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SPIELWAREN: Terror und Krieg wecken Sehnsüchte

In der heilen Kinderzimmer-Welt sind wegen des Sensationseffektes plötzlich Flugzeug-Miniaturen der Renner. Aber auch traditionelle Spiele haben wieder zugelegt.

Aus dem Grauen wurde Nils Lieblingsspiel: Immer wieder steuerte der fünf Jahre alte Bub aus Dietzenbach bei Frankfurt a. Main das Flugzeugmodell krachend in seinen Bauklotz-Turm - so lange, bis er die schreckliche Dimension der New Yorker Terroranschläge vom 11. September verarbeitet hatte. Nils ist, wenn man Kennern der deutschen Spielwarenbranche glauben darf, kein Einzelfall: »Der Umsatz von Flugzeug-Miniaturen hat seit dem 11. September deutlich zugenommen«, berichtet Corinna Impera vom Fachblatt 'Das Spielzeug'.

Flugzeug-Miniaturen sind gefragt

Deutschlands größter Miniaturmodell-Fabrikant Schabak in Nürnberg bestätigt das. Der Ladenverkauf von Flugzeug-Miniaturen stieg im vergangenen Herbst verglichen zum Vorjahr um zehn Prozent, berichtet Schabak-Inhaber Wolfgang Stolpe.

Absatzschub durch Sensationeffekt

Ob es dabei allerdings einen direkten Zusammenhang mit den Terroranschlägen vom 11. September gibt, darüber rätselt man auch in der Branche. Für den Miniaturen-Hersteller ist es jedenfalls erstaunlich, dass ausgerechnet Modelle vom Typ Boeing 757 und Boeing 767 im Herbst besonders stark nachgefragt waren - jene Typen, mit denen die Anschläge in den USA verübt worden waren. Während Stolpe auf den »Sensationseffekt« verweist, sehen andere das Bedürfnis von Kindern, das Grauen möglichst naturgetreu nachzuspielen, um es zu verarbeiten - sehr zum Entsetzen mancher Eltern.

Traditionelle Familienspiele profitierten

Als Folge des 11. September sieht die Branche aber auch noch einen anderen Effekt: den Trend zu traditionellen Spielwaren, der in vielen Geschäften deutlich zu spüren ist, berichtet Magnus Danneck vom Bundesverband des Spielwaren-Einzelhandels. »Aus der Verunsicherung nach dem 11. September haben viele die familiäre Geborgenheit gesucht«, berichtet der Verbandssprecher. Dabei fanden die Familien offenbar auch wieder bei traditionellen Brett- und Familienspielen zusammen. Nach Angaben des Geschäftsführers des Deutschen Verbandes der Spielwarenindustrie (DVS), Volker Schmid, lagen die Umsatzzuwächse bei Gesellschaftsspielen in 2001 »im zweistelligen Bereich«.

Nur nichts falsch machen

Dass Eltern vermehrt nach Brettspielen, Plüschtieren, Lego und Puppen statt nach Angst einflößenden Mini-Monstern und Laser-bewehrten Super-Helden griffen, ist auch für den Chefredakteur des Fachblatts 'Spielzeug International', Alfred Kropfeld, ein Indiz für diesen Trend: »Die Eltern greifen nach Spielzeug, bei dem sie meinen, dass man nichts falsch machen kann. Sie kaufen die Spielsachen, mit denen sie selbst als Kinder gute Erfahrung gemacht haben«, berichtet der Branchenkenner.

Action-Held: Feuerwehrmann

Nur wenige Spielzeug-Hersteller haben sich freilich so bewusst auf das schwierige Terror-Thema eingelassen, wie der US-amerikanische Spielzeug-Hersteller Fisher-Price. Er legte eine Action-Figur auf, die einem New Yorker Feuerwehrmann nachempfunden wurde. Die Figur, von der für jedes verkaufte Exemplar ein US-Dollar an einen Fonds zu Gunsten von Angehörigen der verunglückten Feuerwehrleute geht, entwickelte sich in den USA zum Verkaufsschlager. In Deutschland ließ die W+L Verlagsgesellschaft (»SpielSpass«) im schwäbischen Oberstenfeld ein Puzzle mit der noch intakten New Yorker SkyLine drucken. Der Erlös von rund 50.700 Euro (100.000 DM) soll Kindern verunglückter Helfer zugute kommen.