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Skandale bei der Telekom: Betrug, Bestechung, Doping

Aktionärsklagen, verschwundene Kunden-Reklamationen, ein vom Doping verseuchtes Radteam und nun das: Die Telekom bespitzelte Mitarbeiter und Journalisten. Das ehemals staatliche Unternehmen ist - bei genauerem Hinsehen - schon seit Jahren ein Hort handfester Skandale.

Von Catrin Boldebuck und Elke Schulze

August 1993: Bestechungsskandal

Fast drei Jahre lang kassieren vier Telekom-Beamte Bestechungsgelder für die Vergabe von Werbeaufträgen - insgesamt etwa zehn Millionen Mark über drei Jahre. Im Gegenzug dürfen die Firmen auf die Rechnungen bis zu 100 Prozent aufschlagen. Brisant: Von den 19 Mitgliedern des Ausschusses, der die Affäre untersucht, nehmen einige selbst Bestechungsgeschenke wie Edel-Feuerzeuge und Luxusuhren an.

Januar 1996: Mondscheintarife

Im Vorfeld des geplanten Börsengang erhöht der noch monopolisierte Staatsbetrieb Telekom massiv seine Preise, so dass Juristen gegen diese "sittenwidrigen" Tarife vor Gericht ziehen. CSU-Ministerpräsident Edmund Stoiber geißelt die Tariferhöhung als "ausgesprochen unsozial". Der damalige Telekom-Chef Ron Sommer: "Mit den alten Tarifen wären wir in zwei Jahren bankrott." Trotzdem bringt die Erhöhung das Unternehmen nicht in die Gewinnzone.

September 1996: Lauschaffäre I

Bedienstete des Frankfurter Telekom-Fernamtes hören regelmäßig Auslandsferngespräche mit an. Per Dienstanweisung schalten sie sich in Gespräche ein, angeblich um die Qualität der bestehenden Verbindung zu prüfen und um herauszufinden, wie lange die Gespräche dauern. Die Lauscher sind zu neugierig: Die Affäre wird publik, als ein Bankkaufmann von einer Freundin Details aus einem Gespräch mit einer dritten Person vorgehalten bekommt. Die Freundin ist ebenfalls mit einem der Telekom-Mitarbeiter bekannt.

November 1996: Börsengang I

Die von Banken als ohnehin schon überteuert angesehene T-Aktie wird seit März 1996 mit massivem Werbeeinsatz (Werbespot mit Schauspieler Manfred Krug, der sich inzwischen dafür entschuldigt hat) und einem Rabatt für Privatanleger am Markt platziert. Darafhin bricht zum ersten Mal in der deutschen Geschichte ein Aktienfieber in der Bevölkerung aus. Das Papier ist um mehr als das Doppelte überzeichnet. Ausgabekurs: 14,57 Euro. Am ersten Tag steigt der Kurs um 21 Prozent.

Februar 1997: Frühpensionierung I

Im Frühjahr '95 fordert die ostfriesische Telekom ihre Mitarbeiter per Rundbrief auf, mit Hilfe eines fachärztlichem Attestes vorzeitig aus dem Dienst ausscheiden zu können. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in 179 Fällen. Vorstandschef Ron Sommer versucht, den Vorfall als "Einzelinitiative" eines Sozialberaters herunterzuspielen. Tatsächlich lassen sich im darauf folgenden Jahrbei 4000 Telekom-Beamte frühpensionieren. Durchschnittsalter: 51 Jahre.

Juni 1999: Börsengang II

Zum Ausgabepreis von 39,50 Euro werden in einer zweiten Tranche 286 Millionen Aktien ausgegeben. Damit hält der Staat nur noch 67 Prozent der Telekom. Im März 2000 erreicht die Telekom-Aktie mit 104,90 Euro ihren höchsten Stand. Von nun an geht es steil bergab. Die dritte Tranche wird im Juni zum Preis von 66,50 Euro wird ausgegeben. Für 8,5 Milliarden Euro ersteigert die Telekom dann eine UMTS-Mobilfunklizenz.

