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Stromvertrag mit Tücken: Wie aus Schnäppchen-Strom ein Wuchertarif wird - mit nur einem Brief

Wer dieser Tage Post von seinem Stromanbieter bekommt, sollte das Schreiben lieber ganz genau lesen. Denn: Je harmloser die Wortwahl, desto krasser die Preiserhöhung - wie dieser Brief beweist.

Stromrechnung

Wer Preisanpassungsschreiben nicht ordentlich liest, kann eine böse Stromrechnung bekommen

Millionen Stromkunden erhalten in diesen Tage unangenehme Post. Denn zum Jahreswechsel wird Strom teurer. Mehr als 170 Grundversorger haben Preiserhöhungen für 2017 angekündigt. Vor allem höhere Netzentgelte und gesetzlichen Abgaben treiben die Preise.

Den Brief, in dem die Anbieter ihre ankündigen, sollten Verbraucher lieber ganz genau lesen. Denn manche Anbieter begnügen sich nicht damit, lediglich die gestiegenen Abgaben weiterzureichen. Sie nutzen die Gelegenheit, um auch selbst ein schönes Zusatz-Sümmchen einzustreichen. So zahlen Sie weniger für Stro... Vergleich Stromanbieter (1506474)

Das binden die Preiserhöher ihren Kunden aber natürlich nicht auf die Nase. Grundsätzlich scheint zu gelten: Je krasser die Preiserhöhung, desto intransparenter das Schreiben, in dem diese angekündigt wird. So sind die Verbraucherzentralen bereits gegen mehrseitige Schreiben vor Gericht gezogen, in denen die Preiserhöhung in einem Nebensatz versteckt war.

Zwei Preiserhöhungen in einem Brief

Das Preisvergleichsportal Switchup, das sich für faire Stromtarife starkmacht, berichtet nun von einer neuen Masche, über die sich Kunden des Anbieters Strogon beschweren. In dem Brief, der dem stern vorliegt, kündigt Strogon gleich zwei Preiserhöhungen an: eine zum 1. Januar und eine weitere zum 1. Dezember 2017 - also in mehr als einem Jahr. Was steckt dahinter?

Die zum 1. Januar angegeben Erhöhung ist gering, nur 0,58 Cent je Kilowattstunde. Dass im Dezember ein Vielfaches, nämlich nochmal rund 7 Cent aufgeschlagen werden, steht in dem Schreiben nicht. Lediglich der dann gültige neue Arbeitspreis von 33 Cent je Kilowattstunde ist angegeben. Garniert mit dem Satz: "Ein kostengünstiger Energietarif ist immer noch das beste Mittel, um den diversen Einflussfaktoren auf die Strompreise zu trotzen."

780 Euro mehr als im Vorjahr

Kostengünstiger Energietarif? Switchup hat sich die Kundendaten genau angesehen und festgestellt: Hinter dem Schreiben verbirgt sich eine Preiserhöhung von insgesamt 32 Prozent. Rechnet man den Neukundenbonus ein, den der Kunde im ersten Vertragsjahr erhält, steigt der Preis zum zweiten Vertragsjahr sogar um 78 Prozent.

Zahlte der Kunde im ersten Vertragsjahr noch insgesamt 1001 Euro für Strom, so müsste er künftig bei gleichem Verbrauch (rund 5000 Kilowattstunden) 1782 Euro zahlen. Das wäre sogar noch deutlich mehr als im aktuellen Grundversorgungstarif, der gemeinhin als besonders teuer gilt. "So eine dreiste Erhöhung haben wir bislang noch nicht erlebt", sagt eine Switchup-Sprecherin.

In der Schnäppchenfalle

Vom Schnäppchenstrom zum Wuchertarif mit nur einem Schreiben - so kann's gehen. "Es gibt eben leider eine Reihe von Anbietern, die günstige Lockangebote nutzen und damit ihren Kunden das Gefühl geben, sie seien in einem preisgünstigen Tarif. Doch dies ist dann - wie im aktuell vorliegenden Fall - im Folgejahr nicht mehr richtig", sagt die Switchup-Sprecherin.

Dazu kommt, dass die Versuchung, den Brief erstmal achtlos zur Seite zu legen, groß ist. Zwar könnte der Kunde theoretisch bis zum Wirksamwerden der Änderungen in einem Jahr von seinem Sonderkündigungsrecht Gebrauch machen. Doch wenn der Brief einmal in der Schublade liegt, ist es eher unwahrscheinlich, dass er nochmal rausgezogen wird. 

Zwei Preiserhöhungen in einem Brief - aber dass der Strom bald ein paar Hundert Euro mehr kostet, geht aus dem Schreiben nicht hervor

Zwei Preiserhöhungen in einem Brief - aber dass der Strom bald ein paar Hundert Euro mehr kostet, geht aus dem Schreiben nicht hervor

Stromanbieter Strogon sagte auf Anfrage des , die Preiserhöhung basiere "im Wesentlichen auf der Entwicklung der Netzentgelte, die bereits zum 1. Januar 2017 angepasst werden". Wegen einer zwölfmonatigen Preisgarantie könne man die Preisanpassung nicht schon früher weitergeben. " Wir haben uns jedoch dazu entschlossen, die Preiserhöhung nach dem ersten Vertragsjahr bereits jetzt zu kommunizieren, da es im Interesse des Kunden liegt, schon frühzeitig über die Entwicklung seines Strompreises informiert zu sein."

Wie man angesichts der dramatischen Preiserhöhung noch von einem "kostengünstigen Energietarif" sprechen kann, erklärte Strogon nicht. Man halte das Schreiben aber für transparent. "Auch wird dem Kunden durch die Wahl der Worte eindeutig aufgezeigt, dass die Preise ansteigen, so bsw. in der Betreffzeile der E-Mail." Die Betreffzeile der Mail lautet "Verbesserter Service - Anpassung Ihrer Preise". Dass der Kunde bald 780 Euro mehr im Jahr zahlt, das steht nirgendwo. 

Welche Erfahrungen haben Sie mit Stromanbietern und Preiserhöhungsschreiben gemacht? Schreiben Sie uns an "achtungkunde (at) stern.de" 

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