen. Auch das Arbeitsamt will Geld zurück: Zwei Monate lang zahlte es Arbeitslosenhilfe, ohne zu wissen, dass er im Gefängnis saß.

Erschreckend viel junge Leute

Mehr als 34 Prozent der Betroffenen, die bei der Schuldnerberatung in Mecklenburg-Vorpommern landen, sind jünger als 27 Jahre. Tendenz steigend. 1995 waren es noch rund 18 Prozent. Landesweit kümmerten sich die 32 Beratungsstellen bisher um mehr als 14.000 Klienten.

Sause statt sparen

Seit fünf Wochen ist F. Vater und will sein Leben ordnen. Vor allem sucht er Ruhe vor den Gläubigern, die ihm bereits den Gerichtsvollzieher schickten. Deshalb hat er die Schweriner Schuldnerberatung »Lichtblick« um Hilfe gebeten. Mit einem zerknirschten Grinsen im Gesicht - halb schüchtern, halb trotzig - sitzt er in dem kleinen Büro und versucht zu erklären, wie alles kam. »Ich weiß auch nicht, ich kam gerade aus dem Gefängnis, brauchte neue Klamotten, wollte einfach feiern abends«, sagt F.

Am Schlimmsten: kein Konto

»Viel kann ihm nicht mehr passieren«, sagt Peter Schneider. »Schlimmer, als kein Konto mehr zu haben, kann es kaum kommen.« Der Leiter der Beratungsstelle »Lichtblick« schätzt, dass zwölf Prozent aller Haushalte im Land überschuldet sind, also rund 95.000. »Viele mögen das aber nicht zugeben.« Allein im Jahr 2001 kamen rund 4.200 Beratungsfälle im Land neu dazu.

Seine Sozialhilfe muss sich F. als Scheck auszahlen lassen. Da sie weit unter der Verpfändungsgrenze liegt und bei ihm auch sonst nichts zu holen ist, müssen die Gläubiger warten. »Ich hab das selbst verbockt«, sagt F. Er will zumindest einen Teil des Geldes in Raten zurückzahlen, wenn er wieder etwas verdient. Er befürchtet, nie wieder ein Konto zu bekommen. Und ohne Konto wird er nur schwer einen vernünftigen Job finden, befürchtet Schneider.

Psychologische Signale

Als erste Hilfe wird Beraterin Antje Karsch einen Brief mit dem jungen Mann aufsetzen, indem er seinen Gläubigern genau dies sagt: »Ich bin zahlungswillig, aber zur Zeit zahlungsunfähig«. Das ist psychologisch wichtig und alles Weitere verhandelbar, sagt Karsch.

Kein strafbarer Tatbestand

Schneider findet es schlimm, dass das Bezahlen mit nicht gedeckten Karten nicht strafbar ist. Das verleitet geradewegs dazu.- man muss ja keine rechtlichen Konsequenzen fürchten. »Für den Klau eines Päckchens Zigaretten gibt's sofort eine Anzeige. Wenn aber einer für 10.000 Euro einkauft, von denen er weiß, dass er sie nicht hat, kommt er durch.«


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