HOME

Studie: Kunden lässt hohe Mehrwertsteuer kalt

Die geplante Erhöhung der Mehrwertsteuer hätte kaum Auswirkungen auf den Konsum, zeigt eine stern.de exklusiv vorliegende Studie. Gedämpft wird die Kauflust durch Umstände, die den Einzelnen meist gar nicht betreffen.

Von Karin Spitra

In der Debatte über die Steuerpolitik nach einem Regierungswechsel und die möglichen Auswirkungen der geplanten Mehrwertsteuer-Anhebung durch eine Unionsregierung sorgt eine wirtschaftspsychologische Studie der Universität Hamburg für Überraschung. Demnach leidet der schwache Kauflust mehr unter der allgemeinen Unsicherheit in Deutschland, als unter der diskutierten Steuererhöhung. Selbst eine Anhebung auf 19 Prozent kann mit einer Konsumbelebung einhergehen. Allerdings nur, wenn die Renten sicherer werden und es weniger Arbeitslose gibt.

Konsumfreude nur bei Sicherheitsgefühl

Erst wenn die herrschende, allgemeine Verunsicherung durch eine veränderte gesamtwirtschaftliche Lage abgebaut wird, kann das den negativen Effekt auffangen, der einer Mehrwertsteuer-Erhöhung zugeschrieben wird. Das zeigen die beiden Befragungen, die an der Universität Hamburg von Prof. Erich H. Witte, Dipl.-Psych. Niels van Quaquebeke und Christina Mölders mittels Online- und Papier-Fragebögen durchgeführt wurden. An der Befragung nahmen knapp über 1300 Personen teil.

Dabei bewerteten die Befragten zunächst die aktuelle wirtschaftliche Situation für sich persönlich. Gefragt wurde dabei * nach der Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes, * dem Sparverhalten für die Rente, * einer erwarteten Steigerung der Krankenkassenbeiträge, * der eigenen Konsumfreudigkeit. Danach mussten die Befragten ihre Verunsicherung und ihr Kaufverhalten in einer anderen denkbaren wirtschaftlichen Lage einschätzen. Dabei wurde ihnen zufällig eine von acht verschiedenen Situationen vorgelegt, in denen die Arbeitslosenquote einmal elf und einmal sechs Prozent betrug, die Renten mal sicher oder mal unsicher waren und die Mehrwertsteuer einmal bei 16 oder einmal bei 19 Prozent lag.

Bei Erhöhung wird nicht weniger konsumiert

Bei niedriger Arbeitslosenrate und sicheren Renten zeigen sich die Befragten wesentlich kauffreudiger als in der jetzigen Situation - unabhängig von der Höhe der Mehrwertsteuer. Zudem relativieren die Ergebnisse den befürchteten Einbruch des Konsums bei einer Mehrwertsteuer-Erhöhung unter den gegebenen wirtschaftlichen Bedingungen: Zwar stimmen die meisten Befragten eher der Aussage "Wenn es eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 19 Prozent gäbe, würde ich mir weniger leisten" zu. In der Gesamteinschätzung einer Situation mit 11 Prozent Arbeitslosigkeit, unsicheren Renten (wie aktuell gegeben) und mit 19 Prozent Mehrwertsteuer ist aber kein bedeutsamer Rückgang der Konsumbereitschaft gegenüber der aktuellen Lage zu erkennen. Den Daten nach wird das Kaufverhalten also stärker durch die Zahl der Arbeitslosen und die Sicher- bzw. Unsicherheit der Renten beeinflusst, als durch den Mehrwertsteuersatz.

Beim persönlichen Sicherheitsempfinden gibt es dabei einen leichten, aber nicht sehr ausgeprägten Zusammenhang mit dem Alter und dem Einkommen. "Die Jüngeren konsumieren eher und sehen optimistischer in die Zukunft," so Studienleiter Prof. Erich Witte. "Das gilt auch entsprechend für das Einkommen: Je höher das Einkommen, desto eher wird die Zukunft positiv gesehen und desto eher ist man konsumbereit." Die beschriebenen Zusammenhänge sind jedoch nicht sehr ausgeprägt.

Keine Bedrohung des Lebensstandards

Auch für die persönlichen Zukunftserwartungen gilt: Der Lebensstandard wird positiver eingeschätzt als in der heute gegebenen wirtschaftlichen Lage, wenn die Mehrwertsteuer zwar erhöht, aber die Renten gesichert und die Arbeitslosigkeit verringert wären. Eine bloße Erhöhung der Mehrwertsteuer wird zumindest nicht als Bedrohung für den Lebensstandard wahrgenommen - wird aber auch keinem bedeutsamen Einfluss auf den Konsum haben. "Eine Anhebung der Mehrwertsteuer bewirkt auch wenig Positives und verschafft den Menschen keine größere Sicherheit für die Zukunft. Das aber muss das Ziel einer zusätzlichen Belastung der Bevölkerung sein," so Witte.

Für die politische Praxis bedeuten diese Befindlichkeiten, dass Mehreinnahmen durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer zweckgebunden in eine Sicherung der Renten und eine Senkung der Arbeitslosigkeit investiert werden müssen. So könnte der Konsum nicht nur konstant gehalten, sondern auf längere Sicht sogar angeregt werden. "Eine Mehrwertsteueranhebung als solches scheint die Bevölkerung zwar zu stören, aber in letzter Konsequenz nicht konsumrelevant zu sein, die Unsicherheit hinsichtlich zukünftiger Renten und der eigenen Arbeitssituation hingegen schon," erklärt Diplompsychologe Niels van Quaquebeke. "Eine Mehrwertsteuererhöhung, die sich in der Kommunikation zwischen Lohnnebenkostensenkung, Länderbezuschussung und Familienfinanzierung verliert, wird den Menschen ihre Unsicherheit nicht nehmen können - sogar eher im Gegenteil, diese wahrscheinlich nur noch weiter stabilisieren." Nach Ansicht des Wirtschaftspsychologen wird sich erst ein Ausgleichskonzept, welches klar die Unsicherheiten der Bevölkerung reduziert und dabei auch so klar kommuniziert wird, auf den deutschen Binnenmarkt blebend auswirken.

Kein Unterschied zwischen Ost und West

Dabei spielt für das persönliche Sicherheitsempfinden der Wohnort keine Rolle: Weder Ost- und West- noch Nord- und Süddeutsche unterscheiden sich in ihren Einschätzungen. Ebensowenig zeigen sich Unterschiede zwischen Arbeitsuchenden und Berufstätigen. "Es sind alle in gleichem Masse verunsichert," so Witte. "Die Ostdeutschen sind keine besondere Gruppe von Menschen, übrigens gibt es auch kein Nord-Süd-Gefälle." Die Bayern sind demnach ebenso verunsichert, wie die Schleswig-Holsteiner oder die Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern. Die Menschen erwarten von der Politik in allen Bundesländern eine klare Strategie, die sie für wirkungsvoll halten, selbst wenn die Belastung in gewissen Grenzen zunehmen würde. "Die Menschen brauchen Planungssicherheit für ihre Zukunft," fasst Witte zusammen, "nur dann werden sie ihre Sparrate auch reduzieren."