HOME

Steuerhinterziehung: Zumwinkels persönliche Höchststrafe

Kritik am Urteil gegen Klaus Zumwinkel wird nicht ausbleiben: Viele sähen den Ex-Post-Chef, stellvertretend für eine gierige Managerzunft, gerne hinter Gittern. Doch Volkes Zorn tobt außerhalb rechtstaatlichen Denkens. Er hat das Finanzamt betrogen, nicht mehr und nicht weniger.

Ein Kommentar von Rolf-Herbert Peters

Nun ist Klaus Zumwinkel also ein verurteilter Straftäter. Am heutigen Montag um 14.35 Uhr verurteilte das Bochumer Landgericht den Ex-Postmann wegen Steuerhinterziehung von rund 970.000 Euro zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von einer Million Euro. Damit folgten die Richter überraschend dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Zumwinkel nahm das Urteil mit ruhiger Miene zur Kenntnis. Erschüttern konnte es ihn nicht. Es ist ein Strafrahmen, auf den seine Anwälte seit Monaten hingearbeitet haben.

Es besteht kein Zweifel, dass Richter Wolfgang Mittrup, seine zwei Amtskollegen und die zwei Schöffen mit Sorgfalt und Augenmaß entschieden haben. Vor- oder Nachteile wegen seiner Berühmtheit wurden dem gefallenen Manager wohl nicht zuteil. Mittrup hat sich streng an Paragraph 46 des Strafgesetzbuchs gehalten, der die Grundsätze der Strafzumessung regelt: Er hat Zumwinkels Vorleben ausgelotet, seine persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse, seine Beweggründe, seine Gier, seine kriminelle Energie, über zwei Jahrzehnte mithilfe einer Liechtensteiner Stiftung Steuern zu hinterziehen. Damit, so Mittrup, habe er seine Vorbildfunktion nicht mehr erfüllt. Zumwinkels Lebensleistung sei somit "deutlich geschmälert".

Mildernde Umstände

Der Richter hat aber auch mildernde Umstände anerkannt. Etwa dass Zumwinkel vor ihm persönlich ein reuiges Geständnis ablegte und die Steuerschuld gleich nach der Hausdurchsuchung am 14. Februar 2008 komplett beglichen hatte. Mittrup musste auch einkalkulieren, dass Zumwinkel wegen einer undichten Stelle in den Behörden seine persönliche Höchststrafe längst absitzt: Das Fernsehen hatte vorab von der Durchsuchung erfahren und sie live in die deutschen Wohnstuben übertragen. Dem medialen Pranger folgten Schmähbriefe und Morddrohungen. Touristenbusse passierten die Zumwinkel-Villa in Köln. Fast alle vermeintlichen Freunde wandten sich von ihm ab. Und die großen Bühnen, die Zumwinkel so liebte, die Kanzlerrunden, Weltwirtschaftsforen, Bambi-Verleihungen, sind ihm seitdem versperrt - wahrscheinlich für immer. Anderen verurteilten Steuersündern, etwa dem einstigen FDP-Spitzenmann Otto Graf Lambsdorff oder Tennislegende Boris Becker, erging es da deutlich besser. Sie kehrten schnell in die Öffentlichkeit zurück, als wäre nichts gewesen.

Und dennoch wird Kritik an dem nicht gerade laschen Zumwinkel-Urteil aufbrausen. Ungerecht, wird es heißen, die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen. Viele würden Zumwinkel am liebsten hinter Gittern sehen - stellvertretend für eine vermeintlich skrupellose, gierige Managerzunft. Des Volkes Zorn tobt jedoch außerhalb rechtstaatlichen Denkens: Beim Bochumer Prozess ging es eben nicht um eine Sippenstrafe für Wirtschaftslenker. Zumwinkel ist auch nicht vorbestraft, hat niemanden getötet oder vergewaltigt. Er hat das Finanzamt betrogen, wie es nach Expertenschätzungen Millionen Deutsche in unterschiedlichem Maße tun (und er hat übrigens im strafrelevanten Zeitraum rund zehnmal mehr Steuern gezahlt als hinterzogen). Für das Vergehen wird er bestraft. Und damit sollte der Steuerfall Zumwinkel auch erledigt sein.

Zumwinkel hat nichts als seinen Job

Für Psychologen könnte er allerdings aus einem anderen Grund spannend bleiben: Die zwei Prozesstage haben deutlich gemacht, wie erbärmlich eng es im goldenen Käfig eines hochdotierten Managers ist. Als der Richter Zumwinkel nach dem Geburts- und Todestag seiner Eltern fragte, stammelte dieser - und musste passen. Sprach ihn der Richter dagegen auf seinen Beruf an, wachte er wie aus einer Amnesie auf und verfiel in den alten verbindlichen Ton früherer Bilanzpressekonferenzen. Deutlich wurde den Zuschauern: Zumwinkel hat nichts als seinen Job. Ohne diesen verkümmert seine Persönlichkeit. Seine Leben, seine Ausbildung waren darauf ausgerichtet, wirtschaftlich zu funktionieren. Auch seine beiden Kinder haben übrigens Betriebswirtschaft studiert, Tochter Nina arbeitet inzwischen bei McKinsey - dort, wo Papas steiler Aufstieg einst begonnen hat.

Zumwinkel ist nicht der erste Top-Wirtschaftsmann, dessen Lebenszweck auf den beruflichen Erfolg reduziert ist. Ratiopharm-Eigner Adolf Merckle hat sich Anfang des Monats wegen einer ähnlichen Sinnkrise vor den Zug geworfen. Es wäre an der Zeit darüber nachzudenken, nach welchen ethischen Grundsätzen wir unsere Kinder in Zukunft ausbilden wollen, zumal die, die zur Elite zählen sollen. Wissen und Erkenntnis müssen künftig wieder im klassischen humanistischen Sinne Werte an sich sein, ein erstrebenswerter Teil des Lebens, ein möglicher Weg zum Glück. Bei Zumwinkel waren sie Mittel zum Zweck, um möglichst schnell Karriere zu machen. So hob er ab - und stürzte am Ende tief ins Unglück.