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Südafrika: Kerzen statt Kernkraft

Notstrom-Aggregate und Kerzen sind der jüngste Kassenschlager in Südafrikas Touristenmetropole Kapstadt. Seit das vor den Toren der Stadt gelegene Atomkraftwerk Koeberg schwächelt, flackern die Lichter immer öfter.

In Kapstadt flackern die Lichter: Mitten in der Tourismussaison hat der staatliche Stromversorger Eskom die Bevölkerung für die kommenden Monate auf weitere Stromausfälle eingeschworen. Der Grund: Einer der beiden Generatoren des Kraftwerks musste zerlegt werden - und der verbleibende soll gewartet werden. In der Stadt, die gerade durch eine verheerende Brände international Schlagzeilen gemacht hat, drohen kalter Kaffee und Campingkocher in Restaurants und Pensionen.

Auch VW-Produktion betroffen

Der Strommangel hat selbst aufs Nachbarland Namibia sowie den mehrere hundert Kilometer entfernt gelegenen Industriestandort Port Elizabeth Auswirkungen, wo Volkswagen Golfs und Jettas für den Weltmarkt produziert. Ende 2005 hatte es mehrfach Stromausfälle gegeben, weil der Reaktor in Koeber heruntergefahren werden musste, nachdem ein acht Zentimeter langer Bolzen ins Generatorgehäuse gelangt war. Niemand hatte bisher eine Erklärung dafür, wie das normalerweise außen fixierte Teil dahin kam.

"Der Bolzen hat im Inneren des Generators einigen Schaden angerichtet", musste Eskom-Geschäftsführer Thulani Gcabashe zugeben. Während sein Unternehmen auf dem Weltmarkt fieberhaft gebrauchte Teile für die Reparatur suchte - aus Zeitgründen entfällt die Anfertigung von Neuteilen - brodelte die Gerüchteküche. Sie bewegt sich zwischen Sabotage, Schlamperei und Verschwörung, um die Öffentlichkeit auf den neuen PBMR-Reaktor einzuschwören. Der Prototyp des von Südafrika neu entwickelten Mini-Kraftwerks soll in den nächsten Jahren neben dem alten Atomkraftwerk entstehen. Der parallel zu einem in China entwickelten ähnlichen Typ basiert auf deutscher Technologie und soll einmal Südafrikas Exportschlager werden.

Gasturbinen für die Energiesicherheit

Bis dahin gilt es, die Energiesicherheit mit dem bestehenden Atomkraftwerk zu garantieren - allerspätestens bis 2010, wenn der Kap-Staat die Fußball-Weltmeisterschaft ausrichtet. Zwei neue Gasturbinen-Kraftwerke sollen das 1984 mit französischer Hilfe fertig gestellte Atomkraftwerk unterstützen. Es ist Afrikas einzige Kernkraftanlage und trägt mit 1800 Megawatt gut drei Prozent zur Gesamtproduktion des Landes bei. Der einzige Zwischenfall, der bisher Schlagzeilen machte, war die symbolische Besetzung des AKW-Geländes durch die Umweltorganisation Greenpeace im Jahr 2002.

Das war zum Ende des Erdgipfels der Vereinten Nationen, bei dem in Johannesburg hehre Absichtserklärungen zur Nutzung umweltschonender Energiequellen abgegeben worden waren. Doch von Solar- und Windenergie will Südafrikas Regierung nicht viel wissen. Von Einzelprojekten abgesehen gibt es dafür weder staatliche Förderung noch Programme. Energiepolitisch sind Atom- und Wasserkraft Trumpf. Jahrelang waren Kohlekraftwerke zudem das Rückgrat des Kap-Staates - Kohle gibt es im Übermaß.

Energiesparen ist ein Fremdwort

Von Stromausfällen betroffen ist auch Johannesburg. Die Ursachen sind vielschichtig: ein veraltetes Leitungssystem, mangelnde Wartung, schlechte Planung. Die boomende Wirtschaft hat weitere Nachfrage geschaffen, während zugleich das Ingenieurskorps nach dem Ende der Apartheid durch oft unerfahrene junge schwarze Nachwuchskräfte ersetzt wurde. Eine jahrzehntelange Überkapazität mit weltweit günstigsten Strompreisen hat zudem im Lande zu einer Haltung geführt, die mit dem Wort Energiesparen nichts gemein hat.

Ralf E. Krüger/DPA / DPA