Frühjahr 2001: Ergebniskorrektur

Das Unternehmen hat firmeneigene Immobilien nachweislich zu hoch bewertet und muss deshalb den Gewinn im Jahresabschluss um über zwei auf 5,9 Milliarden Euro korrigieren.

Juli 2001: Börsengang III

Die Telekom kauft den amerikanischen Mobilfunkanbieter Voicestream zum Phantasiepreis von über 35 Milliarden Dollar. Die Verschuldung steigt auf über 70 Milliarden Euro an. Daraufhin verkauft der Honkonger Konzern Hutchison Whampoa, ein ehemaliger Voicestream-Miteigentümer und nun Telekom-Aktionär, 44 Millionen T-Aktien. In der Folge fällt der Aktienkurs bis September unter den Ausgabepreis von 1996.

Februar 2003: Frühpensionierung II

Wie der stern berichtet, gehen immer noch bis zu 10.000 Beamte der Post, Postbank und Telekom jedes Jahr in Pension - fast alle sind vorzeitig dienstunfähig.

April 2003 Aktionärsklage I

Auf die deutsche Telekom rollt eine beispiellose Klagewelle zu. Etwa 17.000 Kleinanleger, die mit der angeblichen Volksaktie viel Geld verloren haben, werfen dem Unternehmen vor, bei Ausgabe der dritten Tranche im Börsenprospekt die Ertragssituation im Unternehmen geschönt zu haben. Sie verklagen den Telefonriesen auf Schadensersatz in Höhe von 100 Millionen Euro.

August 2004: Frühpensionierung III

Ein ehemaliger Leiter der Telekom-Niederlassung in Aurich wird wegen Betruges angeklagt. Er soll Mitte der 90er Jahre an der Frühpensionierung von 60 Beamten mitgewirkt haben, "ohne dass die Voraussetzungen dafür vorlagen". Laut Presseberichten sollen die Atteste für die Mitarbeiter falsch gewesen sein. Während der Privatisierung von Telekom und Post werden mehr als 70.000 Beamte dienstunfähig geschrieben und gehen vorzeitig in Rente - auf Kosten der Steuerzahler.

Laut Bericht im stern wurden außerdem rund 11. 000 Beamte in die hauseigene Auffanggesellschaft Vivento (interner Spottname "Wie wenn tot") versetzt und teilweise fürs Nichtstun bezahlt.

Mai 2005: Staatsanwaltschaft stoppt Telekom-Ermittlungen

Die Bonner Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen gegen Manager und Wirtschaftsprüfer der Deutschen Telekom wegen Falschbilanzierung ein. Es bestehe zwar weiter ein "hinreichender Tatverdacht", dass die sechs Beschuldigten die Verhältnisse des Unternehmens von 1995 bis 1997 und im Börsenprospekt vom November 1996 in "strafrechtlicher relevanter Weise" falsch dargestellt haben. Aber wegen der lange zurück liegenden Tat, wird die Klage fallen gelassen. Die Manager und Wirtschaftsprüfer müssen zwischen 60.000 und 250.000 Euro zahlen. Die Höchstsumme muss Ex-Finanzvorstand der Telekom Joachim Kröske leisten. Die Telekom erklärt, die Zustimmung zur Geldzahlung sei kein Schuldeingeständnis.

17. August 2005: Telegate gegen Telekom

Laut Beschluss der Bundesnetzagentur darf die Telekom pro Jahr nur noch 770.000 Euro für die Nutzung ihrer Kundendaten fordern. Bis dahin hatte der Konzern dafür 49 Millionen Euro von Auskunftdienstleistern verlangt und so den Wettbewerb blockiert. Als ehemaliger Staatskonzern war die Telekom 1996 per Gesetz dazu verpflichtet worden, das Teilnehmerverzeichnis als so genannte "Universaldienstleistung" weiterzuführen und die Daten allen Firmen zur Verfügung zu stellen. "Gegen ein Entgelt, das sich an den Kosten der effizienten Bereitstellung orientiert", wie es im Gesetz heißt. Der größte Konkurrent Telegate (11880 Verona Poth: "Da werden Sie geholfen") verklagt daraufhin die Telekom in drei Prozessen auf über 100 Millionen Euro Schadensersatz. Der Rechtsstreit dauert noch an.

