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"Team Wallraff": Eingesperrt in der Gummizelle: Undercover-Reporter zeigen untragbare Zustände in Psychiatrien

Überbelegung, Gewalt und eine fensterlose Zelle: RTL-Reporter haben sich als Praktikanten in Psychiatrien eingeschleust und untragbare Zustände aufgedeckt.

Gewalt gegen Patienten, aber auch gegen Pfleger, sind in manchen psychiatrischen Einrichtungen ein Problem

Gewalt gegen Patienten, aber auch gegen Pfleger, sind in manchen psychiatrischen Einrichtungen ein Problem

Dass eine Psychiatrie kein einfacher Ort ist, dürften die meisten Menschen erahnen. Doch die Zustände, die die Undercover-Reporter des "Team Wallraff" in ihrer gestrigen Sendung aufgedeckt haben, sind teilweise schockierend. Über ein Jahr recherchierten mehrere Reporter für das RTL-Format als vermeintliche Pflegepraktikanten undercover in vier verschiedenen Einrichtungen, auf die sie durch Beschwerden aufmerksam geworden waren.

So schlüpft die Journalistin Stefanie Albrecht in die Rolle der Praktikantin Petra im Klinikum Frankfurt-Höchst. Auf der Akutstation erlebt sie schwierige Zustände. Sie beobachtet, wie drei junge Männer mit Gurten fixiert werden, eine Kollegin erklärt dazu, dass einzelne Patienten bis zu acht Wochen lang fixiert werden. Wegen Personalmangel falle die den Patienten eigentlich zustehende 1:1-Betreuung aus. Die Klinikleitung erklärte gegenüber RTL, dass die Auflagen zur 1:1-Betreuung seit Juli 2018 gelten. "Die gesetzlichen Vorgaben werden selbstverständlich beachtet, trotz des damit verbundenen hohen Personal- und Verwaltungsaufwandes." 

Fensterlose Zelle im Keller

Regelrecht verstörend ist, was die Reporter aus einer Jugendhilfe- und Wohneinrichtung für Menschen mit psychischen Problemen in der Eifel berichten. Dort gibt es im Keller einen Deeskalationsraum, eine Art Gummizelle ohne Tageslicht und Toilette, mit Guckloch in der Tür, in die angeblich Bewohner als Strafmaßnahme gesperrt werden. Ein Undercover-Reporter berichtet von einem Bewohner, der dort über mehrere Tage lang eingesperrt wurde.

Die Einrichtungsleitung der Firma Case Project erklärte gegenüber RTL, dass der Bewohner den Raum "auf eigenen Wunsch über mehrere Tage immer wieder nutzt", um Ruhe zu suchen. Es sei immer ein Mitarbeiter bei dem Klienten. Die Behauptung, dass Klienten ihre Notdurft in einen Eimer verrichten müssten, sei falsch. In einer Stellungnahme auf der Homepage kritisiert die Einrichtung, der Bericht betreibe Skandalisierung und reiße Situationen aus dem Zusammenhang.

In dieser Zelle im Keller einer Einrichtung sollen Bewohner teils tagelang ohne Tageslicht sitzen

In dieser Zelle im Keller einer Einrichtung sollen Bewohner teils tagelang ohne Tageslicht sitzen

 

Überbelegung und Übergriffe

Anderer Ort, andere Missstände: Im Vivantes Klinikum Spandau berichten die Reporter unter anderem von Überbelegung: Vierbettzimmer sind mit fünf Personen belegt, manche Kranke bekommen nur ein Bett auf dem Flur. Zudem erlebt der Reporter, wie Personal Beruhigungsmittel unters Essen mischt, sodass die Patienten die Einnahme nicht bemerken. Ein ehemaliger Vivantes-Betriebsratschef legt dem "Team Wallraff" mehrere Anzeigen vor, in denen das Pflegepersonal Überlastung, Überbelegung und Übergriffe durch Patienten dokumentiert.

Die Klinikleitung erklärt gegenüber RTL, Medikamente würden "grundsätzlich nur mit informierter Einwilligung an Patienten abgegeben". Bei der Belegung käme es immer wieder zu erheblichen Schwankungen, weil die meisten Aufnahmen als Notfälle erfolgten. Immerhin stehen nach einem gerade abgeschlossenen Ausbau nun 18 weitere Betten zur Verfügung.

Im Furtbach-Krankenhaus in Stuttgart gibt es laut der Recherchen ein ganz anderes Problem. Dort äußern Pfleger dem Reporter gegenüber den Verdacht, dass viele der Patienten hier gar nicht hingehören. Einige der teils 80- bis 90-jährigen Patienten hätten gar keine psychische Störung, sondern benötigten einfach einen ganz normalen Pflegeheimplatz. Viele Patienten würden aufgenommen und ohne psychiatrische Diagnose wochenlang dabehalten, weil dies einfaches Geld gebe. Die Klinikleitung widerspricht RTL: Die Behauptung, Patienten würden länger dabehalten als erforderlich, weise man mit Nachdruck zurück.

Der stern hat bei allen Einrichtungen um ergänzende Stellungnahmen angefragt.

Update 14 Uhr: Die Firma Case Project erklärt, der Deeskalationsraum stehe in der Erwachsenenhilfe "am Ende einer Kette von Maßnahmen, wenn akute Eigen- und/oder Fremdgefährdung vorliegt". So solle verhindert werden, dass Patienten in eine Akutklinik überwiesen werden müssen. "Die Nutzung des Deeskalationsraums im Rahmen des Deeskalationskonzepts wird von den Mitarbeitern überwacht und die Bewohner werden nicht eingesperrt."

Update 17 Uhr: Vivantes räumt ein, dass einige Aspekte der gezeigten TV-Szenen nicht den eigenen Ansprüchen an eine gute psychiatrische Versorgung entsprächen, wirft RTL aber zugleich eine skandalisierende Berichterstattung vor. Die kritisierten Missstände seien nicht so schwerwiegend, dass sie heimliche Aufnahmen und eine Verletzung der Intim- und Privatsphäre der Beteiligten rechtfertige.

Das Klinikum Frankfurt Höchst weist die "stark verkürzte und aus den individuellen Zusammenhängen sowie Krankheitsbildern gerissene Berichterstattung über die Arbeit auf der geschützten psychiatrischen Station zurück". An der Infrastruktur werde unabhängig davon gearbeitet, eine endgültige Verbesserung der baulichen Gegebenheiten  werde durch einen bereits beschlossenen Neubau erreicht.

Den kompletten "Team Wallraff"-Beitrag können Sie in der Mediathek ansehen

Depressionen
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