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Stadtplaner zur Karstadt-Krise: "Da entstehen tote Flächen"

Dieses Warenhaus prägte die deutschen Innenstädte, wertete ein Städtchen zur Stadt auf: Nun steht Karstadt vor der Insolvenz. Stadtplaner Thomas Sieverts, 75, wirft im stern.de-Interview einen nostalgischen Blick zurück auf das Warenhaus seiner Kindheit - und sieht bei einer Karstadt-Pleite eine "große Öde" in den Stadtzentren.

Herr Sieverts, der Karstadt-Mutterkonzern Arcandor steht vor der Pleite. So oder so: In vielen Innenstädten werden große Kaufhäuser verschwinden. Werden wir sie vermissen?

Der älteren Generation werden sie schon ziemlich fehlen. Für sie, und dazu zähle ich mich als 75-Jährigen auch, gehören die Kaufhäuser seit der frühen Kindheit zum Erlebnis Stadtzentrum. Da gab es tolle Sachen zu sehen: Rolltreppen, die Lifte mit den Boys, die sogar das jeweilige Geschoss ankündigten.

Das klingt arg nach Nostalgie.

Für heutige Jugendliche ist die Faszination ja offenbar weg - sonst hätten die Kaufhäuser auch genügend Kundschaft.

Sind Kaufhäuser nicht schon lange überflüssig?

Der Niedergang war ein schleichender. Früher war das Kaufhaus der Hauptmagnet der Innenstädte. Über zwei, drei Jahrzehnte hinweg bestand ein Gleichgewicht zwischen Warenhäusern und inhabergeführtem Einzelhandel. Die Warenhäuser haben für die Masse der Besucher gesorgt, aber bestimmte Kaufwünsche nicht abgedeckt. Dieses Gleichgewicht ist irgendwann aus den Fugen geraten.

Dann sind Kaufhäuser heute nichts anderes als Denkmäler, die man zu lange hat stehen lassen?

Es kann zumindest sein, dass die Warenhäuser ein typisches, auch kulturelles Merkmal der Stadt vom Ende des 19. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts gewesen sind. Immerhin hatte es 100 Jahre Bestand und ist nun als Vertriebsform nicht mehr zeitgemäß.

Wo zieht es junge Menschen heute hin?

Jedenfalls nicht mehr in die Innenstadt, sondern eher zu den großen, funktional spezialisierten Zentren, dorthin, wo es große Diskos und Kinokomplexe gibt.

Wenn es zu einer Allianz von Karstadt und Kaufhof kommt, müssten wohl 30 der rund 90 Karstadt-Filialen, aber auch zehn der derzeit 109 Häuser von Kaufhof aufgegeben werden. Wie verändert das die Städte?

Gewaltig. In der Stadt gäbe es eine große Öde. Bis die Flächen wieder neu besetzt sind, könnten unter Umständen Jahrzehnte vergehen. Das bemerkt man natürlich: Da entstehen blinde, tote Flächen.

Und wie können Stadtplaner diese toten Flächen wieder beleben?

In vielen funktionierenden Städten gibt es noch so etwas wie eine verkürzte Fußgängerzone. Dort gibt es im Wesentlichen gehobene Unterhaltungsangebote: Wochenmärkte, Restaurants, aber auch bestimmte Einzelhandelsbereiche wie den Schuhhandel. Dazu haben einige Ketten - wie etwa Zara - immer noch einen sicheren Platz. Dazu kommt, dass es die Chance gibt, schlicht wieder verstärkt in den Städten zu wohnen. Dafür sind - etwa mit verkehrsberuhigten Zonen - mittlerweile gute Bedingungen geschaffen worden.

Interview: Axel Hildebrand