Mai 2007: Streik bei der Telekom

Zwölf Jahre nach der Privatisierung befindet sich die Telekom im Ausnahmezustand: René Obermann, der neue Vorstandschef, fährt einen harten Kurs gegen die fast 100.000 Beschäftigten. Seit 1995 haben sie 16 Umstrukturierungen hinter sich, rund 120.000 Stellen wurden bereits abgebaut. Und nun sollen 50.000 Angestellte und Beamte in eine neue Service-Gesellschaft ausgelagert werden. Sie sollen länger arbeiten und weniger verdienen.

2007: Doping-Skandal

Am 21. Mai gesteht Bert Tietz im Fernsehen als erster ehemaliger Telekom-Radprofi Doping. Es folgen Christian Henn, Udo Bölts, Erik Zabel und Bjarne Riis. Im Juli gibt Radprofi Jörg Jaschke im "Spiegel" zu, zehn Jahre lang gedopt zu haben. Patrik Sinkewitz wird im Sommer vom Team suspendiert, weil er positiv auf Testosteron getestet wurde. Bereits seit 1999 hatte es immer Gerüchte um Doping bei den Telekom-Fahrern gegeben. Jan Ullrich, Tour de France Sieger von 1997, machte 2003 mit positiven Doping-Proben Schlagzeilen. Die Staatsanwaltschaft Bonn ermittelte gegen ihn wegen Betrugsverdachts.

Am 27. November wird das Team T-Mobile aufgelöst. Nach 16 Jahren endet die Geschichte des erfolgreichsten deutschen Radrennstalls. 10 Millionen Euro hatte der Konzern jährlich ins Radsportteam gepumpt.

Februar 2008: Reklamationen verschwinden

Der stern enthüllt: Monatelang werden 2007 bei der Telekom Reklamationen nicht bearbeitet. Weil sich die Beschwerden der Kunden stapeln, erhalten Mitarbeiter die Anweisung zum "systembedingten Abschluss", das heißt, die Reklamationen landen in einem toten Briefkasten. Der Grund: Die Kundenbetreuer kommen mit der Bearbeitung nicht hinterher. Im vergangenen Jahr wechselten zwei Millionen Kunden zur Konkurrenz. Bundesweit laufen pro Woche knapp 30.000 Beschwerden ein. Bis Mitte April stapeln sich laut Informationen von stern.de bei der Telekom mindestens 300.000 unbearbeitete Aufträge - weil das Computersystem im April streikte.

April 2008: Aktionärsklage II

In Frankfurt beginnt der Prozess, in dem über 900 Anwaltskanzleien die Telekom verklagen, den Börsenprospekt zur Ausgabe der dritten Aktientranche geschönt und den überteuerten Voicetream-Kauf verschwiegen zu haben. Der Ausgang des Prozesses ist ungewiss, Anwälte rechnet mit mindestens fünf Jahren Dauer.

Mai 2008: Lauschangriff Teil II

Laut Bericht vom 25. Mai im "Spiegel" ließ die Telekom Telefonverbindungen von Aufsichtsräten und Journalisten aus den Jahren 2005 und 2006 bespitzeln. Im Lauf der nächsten Tage weitet sich die Affäre weiter aus: Die Telekom schleuste einen Maulwurf in die Redaktion des Wirtschaftsmagazins "Capital" ein, forderte über Handydaten Bewegungsprofile von Aufsichtsräten und Journalisten an und soll sogar Bankdaten ausspioniert haben. Die Bonner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Ex-Vorstandschefs Kai-Uwe Ricke und Klaus Zumwinkel sowie sechs Sicherheitsleute.